35 Jahre Marzahn

Drei Zeitzeugen

05.01.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Emmanuele Contini, Regina Kittler

Gerd Cyske, Bürgermeister 1979–1990:
Zum Bürgermeister von Marzahn gewählt wurde Gerd Cyske erst im Mai 1979. “In dem Monat waren Kommunalwahlen, danach wurde der Rat des Stadtbezirks gebildet”, sagt der heute 85-Jährige. Mit der Bezirksgründung am 5. Januar 1979 war der frühere Vorsitzende der Bezirksplankommission Lichtenberg zunächst kommissarisch als Bezirkschef berufen worden.

Die Gummistiefelzeit
Cyske erinnert sich noch gut an die ersten Jahre: “Es war die Gummistiefelzeit. Alle brauchten welche.” Marzahn war eine einzige große Baustelle – vor den Wohnhäusern, Schulen und Kitas waren häufig nur wenige Wege fertig. Wenn es regnete, war alles schlammig. Ein Problem: Es gab nicht genug Gummistiefel für die vielen Menschen, die täglich in die neuen Wohnungen zogen. “Ich habe mich deshalb ans zuständige Ministerium gewandt”, erzählt Cyske. “Und dann gab’s zu unserem ersten Stadtbezirksfest, dem Marzahner Frühling, eben auch Gummistiefel zu kaufen.”

Der heutige Rentner spricht von Aufbruchsstimmung. “Die Leute waren glücklich, wenn sie in Marzahn eine Wohnung bekamen.” Die Übergabe sei sehr effizient gewesen: “Es gab nicht nur die Schlüssel und den Mietvertrag, sondern man konnte auch Radio, Fernsehen und Zeitungen an- oder ummelden; wer hatte, auch das Telefon.” Umzugswagen und -kisten konnte man gleich vor Ort bestellen, die polizeiliche Ummeldung erledigen und andere Formalitäten, sagt er noch heute stolz.

Viele Aktivitäten der Bewohner
Gern erzählt Cyske von den Aktivitäten der Neu-Marzahner – Hausgemeinschaften bemalten die Eingänge ihrer Häuser, um sie etwas individueller zu gestalten. Oder pflanzten kleine Bäumchen, legten Grünflächen an. Beim Marzahner Frühlingsfest wurden Traditionen begründet, die allerdings nach der Wende eingeschlafen sind: Es gab einen Festumzug von Zwillingen und Drillingen, Orte, nach denen Marzahner Straßen benannt worden waren, stellten sich vor. “Eine gute Partnerschaft bestand zum Beispiel mit Trusetal in Thüringen und mit Scheibenberg im Erzgebirge.”

Wunsch: Eine öffentliche Uhr
Der Rat des Stadtbezirks war jahrelang in der Maratstraße 182 untergebracht, wo sich heute die Musikschule befindet. “Erst Ende 1988 haben wir schrittweise das Rathaus am Helene-Weigel-Platz bezogen.” Lange amtierte Cyske dort nicht mehr – nach der Wende wurde er, wie auch andere Bürgermeister, wegen der Wahlfälschungen 1989 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Etwas, wofür er sich zwar entschuldigt hat, aber noch heute schämt: “Ich hatte blindlings der Parteidisziplin gehorcht.”

Vor etlichen Jahren ist Gerd Cyske mit seiner Frau aus der Vier-Zimmer-Wohnung am Helene-Weigel-Platz ausgezogen, in eine kleinere in der Poelchaustraße. Aus der neunten Etage hat er einen weiten Blick über Marzahn – eine Aussicht, die er liebt. Einen Wunsch zum Jubiläum hat er auch: “Dass endlich einmal eine öffentliche Uhr auf dem Helene-Weigel-Platz aufgestellt wird.”

Regina Kittler, Lehrerin an der ersten Schule:
Als 22-Jährige mit gerade beendetem Pädagogik-Studium (Fachrichtung Mathematik und Erdkunde) bekam Regina Kittler 1978 ihren ersten Arbeitsvertrag – für die erste Schule im Neubaugebiet Marzahn. Eigentlich wollte sie nach Weißensee. “Ich wurde zum Lenkungsgespräch ins Rote Rathaus bestellt, wo der Aufbaustab für Marzahn saß”, erinnert sie sich. “Wir bauen ein neues Wohngebiet und brauchen dort Fachkräfte”, sei ihr eröffnet worden. “Da war jede Debatte sinnlos.”

Die Schule war noch nicht fertig
Die Schule an der Marchwitzastraße, die 1. Polytechnische Oberschule (POS) Marzahn, ist inzwischen schon wieder abgerissen. Bei Kittlers Berufsstart war sie noch gar nicht fertig. “Wir haben provisorisch in einem Bürogebäude angefangen, sind erst im Dezember 1978 ins neue Haus umgezogen.” In den oberen Klassen habe es nur wenige Schüler gegeben, je niedriger die Klassenstufen waren, umso mehr Schüler lernten dort. “Es waren ja ganz viele Familien mit kleineren Kindern nach Marzahn gezogen.” Manchmal taten sich die Schüler etwas schwer, in der jungen Frau mit den langen dunkelbraunen Haaren eine Lehrerin zu sehen. “Ich war ja selber nicht viel älter als die Zehntklässler.”

