Ingo Ruff aus Biesdorf wird deutschlandweit in Zügen gehört

Die Stimme der Bahn

07.12.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1-2), Ingo Ruff/Art of Event (3-6)

Biesdorf. Als Ingo Ruff „Nächste Station Lichtenberg, Übergang zur U-Bahnlinie 5“ laut und deutlich ansagt, heben die Umsitzenden ihre Köpfe. Sie lenken den Blick von Smartphones und Büchern auf den schlanken Mann Anfang Fünfzig, der im Gang der S 5 Richtung Westkreuz steht. Diese Stimme kennen sie doch. Und tatsächlich: Jetzt ertönt sie noch einmal. Allerdings nicht live, sondern aus den Lautsprechern. Denn Ingo Ruff spricht alle Stationsansagen der Berliner S-Bahn mit ihren 166 Bahnhöfen. Doch auch weit darüberhinaus ist er zu hören – in S-Bahnen anderer Städte und deutschlandweit in allen Nahverkehrs- und Regionalzügen. Er wird werktags von 1,4 Millionen Berlinern gehört, deutschlandweit von 1,8 Milliarden Fahrgästen. Denn der 53-Jährige ist „Die Stimme der Bahn“.

Exklusiv: LiMa+ Video

Für uns hat er zwischen seinem Heimatbahnhof Biesdorf und Lichtenberg Ansagen gesprochen, denn wir wollen ein Video drehen. Was sich jedoch nicht als ganz so einfach erweist. Der gebürtige Berliner, der in Pankow aufgewachsen ist und seit 2003 mit seiner Familie in Biesdorf lebt, kennt zwar seinen Text. Wir aber wissen nicht genau, wann die Stationsansage im Zug aus dem Lautsprecher kommt. Die Ansagen werden per GPS-Signal ausgelöst. Wieder und wieder starten wir den Dreh, bis die Ansagen dicht hintereinander ertönen. Geschafft, das Video ist im Kasten.

 

130 Ansagen für Fahrplanwechsel 2018/19

Erst vor wenigen Wochen hat Ingo Ruff neue Ansagen im Tonstudio aufgenommen. Für den Fahrplanwechsel bei der Bahn 2018/19 am 9. Dezember hat er 130 Bahnhofsnamen und Sonderansagen gesprochen, vor allem für Sachsen, Sachsen/Anhalt und Bayern. Und auch Stationsansagen für ein Videospiel der Marzahner Firma Versystem-Sounddesign, das kurz vor dem Weihnachtsfest erhältlich sein wird. Dabei kann man als virtueller Triebfahrzeugführer auf verschiedenen Strecken in Deutschland unterwegs sein – mit Ingo Ruff auf der S-Bahnlinie 25, dem Regional Express 3356 nach Schwedt/Oder und der S-Bahn der Rhein-Main Linie S6.

Serviceansagen zu Fußball und Karneval

Dass Ingo Ruff zu einem der meistgehörtesten Menschen in Deutschland gehört, ist ein wenig dem Zufall zu verdanken. Denn als 1992 das automatische Fahrgastinformationssystem eingeführt wurde, arbeitete er als Kommunikationselektroniker in einem Tonstudio der DB. Sein Chef entschied, dass er die Ansagen selbst sprechen sollte. Eine Sprecherausbildung folgte – und inzwischen mehr als 6.000 verschiedene Ansagen. Das sind nicht immer nur Hinweise auf die jeweiligen Stationen und die jeweiligen Aus- und Umsteigemöglichkeiten. „Es gibt auch viele Serviceansagen, zum Beispiel zum Fußball oder zum Karneval“, erzählt Ruff. „Oder zu Bauarbeiten.“ Die meisten davon werden vorproduziert, die Termine sind ja im Voraus bekannt. Bei aktuellen Störungen muss natürlich live durch die Fahrzeugführer reagiert werden – solche kann schließlich auch die „Stimme der Bahn“ nicht voraussagen. Ingo Ruff hat jedoch seine Stimme für ein Textsprachsystem (text to speech) zur Verfügung gestellt. Daraus können dann Zusätze zu den gewohnten Ansagen generiert werden wie zum Beispiel Gleiswechsel bei der Ankunft. Dass aus Rationalisierungsgründen in nächster Zeit daraus automatisierte Ansagen hervorgehen, sei nicht zu erwarten, sagt Ruff. „Mein Vertrag geht noch bis 2028.“

Aussprache von Stationsnamen geübt

Gesprochen und abgemischt werden die Ansagen in einem Tonstudio in Brandenburg nach ARD-Standard. Sie sind nach einer eigens entwickelten Technologie optimiert, bei der Geräusche im Innenraum berücksichtigt werden und somit der höchstmögliche Wirkungsgrad der Bordlautsprecher und beste Verständlichkeit erreicht werden. Dass die Stationsnamen wie in den Regionen üblich ausgesprochen werden, wird geübt. „Zunächst werden sie von den Auftraggebern vorgesprochen, dann spreche ich zwei bis drei Varianten, aus denen gewählt wird“, erläutert Ruff. Selten geht das schief. Beanstandungen gab es bisher nur wenige: „Wie spricht man beispielsweise Potschappel aus, einen Ortsteil der sächsischen Kreisstadt Freital?“ Anders jedenfalls als aufgenommen. „Da gab es dann Anrufe bei der Bahn und später eine Korrektur. Ebenso bei Niederjosbach aus dem hessischen Main-Taunus-Kreis. Da hatte ich das O zu lang gezogen. Das wurde nun für den bevorstehenden Fahrplanwechsel korrigiert.“

Am 9. Dezember auf Bühne am Ostkreuz

Der Vater eines erwachsenen Sohnes spricht die deutschen Ansagen, seine Kollegin Yvette Coetzee-Hannemann die englischen. Produziert im Studio werden aber auch Texte für die Deutsche Bahn in weiteren Sprachen: dänisch, französisch, friesisch, niederländisch, polnisch, tschechisch – für die Grenzregionen. Ingo Ruff ist jedoch nicht nur Sprecher, sondern auch Moderator. Mit seiner Agentur Art of Event organisiert er zudem Veranstaltungen der verschiedensten Art, viele davon für die Bahn, andere Verkehrsunternehmen oder die Tourismusbranche. Wer „Die Stimme der Bahn“ einmal persönlich kennenlernen möchte, kann das am 9. Dezember bei der offizielle Fertigstellung des neuen Ostkreuzes tun. Dann wird Ingo Ruff mit Vertretern der Bahn von 12 bis 18 Uhr auf einer Präsentationsbühne der DB in der Ringbahnhalle Infos zum Bahnhof geben, der seit 2006 bei laufendem Betrieb umfassend modernisiert wurde.

 

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