Eine Zeitreise

Durch Hohenschönhausen

29.12.2013, Klaus Tessmann

Foto: Klaus Tessmann

2014 jährt sich zum 30. Mal ein bedeutender Tag für das Neubaugebiet Hohenschönhausen. Am 9. Februar 1984 wird an der Barther Straße 3 der Grundstein für das Neubaugebiet gelegt. Bis 1985 entstehen 8.600 Neubauwohnungen, vornehmlich für junge Familien aus Berlin. Aus der rein landwirtschaftlich genutzten Fläche wird ein Wohngebiet. Die Ortsteile Malchow, Hohenschönhausen und Wartenberg werden zu Hohenschönhausen zusammengelegt.

Das Gebiet war zuvor jahrhundertelang kultiviert und galt später als „Gemüsegarten Berlins“. Große Teile der Feldmark dienten außerdem der Abwasserentsorgung der deutschen Hauptstadt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Rieselfelder als schachbrettartig terrassierte Kunstlandschaft angelegt worden. Reste dieser Rieselfelder kann man heute noch am Rand von Malchow sehen.  Am 11. April 1985 beschloss dann die Stadtverordnetenversammlung von Ost-Berlin die Bildung des zehnten Stadtbezirkes, Hohenschönhausen. Am 1. September 1985 wurde er offiziell gegründet. Der Rat des Stadtbezirks nimmt seine Amtsgeschäfte in der Matenzeile 28 auf. Ein am Prerower Platz geplanter Rathausneubau kann nicht verwirklicht werden.

Die „Idee Hohenschönhausen“ war nicht neu. Bereits in einem Prognoseplan aus dem Jahre 1917 wird davon ausgegangen, im Nordosten von Berlin im Bereich des Schnellbahnnetzes 637.000 Einwohner anzusiedeln. Rund um das Rathaus Hohenschönhausen an der Hauptstraße waren Neubauten für rund 28.000 Einwohner geplant. Entlang der heutigen Konrad-Wolf-Straße sollten nach dem Plan von 1917 Wohnungen für rund 100.000 Menschen entstehen.

Das Dorf am Rande von Weißensee
Die Geschichte Hohenschönhausens begann aber schon im Mittelalter. Grundlage für das Dorf ist eine Urkunde vom 18. Juli 1352, in der der Name erstmals auftauchte. So feierte Hohenschönhausen im Juli 2002 seinen 650. Geburtstag. Wie immer in den Dörfern rund um Berlin, gibt auch hier das Landbuch Kaiser Karl IV. Auskunft. Der Kaiser regierte aus Prag die neu hinzu gewonnenen deutschen Ländereien. Er wollte wissen, welche Steuern und Abgaben er für seine ausschweifende Hofhaltung erwarten konnte und schickte seine Amtsdiener im Jahre 1375 los, damit sie Menschen, Tiere und Ackerflächen auflisteten. In Hohenschönhausen wurden neun Kossäten verzeichnet und ein Dorfkrug oder eine Herberge. Das Dorf gehörte also schon im 14. Jahrhundert zum Umkreis von Berlin. Man produzierte vor allem Getreide für die Stadt.

Die Kirche aus Feldsteinen
Zeugnis der Geschichte ist die mittelalterliche Kirche im Dorf, erbaut um 1230. Noch heute ist deutlich zu erkennen, dass sie mit dem Material gebaut wurde, das die Siedler in ausreichender Menge fanden – Feldsteine. Um 1400 wurde die kleine Taborkirche erweitert, an der Nordseite baute man die Sakristei an. Das Gotteshaus hatte auch einmal einen Turm, er wurde 1470 aus Fachwerk gebaut. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Kirchturm mehrfach verändert. 1953 wurde er abgetragen, seitdem stehen die Kirchenglocken in einem Holzgerüst neben der Kirche. Die äußerlich unscheinbare Kirche besitzt eine einzigartige Inneneinrichtung. Dazu gehört der Marienaltar aus der Zeit um 1450, die beiden Heiligenfiguren wurden um 1430 angefertigt. Die historische Orgel sowie die Orgelempore und die Anfang des 17. Jahrhunderts eingefügte Kanzel sind ebenso sehenswert wie die Taufe mit Wappenmalereien von 1671.

Alt und neu beieinander
Die denkmalgeschützte Taborkirche ist das älteste Gebäude in Hohenschönhausen. Gleich daneben erhebt sich das 20geschossige Wohnhaus der Seefelder Straße 48/50. Alt und neu stehen eng beieinander. Das Gut Hohenschönhausen geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als das Gutshaus in der heutigen Hauptstraße Sitz des märkischen Adelsgeschlechtes derer von Röbel war. Es wurde mehrfach umgebaut. Heute wird das Gebäude unter Regie des Schlossvereins Hohenschönhausen e.V. zum Bürgerschloss saniert und modernisiert.

