Die Mulackritze wurde vor 50 Jahren gerettet

Ein Blick in das alte Berlin

01.12.2013, Klaus Tessmann

Im Gründerzeitmuseum Mahlsdorf bekommen die Besucher einen Einblick in die Lebenswelt der Menschen in den Gründerjahren von 1870/71 bis 1900. Eine besondere Attraktion steht seit genau einem halben Jahrhundert im Keller des alten Gutshauses.

Vor 50 Jahren – am 1. Dezember 1963 – räumte Charlotte von Mahlsdorf die Einrichtung einer Straßenkneipe in der Mulackstraße 15 aus. Über dem Lokal stand in gossen Buchstaben „15 Gastwirtschaft 15“. Unter diesem Namen war das Etablissement aber gar nicht bekannt. Unter dem Namen die „Mulackritze“ war es aber Berlinweit berühmt und berüchtigt. Das Haus Mulackstraße 15 wurde 1770 als Kneipe gebaut. Es war eine typische Berliner Arbeiterkneipe, sozusagen die gute Stube der armen Leute. Die Einrichtung mit dem Tresen, dem Rückbüfett stammt aus dem Jahr 1890.

Einst bekannteste Schwulen- und Lesbenkneipe

Die Mulackritze hatte einige Besonderheiten. Sie war Anfang des 20. Jahrhunderts eine der  bekanntesten Lesben- und Schwulenkneipen Berlins. In der Ecke am Tresen war öfter ein stämmiger Mann im Lodenmantel anzutreffen. Durch die Nickelbrille beobachtete der Mann ganz scharf und aufmerksam die Szenerie am Tresen und in der Kneipe. Heinrich Zille (1858 – 1929) sammelte Material für sein Theaterstück „Die Hurengespräche“. Das Theaterstück wurde 1913 aufgeführt und sofort von der Zensur verboten. Das war Zilles Berliner Milljöh aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit war dieses Viertel hauptsächlich von Arbeitern, Armen und von osteuropäischen Juden bewohnt. Für die Einen war die Mulackritze der „dolle Laden“ und für die Anderen die „olle Kaschemme“. Auf einem Schild an der Wand zeigt der Sparverein Immertreu an, wann die nächste Sitzung im Lokal stattfindet. Darin hatten sich kleine und große Kriminelle zusammengeschlossen. Von ihren Brüchen zahlten die schweren Jungs brav in die Vereinskasse ein. Mit diesem Geld wurden Rechtsanwälte finanziert, die die Jungs so schnell wie möglich aus dem Knast wieder rausholen sollten. Und wenn einer ihrer Vereinsbrüder wirklich einmal vom „Greifer“ gefasst wurde, dann gab es genug Zeugen, die ihm ein falsches Alibi gaben. In den zwanziger Jahren wurde die Ritze zum Eldorado jener Schauspieler, die später durch den Tonfilm zu Weltruhm kamen. Solche Schauspieler wie Henny Porten, Fritzi Massary, Claire Waldoff, Max Fallenberg, Hubert von Meyerinck, Gustav Gründgens, Wilhelm Bendow, Siegfried Breuer waren Stammgäste. Auch der jüdische Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld gehörte zu den Stammgästen. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen noch Bert Brecht und Helene Waigel dazu.

Lokaleinrichtung aus dem Abrisshaus gerettet

In der Dachstube gab es auf Wunsch des Gastes Streicheleinheiten oder „Liebe mit Hiebe“. Dazu diente ein hölzener Bock – der Hurenbock, der später erst in Unehren fiel und als Schimpfwort verwendet wurde. Auch diese „Hurenstube“ ist der Nachwelt erhalten geblieben. Die letzten Gastwirte waren Minna und Alfred Mahlich. 1951 wurden im Bezirk Mitte 32 Lesben- und Schwulenkneipen geschlossen, dazu gehörte auch die Mulackritze. Charlotte von Mahlsdorf (1928-2002) lernte die Mahlichs im November 1963 kennen. Das war wenige Wochen bevor das Haus abgerissen wurde. „Im letzten Moment konnte ich die ganze Lokaleinrichtung von Mahlichs komplett käuflich erwerben, um sie der Nachwelt als Museumsstück zu erhalten“, schrieb Charlotte in ihren Erinnerungen. Sie wies darauf hin, dass die Ritze die „letzte im Originalzustand erhalten gebliebene Zillekneipe von ganz Berlin“ war. Am 2. Januar 1964 war von der Szenekneipe nur noch ein Trümmerhaufen geblieben. Für Charlotte war damit „ein kleines Stück Berliner Geschichte für immer dahin gegangen.“

Für die Besucher des Gründerzeitmuseums wird die Geschichte der Mulackritze bei jeder Führung wieder lebendig.

Gründerzeitmuseum Mahlsdorf, Hultschiner Damm 333, Telefon 5 67 83 29, Öffnungszeiten Sonntag und Mittwoch von 10 bis 18 Uhr, Gruppen können sich auch außerhalb dieser Zeit telefonisch anmelden.

 

 

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