Eine Alternative zur Kita

03.07.2018, Steffi Bey

Marzahn-Hellersdorf. In Marzahn-Hellersdorf gibt es 47 Tagespflegestellen, in denen 231 Kinder liebevoll betreut werden. Das Problem: Nur wenige kennen diese Alternative zur Kindertagesstätte. Tagesmütter und -väter wollen dies nun gemeinsam mit dem Bezirk ändern.

Kleine Gruppen, private Atmosphäre

Sie leisten genau das, was Experten für Kleinkinder empfehlen: Tagesmütter und -väter, die sich in liebevoll ausgestatteten Tagespflegeeinrichtungen um Mädchen und Jungen kümmern. „Unsere Angebote sind aber noch zu wenig bekannt und oft werden wir nur als Notnagel gesehen“, bedauert Romy Bittersohl, die seit mehr als 20 Jahren kleine Gruppen in ihrer Wohnung betreut. Und auch eine andere Tagesmutter sagt: „Wir wollen endlich als gleichberechtigte Anbieter neben den Kitas wahrgenommen werden.“

Denn das, was die qualifizierten und zertifizierten Frauen und Männer leisten, kann nicht nur mit dem Alltag in Kindertagesstätten mithalten, sondern geht darüber hinaus: So erfolge die Betreuung und Förderung der Mädchen und Jungen in kleinen, familiennahen Gruppen, zudem gebe es zu jeder Tageszeit eine feste Bezugsperson und es werde individuell auf die Bedürfnisse jedes Kindes eingegangen, nennen die beiden Erzieherinnen wesentliche Vorteile. Außerdem verlaufe der Tag mit einem geringeren Geräuschpegel als in einer großen Kita und die Kids finden sich in den deutlich kleineren Räumen besser zurecht.

Ganz wichtig sei das „einfühlsame Eingehen auf die Bedürfnisse der Kleinen“, betont Romy Bittersohl. „Wenn ich beispielsweise merke, ein Mädchen oder ein Junge ist frühmorgens noch ganz müde, dann lege ich die Kinder noch mal hin“, sagt sie. Gefrühstückt wird dann eben in zwei Etappen.

Austausch im Netzwerk

Mehr als die Hälfte der im Bezirk ansässigen Einrichtungen – insgesamt gibt es derzeit 47 sogenannte Tagespflegestellen, die 231 Kinder betreuen – schloss sich vor zwei Jahren zu einem Netzwerk zusammen. Sie tauschen sich regelmäßig aus, helfen sich untereinander und teilen positive Erfahrungen. Die meisten betreuen vier bis fünf Kinder im Alter zwischen Null und drei Jahren.

Es gibt aber auch die Pflege im Verbund, bei der sich zwei Tagesmütter und -väter um acht bis zehn Mädchen und Jungen kümmern. Egal welche Form die selbstständigen Erzieher anbieten, alle orientieren sich am Berliner Bildungsprogramm. Das bedeutet unter anderem: Auch die Sprachentwicklung der Kinder wird in einem Sprachlerntagebuch dokumentiert.

Einige Erzieher waren vorher in „normalen Kindertagesstätten“ beschäftigt – haben jedoch ihren Entschluss, eigenständig zu wirken, nie bereut. „Es ist ein viel ruhigeres, individuelles Arbeiten, das mir großen Spaß macht und vor allem den Kindern gut tut“, fasst Anja Pischke zusammen.

Bevor Eltern ihre Kleinen einer gesetzlich anerkannten Tagespflegeeinrichtung anvertrauen, können sie sich ausführlich über das jeweilige Angebot informieren. „Wir zeigen ihnen unsere Räumlichkeiten und die Kleinen haben später dann auch Eingewöhnungszeiten“, macht Romy Bittersohl deutlich.

Vielschichtig sind die pädagogischen Ansätze. Jede Einrichtung verfolgt ihr eigenes Konzept. Das reicht vom Situationsansatz über die Montessori- sowie Reggio- und Waldpädagogik bis zum Prager-Eltern-Kind-Programm.

Gesunde Hausmannskost

Umfangreich ist auch das Verpflegungsangebot, denn mit kaum einer Ausnahme werden die Kinder mit selbstgemachtem und gesundem Essen versorgt, das frisch und behutsam zubereitet wird. „Auf Allergiker nehmen wir besondere Rücksicht“, sagt Nancy Taege, die gemeinsam mit ihrem Mann in einer Verbundeinrichtung vegetarisch kocht.

Die Betreuungskosten für die Kindertagespflege werden weitestgehend wie für einen Kitaplatz geregelt. Seit 1. Januar 2018 ist sie für alle Kinder kostenfrei. Allerdings fällt ein monatlicher Pauschal-Beitrag für den Verpflegungsanteil in Höhe von 23 Euro an. Notwendig für die Finanzierung ist immer ein Kita-Gutschein.

Jugendstadtrat Gordon Lemm (SPD) sieht die Tagespflege-Angebote auf jeden Fall „gleichwertig mit dem, was in Kindertagesstätten gemacht wird“. Diese Fachkräfte leisten einen kleinen, aber sehr wichtigen Beitrag, um dem Mangel an Kita-Plätzen im Großbezirk entgegenzuwirken. „Deshalb unterstützen wir solche Initiativen“, betont der Politiker. So werden die Angebote unter anderem in einem Schaukasten im Jugendamt publiziert, außerdem erscheint in Kürze ein Flyer zum Thema Kinder-Tagespflege in Marzahn-Hellersdorf. Interessierte Erzieher, die sich selbstständig machen wollen, werden zudem vom Jugendamt beraten und begleitet. „Aktuell sind wir mit drei Bewerbern im Gespräch, die Tagespflege-Einrichtungen eröffnen wollen“, berichtet Gordon Lemm.

Eltern, die sich für einen Platz in einer Tagespflegeeinrichtung interessieren, können sich auf einer eigens vom Jugendamt eingerichteten Internetseite informieren.

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