„Hohenschöngrünkohl“
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auf den fruchtbaren Flächen der Rieselfelder vor den Toren der Stadt der Obst- und Gemüseanbau. Die Bauern, die ihren Kohl nach Berlin auf die Märkte brachten, wurden für ihr „Hohenschöngrünkohl“ bekannt. 1920 wurde Hohenschönhausen nach Großberlin eingemeindet und gehörte zum Verwaltungsbezirk Weißensee. Bis vor 29 Jahren der eigenständige Stadtbezirk Hohenschönhausen gebildet wurde, war das Dorf vor allem durch seine großen Kleingartenanlagen bekannt. Die Straßenbahn fuhr vom Kupfergraben über Prenzlauer Berg bis zur Gartenanlage an der heutigen Wartenberger Straße.

Ende des 19. Jahrhunderts zog die moderne Technik auch in das kleine Dorf Hohenschönhausen ein. Am 21. Oktober 1899 fuhr die erste elektrische Straßenbahn von der Landsberger Allee in das Dorf im Landkreis Niederbarnim. Mit einer knapp 7 Kilometer langen Strecke entstand damals eine der modernsten Verkehrsverbindungen zwischen dem Zentrum Berlins und dem Dorf. Die Straßenbahn ist bis heute Hohenschönhausens wichtigstes Verkehrsmittel. Ende des 19. Jahrhunderts war auch Hohenschönhausen in den Sog der Berliner Entwicklung geraten. So wie in den benachbarten Dörfern wuchs die Bevölkerung, Industriebetriebe, Schrebergärten und neue Siedlungsgebiete entstanden. Nach der Reichsgründung im Jahre 1871 wurde Berlin die Hauptstadt Deutschlands. In den Dörfern siedelten immer mehr Berliner. Sie kamen oft aus ärmeren Schichten und suchten preiswerten Wohnraum. Zum anderen Teil waren es aber auch finanziell besser Gestellte, die dem dicht besiedelten Zentrum der engen Stadt entfliehen wollten und sich Grundstücke kauften.

Kirchliche Friedhöfe
Um die Jahre 1880/1890 kauften die evangelischen Kirchgemeinden St. Andreas und St. Markus sowie die katholischen Gemeinden St. Hedwig und St. Pius von Berlin im Gutsbezirk Hohenschönhausen Flächen, um die großen Friedhöfe anzulegen. Dazu kam im Jahre 1881 an der Landsberger Chaussee der Zentrale Schlacht- und Viehhof für Berlin. Die Arbeiter fanden in der Kolonie Hohenschönhausen ihren neuen Wohnort. Die Aktienbrauerei Hohenschönhausen und die Schokoladenfabrik in der heutigen Konrad-Wolf-Straße gehörten ebenfalls zu den Industriebetrieben.

Von der Pferdebahn zur Elektrischen
Wenig später fuhr dann die erste Pferdebahn vom Alexanderplatz bis an die Kreuzung der Landsberger Allee und der Elbinger/Petersburger Straße. Für die neuen Wohngebiete ohne Anschluss an die Eisenbahn war die elektrische Straßenbahn das geeignete Verkehrsmittel jener Zeit.

Aachener baute am Orankesee
Im Jahre 1893 kauft der Aachener Bankier Henry Suermondt das Gut Hohenschönhausen. Er gründet die „Grunderwerbs- und Bau-Gesellschaft“ und baut rund um den Orankesee eine repräsentative Landhauskolonie für wohlhabende Bürger Berlins. Damit diese auch schnell in die Stadt kommen, wird eine Pferde-Omnibuslinie zwischen dem Dorf Hohenschönhausen zur Petersburger Straße eingerichtet. Dort können die Fahrgäste dann in die Pferde-Eisenbahn-Linie der Neuen Berliner Straßenbahn in Richtung Zentrum umsteigen. Das war für die damaligen Verhältnisse ein modernes Verkehrsmittel. Kurze Zeit später, am 17. Januar 1895, erhält die „Grunderwerbs- und Bau-Gesellschaft“ die Genehmigung vom Landkreis Niederbarnim, den Straßenzug von Berlin über Wilhelmsberg nach Hohenschönhausen für eine elektrische Straßenbahn zu nutzen.

Am 10. September 1899 fand die erste Probefahrt der Straßenbahn Hohenschönhausen – Büschingplatz statt. Am 21. Oktober wurde der reguläre Betrieb aufgenommen. Die Straßenbahn wurde nicht nur für den Personenverkehr, sondern auch für den Güterverkehr genutzt. In der Bahnhofstraße wurden eine Wagenhalle und Werkstatt gebaut. Dort befand sich später die Feuerwache von Hohenschönhausen. Ende Oktober fuhr die Straßenbahn schon alle 24 Minuten zur Landsberger Allee. Nachdem die eigene Stromversorgung durch ein Kraftwerk in Hohenschönhausen gesichert wurde, fuhr sie sogar alle 6 Minuten. Die Berliner kannten vor allem das Strandbad am Orankesee und das Wirtshaus am Orankesee – schon vor 90 Jahren beliebte Ausflugsziele.

Foto 1: Taborkirche von 1230, das älteste Gebäude in Hohenschönhausen
Foto 2 und 3: Nur wenige Häuser in der Hauptstraße und etwas versteckt zwischen Rhinstraße und Marzahner Straße lassen noch den dörflichen Charakter erkennen.
Foto 4: Mit ähnlichen Straßenbahnen fuhren auch vor 110 Jahren die Einwohner von Hohenschönhausen zum Alex.

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