Das kleine Dorf Marzahn gab dem Bezirk einst den Namen

Mittendrin die Kirche

15.06.2019, Angelika Giorgis

Fotos: Birgitt Eltzel (1-2, 4-5), Angelika Giorgis (3,6)

Alt-Marzahn. „Das Dorf ist ein Ort für alle“, sagt Lucas Ludewig. Der 33-jährige ist Pfarrer. „Viele Marzahner nehmen das Dorf trotzdem nicht wahr, denn in der Umgebung gibt es mittlerweile viele andere Zentren.“ Der unter Denkmalschutz stehende Dorfanger ist jedoch ein Kleinod inmitten der Hochhäuser. Hier spürt man kaum etwas von der ihn umgebenden Großstadt. Mittendrin steht seit dem Mittelalter die Kirche.

Ein Fernhandelsweg soll im 13. Jahrhundert genau durch den alten Dorfkern von Morczane (oder Murtzan) geführt haben. Damals erhielt das Dorf auch sein erstes Gotteshaus, eine in frühgotischer Form erbaute Feldsteinkirche. Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es in Marzahn nur noch fünf Kossäten – Dorfbewohner mit Haus- und geringem Landbesitz – und keine Bauern mehr. Später  zogen neue Bewohner hierher: Das Amtsvorwerk wurde 1764 unter 19 Siedlerfamilien aus der Pfalz aufgeteilt.

Nach Entwürfen von Stüler

Die Marzahner Bockwindmühle drehte schon im Jahr 1815 ihre Flügel. Der vierte Mühlenbau zählt seit 1994 zu den Wahrzeichen des Dorfes. Ein anderes ist die neugotische Backsteinkirche, eine Nachfolgerin des ersten Feldsteinbaus. Sie entstand von 1869 bis 1871 nach Entwürfen von Friedrich August Stüler.

Mitte der 1970er-Jahre wurden Magistralen durch die Rieselfelder, die das Dorf umgaben, gebaut. Auf ihnen rollten ab April 1977 Baufahrzeuge mit den Platten für 60.000 neue Wohnungen. In die alte Schule zog die kommunale Wohnungsverwaltung ein. Heute beherbergt sie das Bezirksmuseum.

Mit den Russlanddeutschen wuchs die Gemeinde wieder

Unter den vielen Tausend Neu-Marzahnern gab es etliche, die den Weg in die Dorfkirche fanden. „Die Gemeindemitglieder gingen in die Hochhäuser und luden die Bewohner zu Veranstaltungen ins Dorf ein“, erzählt Pfarrer Ludewig. Damals stand gegenüber der Kirche nur das Pfarrhaus. An der Stelle eines alten Stalles wurde später das Gemeindehaus gebaut. Viele junge Leute kauften nach der Wende Grundstücke und bauten Eigenheime am Dorfrand. „Aber viele sind auch weggezogen. Heute sind wir eine relativ alte Gemeinde“, berichtet der Pfarrer. „Die Gemeinde wuchs wieder, als Russlanddeutsche hierher kamen.“

Ein Begegnungsort ist das KulturGut. Es bietet Möglichkeiten zur künstlerischen Selbstbetätigung und für Fitness. Lesefreunde werden in der soziale Bücherstube fündig. SchaMottchen heißt die Kunst- und Keramikscheune. Außerdem gibt es hier einen Bauerngarten. Im Dorf arbeiten einige Vereine und Organisationen, so „Fenster der Hoffnung“, ein Verein, der sich um ältere Leute kümmert. Es gibt Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstellen, auch für Migranten.

Beliebter Kindergarten

Pfarrer Ludewig zog mit Frau und Kindern vor zwei Jahren ins Pfarrhaus. Die Kleinen besuchen den Kindergarten der Gemeinde. Diesen gibt es bereits seit 1946. Erst hatte er seinen Standort im Dorf, dann in einer Hochhauswohnung. In den 1990er-Jahren entstand das jetzige Backsteingebäude. Dahinter liegt ein großer Spielplatz. 60 Kinder werden hier betreut. „Unsere Gemeinde hat nicht so viele Kinder. Darum stehen unsere Türen allen Kindern aus der Region offen. Der Kindergarten ist sehr beliebt.“ Für die zehn freien Plätze in diesem Jahr liegen 115 Anmeldungen vor. Auf fünf davon warten schon Geschwisterkinder.

Das Gemeindeareal grenzt an den Tierhof – zur Freude der Kinder. Was liegt da näher, als dort beispielsweise das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten zu erzählen? Wenn am Sankt-Martins-Tag der Umzug durchs Dorf zieht, sind auch die Ponys vom Tierhof dabei. Im Sommer können die Kleinen auf ihnen reiten.

Regelmäßige Konzerte

In der Kirche trifft man sich zu Gottesdiensten, Gesprächskreisen und feiert große Feste. Eine Initiativgruppe bereitet das Erntedankfest im September vor. Das Sommerfest und der Adventsmarkt sind ebenfalls sehr beliebt. Bauern und Händler aus der Umgebung kommen dann und der Imker des Dorfes bietet seinen Honig an. In der Kirche gibt es auch regelmäßig Konzerte. Jeden Montag probt ab 20 Uhr der Posaunenchor im Gemeindehaus. Am 11. August findet das Sommerfest statt – unter dem Motto „Offene Kirche“. Gäste sind herzlich eingeladen.

Seit zwei Jahren gibt es auch ein Hofcafé. Es hat immer dienstags von 15 bis 16.30 Uhr und am ersten Sonntag des Monats nach dem Gottesdienst geöffnet. Pfarrer Ludewig wünscht sich, dass es vielleicht durch die Hilfe Ehrenamtlicher häufiger seine Türen öffnen kann. Hier lässt es sich gut vom Alltag abschalten. Oder in Ruhe arbeiten. Die Gemeinde bietet allen Besuchern das offene W-Lan „godspot“ der Landeskirche an.

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