Dennoch habe es ein gutes Verhältnis gegeben, auch zu den Eltern. “Von denen haben viele im Elternaktiv mitgearbeitet.” Die Schüler seien aus allen Schichten gekommen, alle Eltern hatten Arbeit. “Es gab nicht so große Probleme”, sagt Regina Kittler. Viel Freizeit habe sie gemeinsam mit den Kindern verbracht, auch bei Pionier- und FDJ-Nachmittagen: “Da wurde ja nicht nur der wissenschaftliche Kommunismus studiert, sondern auch ins Kino und ins Theater gegangen oder Sport getrieben.”

Ganz unterschiedliche Berufe
Noch heute trifft sich Regina Kittler, die als Marzahner Abgeordnete seit 2011 für Die Linke im Parlament sitzt und deren bildungspolitische Sprecherin ist, regelmäßig mit Kolleginnen aus ihrer ersten Schule. “Wir waren eine ganz junge Truppe, viele Absolventen darunter, und haben uns gut verstanden.” Von ihrer ersten Schulkasse, die sie von Klassenstufe 5 bis 10 führte, wurde sie inzwischen mehrfach zu Klassentreffen eingeladen: “Die Kinder von damals haben ganz unterschiedliche Berufe ergriffen – vom Geologen bis zur Krankenschwester.” Ein Großteil von ihnen wohne noch im Bezirk. Auch Regina Kittler, seit 2003 Studienrätin, lebt noch dort, allerdings nicht mehr in einem Neubau in Marzahn, sondern in einem Altbau in Biesdorf.

Oleg Peters, Chef des Standortmarketings:
Der 52-Jährige hat quasi seit seiner Kindheit mit Marzahn zu tun, nicht nur, weil er im Biesdorfer Getreideviertel aufgewachsen ist und noch heute im Ortsteil wohnt. Denn sein 2013 verstorbener Vater Günter Peters war nicht nur Ost-Berliner Stadtbaudirektor, sondern auch Aufbauleiter für den neuen Stadtbezirk. Auch Peters ältere Brüder bauten an Marzahn mit – der eine mit seiner Brigade Peters im Hochbau, der andere war beim Tiefbau. Oleg Peters selbst studierte Geschichte – vor dem Studium und in den Semesterferien verdiente er sich aber auf den Marzahner Baustellen gern etwas dazu: “Da gab es auch für Ungelernte ordentlich Geld.”

Die Bauleute gingen ein und aus
Peters erinnert sich, dass Architekten und Bauleiter in seinem Elternhaus am Maisweg ein- und ausgingen. “Zum 40. Geburtstag meines Vaters haben sie ihm im Keller eine Hafenbar eingerichtet, maritim dekoriert. Manchen Abend saßen sie dann dort und werteten den Tag aus.” Als sein Vater nach zwei Herzinfarkten und einem Magendurchbruch 1981 Invalidenrentner wurde, brachen die Freundschaften nicht ab. “Eine langjährige gute Beziehung gab es zu Wolf Rüdiger Eisentraut, der viele prägnante Häuser wie das Kino Sojus und das Freizeitforum Marzahn geschaffen hat”, erzählt er. Als Rentner hat Günter  Peters die Baugeschichte Marzahns dokumentiert, unter anderem in dem 1998 veröffentlichten Buch “Hütten, Platten, Wohnquartiere”. Und er hat maßgeblich die Sanierung und den Wiederaufbau von Schloss Biesdorf initiiert.

Berlins beste Aussichten
Ganz anders kümmert sich Sohn Oleg jetzt um den Bezirk. Seit dem vergangenen Jahr leitet er das Standortmarketing – eine Imagekampagne wurde im vergangenen Sommer gestartet. Noch immer ärgert er sich darüber, wie Marzahn in den 1990er-Jahren als “Bronx von Berlin” verunglimpft wurde. “Völlig zu Unrecht”, sagt er. Im vergangenen Jahr ist der Bezirk wieder in die Schlagzeilen gekommen. Negativ und leider zu Recht. Denn Neonazis hatten gegen ein Asylbewerberheim in Hellersdorf gehetzt. “Zum Glück hat sich bald gezeigt, dass die Mehrzahl der Menschen hier nicht so denkt. Viele unterstützen jetzt die Flüchtlinge.” Auch das hat Schlagzeilen gebracht – nun positive.

In diesem Jahr will Peters den Bezirk selbst gut ins Gespräch bringen. Denn Marzahn-Hellersdorf wird sich in Mitte, direkt am Potsdamer Platz, präsentieren – mit Highlights wie den “Gärten der Welt” und der IGA 2017, aber auch dem Clean Tech Business Park und dem Unfallkrankenhaus, Deutschlands modernstem Klinikum. Nicht von ungefähr heißt die Imagekampagne “Berlins beste Aussichten” –  Oleg Peters ist überzeugt, dass sich gerade im Jubiläumsjahr ein Besuch in Marzahn-Hellersdorf lohnt.

Foto 1: ehem. Bürgermeister Gerd Cyske vor Rathaus Marzahn, Foto Emmanuele Contini
Foto 2: Gerd Cyske im Gespräch, Foto Emmanuele Contini
Foto 3: Regina Kittler, Foto Emmanuele Contini
Foto 4: Lehrerin Regina Kittler 1978 an Schultafel, Foto Archiv Kittler
Foto 5: Klassenausflug Neptunbrunnen, wer ist Schülerin, wer Lehrerin? Foto Archiv Kittler
Foto 6: Oleg Peters, Standortmarketing Marzahn, Foto Emmanuele Contini

 

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