Berlins größte Grabung – Forschungsareal Biesdorf

Ein Goldmünzen-Fund gab den Hinweis

10.10.2019, Marcel Gäding

Fotos: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita (1), Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / Cl. Klein (2), ABA Schirmer & Bräunig GbR (3,4), Marcel Gäding (5)

Biesdorf. Rund um die Wuhle siedelten schon 9.000 Jahre vor Christus Menschen. Ihre Spuren ziehen sich durch alle wichtigen Epochen und liefern für die Forschung wertvolle Funde, wie jetzt eine Ausstellung im Neuen Museum in Mitte zeigt.

Funde aus sehr alter Zeit

Der Regen der vergangenen Tage hat den Pegel der Wuhle wieder ansteigen lassen. Aus kleinen Kanälen fließt das Wasser, die Strömung auf dem insgesamt 16,5 Kilometer langen Fluss transportiert eine Entenfamilie Richtung Köpenick. Dunkel ist der Boden am Ufer, die Pflanzen links und rechts sind noch satt grün. Zwischen den Bäumen sind die Dächer neuzeitlicher Einfamilienhäuser zu sehen, die in den vergangenen Jahren entstanden. Habichtshorst heißt jene Siedlung nahe der Köpenicker Straße in Biesdorf. Gepflegte Vorgärten, akkurat gestutzter Rasen und heimische Obstbäume prägen das Bild der Vorstadtidylle. Was vermutlich nur wenige der Kiezbewohner wissen: Ihre Gegend war schon mindestens 9.000 Jahre vor Christus als Wohnort äußerst beliebt. Den Beleg liefern Funde, die jetzt in einer sehenswerten Ausstellung mit den Namen „Berlins größte Grabung. Forschungsareal Biesdorf“ im Neuen Museum zu sehen sind.

Rund 100 bedeutende Fundplätze in Biesdorf

Gut 15 Jahre hatten Mitarbeiter der Staatlichen Museen zu Berlin über 22 Hektar in Biesdorf systematisch erforscht, behutsam Sand- und Gesteinsschichten freigelegt. So etwas ist in Berlin durchaus üblich, bevor – wie im Fall Habichtshorst – neue Bauprojekte verwirklicht werden. In Biesdorf entdeckten die Forscher an die 100 bedeutende Fundplätze, wie Dr. Anne Sklebitz, die Kuratorin der Ausstellung, berichtet. Einen ersten Hinweis, dass in Biesdorf bereits seit mehr als 10.000 Jahren Menschen siedeln, lieferte eher zufällig ein Bewohner bereits Ende der 1920er-Jahre: Bei Arbeiten im Garten stieß er auf eine durchlochte Goldmünze. Diese war, wie sich später herausstellte, ein Relikt aus der Zeit des römischen Kaisers Caracalla. Das Goldstück wurde zwischen 211 und 217 nach Christus hergestellt. „Solche Funde gelten für unsere Region als selten“, sagt Dr. Anne Sklebitz. Und da es sich bei dem Areal links und rechts der Wuhle um eine Gegend mit fruchtbaren Böden handele, wusste man, dass dies nicht das einzige Zeugnis längst vergangener Zeiten bleiben würde.

Größtes Berliner Ausgrabungsprojekt

Die Wuhle zog schon weit vor unserer Zeit Menschen an und bot ihnen ein Zuhause – denn die Bedingungen waren ideal. Das Flüsschen lieferte wertvolles Wasser, um Tiere zu tränken und um Ackerbau zu betreiben. „Hinzu kommt, dass dort das Grundwasser gut erreichbar ist und die Böden nicht allzu matschig sind“, erklärt Wissenschaftlerin Sklebitz. Und offenbar hatten ihre Kollegen den richtigen Riecher, als sie 1999 das erste Mal eines der Baufelder genauer unter die Lupe nahmen. Am Ende untersuchten sie akribisch rund 22 Hektar Fläche – und machten daraus das bislang größte Ausgrabungsprojekt dieser Art in Berlin.

11.000 Jahre alte Hirschmaske

Die Ausbeute für die Wissenschaftler ist imposant. Münzen, Nadeln und Keramiken sowie ein Abzeichen der DDR-Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend“. – Belege vom Leben in der Jungsteinzeit bis in die Gegendwart in Biesdorf. Als spektakulär bezeichnen die Wissenschaftler eine Hirschmaske, die mindestens 11.000 Jahre alt ist. Sie wurde einst von Schamanen für Rituale benutzt. Weltweit sind nach Angaben von Dr. Anne Sklebitz nur fünf Orte bekannt, an denen ähnliche Masken gefunden wurden.

84 Brunnen nachgewiesen

Innerhalb der 15 Jahre Forschungsarbeit konnten zudem auch 84 Brunnen verschiedener Bauformen nachgewiesen werden. Ein Beispiel dafür, dass Biesdorf schon immer ein beliebter Wohnort gewesen sein muss. In einigen der Wasserstellen wurden Pflanzenreste entdeckt, die Erkenntnisse über die Ernährung, aber auch das Färben von Textilien liefern. Funde von Tierknochen lassen den Schluss zu, dass in Biesdorf zudem Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde und Hunde gehalten wurden.

Komplette Siedlung von 600 vor Christus

Vor allem aber konnten etliche Lücken in den Unterlagen der Archäologen gefüllt werden. So wurde aus der Eisenzeit, genauer gesagt aus der Zeit der Jastorf-Kultur (600 vor Christus) eine nahezu komplett erhaltene Siedlung entdeckt. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt die Mitarbeiterin der Staatlichen Museen zu Berlin.

Der Öffentlichkeit zugänglich gemacht

Die gewonnenen Erkenntnisse sollen keineswegs im Archiv verstauben. Sie werden nun im Rahmen der Ausstellung „Berlins größte Grabung. Forschungsareal Biesdorf“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dort werden einerseits die Funde präsentiert. Andererseits laden verschiedenen Stationen der Sonderausstellung dazu ein, einen Blick in die Arbeit der Archäologen zu gewinnen. So werden Studierende regelmäßig in der Schau kleinere Ausgrabungen vorführen und erklären nebenbei, welche Schlüssen sie daraus ziehen.

„Berlins größte Grabung. Forschungsareal Biesdorf“, zu sehen bis zum 19. April 2020, Neues Museum, Bodestraße, 10178 Berlin, geöffnet Montag bis Mittwoch und Freitag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag von 10 bis 20 Uhr sowie Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr.


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