MenschenLeben – LebensWerke: Der Architekt Günter Peters

Die Spur der Steine

16.11.2015, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Marzahn-Hellersdorf. Er hatte eigentlich immer eine Statistik parat. Egal, ob es um historische Planungen im Berliner Nordosten ging, um den Wohnungsbau zu DDR-Zeiten oder die Komplettierung von Marzahn mit Geschäften und Industriebauten nach der Wende – bei Dr. Günter Peters (1928–2013) wurde man fündig. Eine große Anzahl von Fakten findet sich in seinen Büchern (u.a. „Kleine Berliner Baugeschichte“, „Hütten, Platten, Wohnquartiere“), viele Zahlen kannte er aber auch aus dem Gedächtnis und hatte sie auf Abruf parat. Der Biesdorfer – Architekt und promovierter Ingenieur (Dissertation zur Sanierung des Altbauquartiers Arnimplatz), Bauhistoriker und Heimatforscher  – konnte auf fast jede Frage zur neueren und älteren Baugeschichte der Region eine richtige (!) Antwort geben. In der jüngsten Ausstellung des Bezirksmuseums Marzahn-Hellersdorf „MenschenLeben – LebensWerke“ hat auch sein Porträt einen würdigen Platz gefunden. In einer Begleitveranstaltung wurde dort kürzlich an Peters erinnert, früherer Bezirksbaudirektor von Rostock und Ost-Berlin, erster Aufbauleiter des Neubaugebiets Marzahn. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Parkfriedhof Biesdorf.

Beharrlich als Spendensammler
Es war eine fast intime Runde im Museum. Nicht nur, weil der Sohn Oleg Peters, Historiker und Leiter des bezirklichen Standortmarketings, über den Vater sprach. Unter den Gästen waren auch viele frühere Wegbegleiter und Kollegen des Architekten, der noch als Rentner in Marzahn-Hellersdorf ausgesprochen aktiv war. Selbst der Veranstaltungsort, das Museum auf dem Dorfanger von Alt-Marzahn, ist Peters Beharrlichkeit geschuldet. Die zeigte er auch beim Spendensammeln. Mehrere hunderttausend Euro hatte er mit dem Förderverein für das Museum, dem Vorläufer des heutigen Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf, für die Sanierung der einstigen Dorfschule eingeworben. 1999 konnte das Museum dort einziehen. Von Peters stammte auch die Anregung für einen zweiten Museumsteil, der in der einstigen Heinz-Lüdecke-Bibliothek entstand und seit 2012 die historische Dauerausstellung beherbergt.

Schloss Biesdorf gerettet
Sein eigentliches Meisterstück aber ist das Schloss Biesdorf. Denn vor allem Peters ist es zu verdanken, dass die spätklassizistische Turmvilla an der Bundesstraße 1 Alt-Biesdorf gerettet und ab dem Jahr 2000 schrittweise saniert und rekonstruiert wurde, obwohl sich in den 1990er-Jahren manche im Bezirk und im Land Berlin bereits mit dem Verfall des denkmalgeschützten Bauwerks arrangiert hatten. Nun hat es auch sein im Zweiten Weltkrieg zerstörtes Obergeschoss wiederbekommen, wie von Peters erträumt, der lange Zeit Vorsitzender des Heimatvereins und des Schloss-Fördervereins mit dem ziemlich sperrigen Namen „Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ war. Die Innenräume sind fertig, nur an der Fassade wird noch gearbeitet. 2016 wird das Haus, in dem einst u.a. die Industriellenfamilie Siemens wohnte, als „Biesdorfer Bilderschloss“ mit Galerie wiedereröffnet.

Stadtzentrum und Großsiedlung
Doch vor den Aktivitäten als Heimatforscher und Bauhistoriker lag Peters erstes Leben – und dessen beruflicher Teil war vor allem dem industriellen Bauen gewidmet. Schon das erste Projekt des jungen Architekten, ein Neubauernhaus im mecklenburgischen Zickhusen, entstand in Montagebauweise. In Rostock war er verantwortlich beim Aufbau der Langen Straße mit dabei, in Berlin ab 1966 bis 1980 als Stadtrat und Stadtbaudirektor des Magistrats, später Stellvertretender Oberbürgermeister für Investitionen Bauwesen und gleichzeitig Bezirksbaudirektor u.a. beim Aufbau des neuen Stadtzentrums. Mitte der 1970er-Jahre wurde Günter Peters  der erste Aufbauleiter für die Großsiedlung Marzahn. „Die Baracken, in der die Bauleitung untergebracht war, standen am S-Bahnhof Biesdorf, das war dann wenigstens ein kurzer Arbeitsweg“, erinnert sich Sohn Oleg. Wie seine beiden Brüder hatte er den Vater stets als liebevoll erlebt, aber immer beruflich stark eingespannt. „Die Zeit, die er für uns nicht so hatte, hat er später mit seinen inzwischen sieben Enkeln und sieben Urenkeln nachgeholt.“

Eine gemeinsame Passion
1980 wurde Peters nach zwei Herzinfarkten invalidisiert. Doch für den damals 52-Jährigen (über dessen Arbeitsstil ein Kollege während der Veranstaltung erzählte: „Er konnte hart gegen andere sein, aber gemein zu sich selbst“) war ruhig zu Hause sitzen keine Option. Er widmete sich fortan intensiv der Baugeschichte. „Dabei konnte er auch sein Faible für Statistik voll ausleben“, sagt Oleg Peters. Eine Passion teilt der Sohn übrigens mit dem Vater: jene für Schloss Biesdorf und dessen Historie. Dem Leben und Werk des Schloss-Architekten Johann Heino Schmieden (1835-1913) hat Oleg Peters nicht nur seine Dissertationsschrift gewidmet, die er Ende 2014 an der Fakultät für Architektur am Karlsruher Institut für Technologie eingereicht hat. Ein Buch über Schmieden aus seiner Feder wird demnächst im Lukasverlag erscheinen.

Die Ausstellung „MenschenLeben – Lebenswerke. Marzahn-Hellersdorfer Porträts“ informiert über mehr als 60 Persönlichkeiten, die auf sehr unterschiedliche Weise die Geschichte des Bezirks mitgestaltet haben. Sie ist bis zum 2. Oktober 2016 im Haus 1 des Bezirksmuseums zu sehen, Alt-Marzahn 55. Geöffnet: Mo bis Fr 11–17 Uhr, So 11-17 Uhr (feiertags geschlossen). Am 9. Dezember, 18 Uhr, gibt es in der Reihe „Marzahn-Hellersdorfer Gespräche zur Geschichte“ einen Vortrag mit Lesung von Harald Kintscher „Ernst Edler von Planitz – ein umstrittener Schriftsteller“. Eintritt frei.

 

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