Zwischen Stadt und Land (19)

Die Welt ist ein Dorf

01.07.2018, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Kurz nach unserem Umzug vom kleinen Dorf in das quirlige Berlin hatten wir eine Begegnung, die uns überraschte. Ausgerechnet auf dem Bürgersteig unserer Straße in Mitte lief uns eine Frau in die Arme, die wir all die Jahre als Deutschlehrerin liebgewonnen hatten. Ihre Tochter wohne hier, erzählte Frau R., die mehrmals im Jahr die für damalige Verhältnisse mühselige Reise mit Ferkeltaxe (Regionalzug), S-Bahn und Straßenbahn auf sich nahm. Ein schöner Zufall. Und nicht der einzige, wie die kommenden Jahre zeigten.

Kürzlich stand ich in Fürstenwalde im Baumarkt an der Kasse, um ein Fläschchen Kettensägenöl zu bezahlen. Weil die Kassiererin nicht aus dem Knick kam, schweifte mein Blick gelangweilt durch die Gegend. Flüchtig blickte ich auf ein Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ehe ich darauf kam, zu wem das Antlitz gehört, war die Dame auch schon wieder weg. Wenige Minuten später trafen wir uns vor dem Supermarkt gleich nebenan. „Rita, Berliner Zeitung“, warf sie mir entgegen. Kurzer Plausch: „Wie geht es so?“ „Wo hat es Dich nach der Berliner Zeitung hin verschlagen?“ „Und warum in Gottes Namen treffen wir uns hier, weit weg von Berlin?“ Sie habe gleich ums Eck ein Wochenendhäuschen, erzählte Rita.

Nun wohnen wir schon bald drei Jahre auf dem Dorf. Und doch lässt uns unser altes Großstadtleben nicht los. Vor einigen Wochen erzählte ein Nachbar, mit dem ich zusammen bei der Freiwilligen Feuerwehr bin, dass er mal in Alt-Hohenschönhausen wohnte. Alt-Hohenschönhausen??? Es stellte sich heraus, dass wir quasi nur wenige Hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt lebten. Eine andere Dorfbewohnerin, gab er zum Besten, soll sogar in der gleichen Wohnanlage wie wir gelebt haben. Schön ist auch die Geschichte mit einem guten Bekannten, der ebenfalls in Hohenschönhausen lebt. Als er erfuhr, dass wir aufs Dorf ziehen, fragte er neugierig, wohin es uns verschlägt. „In die Nähe von Storkow.“ Er wurde hellhörig. „Das Dorf kennst Du garantiert nicht!“ Als ich ihm Details verriet, strahlten seine Augen. Oh, doch, er kannte unsere neue Heimat, wusste sogar noch, wie einst der alte Fernsehladen im Haus gegenüber aussah und dessen Besitzer hieß. Die Lösung lieferte er sogleich hinterher: Er hat in jener Gegend seine unbeschwerte Jugend verbracht.

Die Schwester vom Nachbarn

Und dann ist da noch eine Kollegin, die ich aus meinem zweiten Leben als Dozent an der IHK in Potsdam kenne. Irgendwann fiel mir auf, dass sie bei Facebook mit wiederum guten Bekannten aus unserem 136-Seelen-Dorf vernetzt ist. Irgendwann sprach ich ihn an, woher er sie kenne. „Das ist meine Schwester“, bekam ich zur Antwort.

Ein weiterer Zufall ergab sich in London an der Rezeption eines Hotels: Während ich darauf wartete, dass man mir meine Rechnung ausdruckte, wurde ich auf ein altes Faxgerät aufmerksam, das gerade eine Nachricht empfing, die mich amüsierte: Las ich doch, dass die mir seit vielen Jahren bekannte und vertraute Direktorin eines Lichtenberger Hotels für ihren Aufenthalt in der britischen Hauptstadt um Aufbettung ihres Zimmers für ihren mitreisenden Neffen bat.

Die schönste Geschichte aus dieser Rubrik ist jedoch das Erlebnis eines leider viel zu früh verstorbenen, herzallerliebsten Layouters der Berliner Zeitung. Der traf tatsächlich während einer USA-Reise auf den Straßen von Las Vegas eine Kollegin aus dem Leserbriefressort jener Tageszeitung, für die wir arbeiteten.

Die Welt ist eben doch ein Dorf.

 

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

 

Lesen Sie auch die bisherigen Kolumnen:

 

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