Eine App über die einstige Haftanstalt Rummelsburg

Drill, Härte und Willkür

06.12.2013, Volkmar Eltzel

Wer heute durch die hübsche, aus roten Backsteinhäusern bestehende, noch junge Wohnsiedlung an der Rummelsburger Bucht, zwischen Hildegard-Marcusson-, Georg-Löwenstein- und Erich-Müllerstraße in Lichtenberg spaziert, kann kaum erahnen, welches Unrecht hier einst geschah.

Eine Applikation für iPhones, die der Freundeskreis „Wir erinnern“ kürzlich der Öffentlichkeit präsentierte, und die kostenlos unter www.rummelsburg-app.de herunterladbar ist, will davor bewahren, dass die Ereignisse, zwischen 1951 und 1990, in Vergessenheit geraten.

Eine der größten Haftanstalten der DDR
Seit 1951 unterhielt die DDR-Polizei hier eine der größten Haftanstalten, in der Strafgefangene und Untersuchungshäftlinge eingesperrt waren. Vor 23 Jahren wurde die Haftanstalt geschlossen. Erst 2005 wurde die Gefängnismauer abgetragen, um ab 2007 aus den Gefängnisbauten Wohnhäuser zu bauen. 2008 zogen die ersten Mieter ein.

In sechs Abschnitten führt die App von Oliver Brentzel, App-Designer von dotocombinat, den Nutzer durch einen etwa 30minütigen Rundgang, der mit Audio-Beiträgen, Fotos, Videos mit teils bisher unveröffentlichten Zeitzeugenaussagen und einer Straßenkarte auch mit Satellitenansicht begleitet wird. Ein blinkender Punkt auf dem Smartphone zeigt an, wo genau man sich befindet. Das Miniprogramm macht nachvollziehbar, welche Zustände hier herrschten und wie es aussah.  Das Leben der Gefangenen war von militärischem Drill, Härte und Willkür geprägt. Dabei wurde seitens der Anstaltsleitung nicht zwischen Kriminellen und politischen Gefangenen unterschieden.

“Ich hatte nichts Unrechtes getan”
Jürgen Stahf, der hier von Juli 1953 bis Juli 1955 inhaftiert war, versteht es bis heute nicht. „Ich hatte definitiv nichts Unrechtes getan, nicht einmal der DDR geschadet“, sagt er. Die fadenscheinigen Gründe seiner Festnahme erfuhr er erst nach einem Hungerstreik, den man durch Wasserentzug zu brechen suchte: In einem nicht öffentlichen Prozess wurde aus einem in West-Berlin veröffentlichten Zeitungsartikel – „friedensgefährdende faschistische Propaganda“. Aus einer Filmrolle, die er als Kameraassistent vor seiner Verhaftung noch nicht wieder in Babelsberg abgegeben hatte – „Unterschlagung von Volkseigentum“ und aus einem von seiner Tante bezahlten Ledermantel aus West-Berlin wurde ein „Verstoß gegen die Bestimmungen des Innerdeutschen Zahlungsverkehrs“. „Zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis“, lautete das Urteil. Wie der heute 82- Jährige berichtet, hausten neun Personen in einer 12 bis 14 Quadratmeter kleinen Zelle. Später wurde er in einen „Saal“ mit bis zu 50 Gefangenen verlegt.

Aus Zelle wurde Fahrradkeller
Dr. Matthias Bath, wegen Fluchthilfe 1976 zu fünf Jahren Haft verurteilt, berichtet über die Zustände im sogenannten Haus 6, wo ab 1977 Ausländer eingesperrt waren. Als solche galten auch Häftlinge aus Westdeutschland und West-Berlin. „Haus 6 war von einer gesonderten Mauer umgeben, um jeglichen Kontakt zu anderen Häftlingen zu unterbinden“, so Bath. Die ehemalige Zelle von Reiner David, der vier Monate in Untersuchungshaft in Haus 1 verbrachte, ist jetzt ein Fahrradkeller. „Das finde ich gut“, so David. „Aber vielleicht könnte ja eine Zelle rekonstruiert werden, damit man sieht wie beengt es war.“

Wandlung in etwas Positives
Durch die Neugestaltung der Häuser und des gesamten Areals sowie durch die Geschichtsaufarbeitung, die von den Anwohnerinnen unter dem Dach des Rummelsburger Nachbarschaftsvereins WiR e.V. weiter betrieben wird, ist es gelungen, die schwere Verletztheit, die dieser Ort ausstrahlte, in etwas Positives zu wandeln. Die Protagonistinnen um Projektleiterin Dr. Sabine Ross, Historikerin Heike Hoffmeister und Reiner E. Klemke, Leiter des Runden Tisches für die Schaffung eines Gedenkortes Rummelsburg, wollen weitermachen. Ende 2014 soll ein Gedenkort eröffnet werden. Die App, die sich vor allem an junge, technikaffine Menschen richtet, soll auf die Zeit ab 1877- und zwischen 1933-45 erweitert werden. Dann auch in englischer Sprache und für Android-Smartphones. Alle Informationen, mit Ausnahme des Audio-Guide erhält man aber auch auf der Webseite www.rummelsburg-app.de.

 

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