„Avenidas“ verschwindet von Hochschule, bleibt aber in Hellersdorf

Die unbesiegbare Inschrift

19.10.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Die Fassade, über die seit 2017 Kulturschaffende und Medien aus ganz Deutschland und darüber hinaus diskutierten, ist mit einer Plane verhängt. Das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer verschwindet bei der Sanierung der dem U-Bahnhof Hellersdorf zugewandten Seitenfläche der Alice-Salomon-Hochschule. Denn nach monatelangen Debatten in der Bildungseinrichtung hatte der Akademische Senat Anfang 2018 beschlossen, dass bei einer anstehenden Fassadensanierung Gomringers Zeilen durch ein neues Poem ersetzt werden. Studentinnen hatten sich an der Ode gestört und sie als sexistisch bezeichnet, zahlreiche Politiker und Künstler bezichtigten die Hochschule der Kulturbarbarei, LiMa+ berichtete.

Ode kommt an Kyritzer Straße 82

Trotzdem bleibt das Gedicht in spanischer Sprache in Hellersdorf. Denn die Wohnungsbaugesellschaft „Grüne Mitte“ wird es an einem ihrer frisch sanierten Häuser in der Kyritzer Straße anbringen, etwa einen Kilometer Luftlinie von der ASH entfernt. Etliche Genossenschaftler hatten sich über die Diskussion geärgert, die Hellersdorf in ein wenig schmeichelhaftes Licht rückte. Zuschriften und Äußerungen von Genossenschaftsmitgliedern füllten in der Mitgliederzeitung eine Doppelseite. Die Entscheidung des Vorstands der „Grünen Mitte“, „Avenidas“ weiterhin im Ortsteil zu halten, fand viel Zuspruch. Nun soll das Gedicht laut Vorstand Andrej Eckhardt an der Fassade des Hauses Kyritzer Straße 82 angebracht werden. Allerdings nicht, wie vorher an der Hochschule, als schlichte Wandmalerei.

Hinterleuchtete Metall-Zeilen

„Um das Gedicht würdig zu präsentieren, haben wir uns für eine Lichtinstallation entschieden“, teilt er auf eine Anfrage von LiMa+ mit. Dafür sollen die Gedichtzeilen aus Metall an der Fassade angebracht und abends hinterleuchtet werden. „Eine Baugenehmigung wurde bereits beantragt.“ Sobald die technischen Pläne vorliegen, so Eckhardt, werde die Genossenschaft die Fertigstellung der einzelnen Elemente und ihre Installation beauftragen. Einen Termin für die Fertigstellung konnte die „Grüne Mitte“ allerdings noch nicht nennen.

Genossenschaft setzt auf Kunst

Die Hellersdorfer Genossenschaft hat bei vielen Sanierungsprojekten auch bisher auf Kunst an den Gebäuden gesetzt. So entstanden die weithin sichtbaren „Sonnenblumenhäuser“ an der Zossener Straße, andere Wohngebäude dort schmücken lustige „Männeken“ aus Metall. Das Gedicht „Avenidas“ nun ebenfalls an einer Fassade zu verewigen, passt dazu. „Die Einwilligung von Seiten Herrn Gomringers … liegt bereits vor“, betont Vorstand Eckhardt. Wer den Text noch nicht kennt, hier ist er noch einmal: avenidas / avenidas y flores / flores / flores y mujeres / avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres y / un admirador. Auf Deutsch heißt das: “Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen und /ein Bewunderer”.

„Avenidas“ bekannt wie nie zuvor

Ein wenig erscheint Gomringers Ode wie das Gedicht, das Bertolt Brecht einst über ein italienisches Gefängnis im Zweiten Weltkrieg schrieb – eine Inschrift, die trotz aller Maßnahmen nicht verschwindet. Das 1951 entstandene Avenidas-Gedicht, wofür der Dichter mit schweizerisch-bolivianischen Wurzeln 2011 den Alice-Salomon-Preis erhielt (seitdem stand es an der Wand der Hochschule), ist bekannt geworden wie nie zuvor. Es findet sich jetzt an mehreren Orten. Darunter auch an einem städtischen Gebäude in der Gemeinde Rehau (Oberfranken), dem Wohnort des inzwischen 93-jährigen Poeten.

Neues Gedicht an der ASH

An der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule soll nun ein Gedicht der Preisträgerin des Alice-Salomon-Poetik-Preises, Barbara Köhler, angebracht werden, siehe hier... Der Achtzeiler lautet: „SIE BEWUNDERN SIE / BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN / SIE WIRD ODER WERDEN GROSS / ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO / STEHEN SIE VOR IHNEN / IN IHRER SPRACHE / WÜNSCHEN SIE IHNEN / BON DIA GOOD LUCK“. Der Text wurde eigens für die Hochschule geschrieben und ist ein Geschenk. „Avenidas“ soll allerdings nicht vollständig vom Hochschulgebäude verschwinden. Es wird auf einer Edelstahltafel im Sockelbereich neu angebracht. Daneben findet sich ein von Eugen Gomringer geschriebener Kommentar sowie ein Hinweis auf die Dokumentation zentraler Beiträge der Fassadendebatte auf der Website der ASH Berlin. Den kann man übrigens schon jetzt finden. Denn auf der Plane vor dem Baugerüst steht „Mehr als Fassade“ – mit dem Link www.mehralsfassade.de gelangt man zur Internetpräsenz der Hochschule, wo auch ausführlich über die Debatten und Entscheidungen zum Gomringer-Gedicht berichtet wird.

 

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