Das große Aufräumen nach dem Unwetter – es bleiben Fragen

Die Pfarrstraße eine Woche danach

19.06.2019, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Eine Woche nach dem Unwetter, das in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch, 11./12. Juni, über die Victoriastadt hereinbrach, werden die verheerenden Folgen vollends sichtbar. Besonders hart hat es die Bewohner der Pfarrstraße im Abschnitt zwischen Hauff- und Kaskelstraße erwischt. Auf den Gehwegen türmen sich große Berge von Gegenständen, die so nass geworden waren, dass sie nicht mehr zu gebrauchen sind: Bretter, Schränke, Sessel, Sofas… Auch Kühlschränke, Waschmaschinen, elektrische Heizkörper und eine Kloschüssel stehen am Straßenrand. Es musste erst einmal alles raus aus den Kellern. Denn die waren in der Regennacht reihenweise abgesoffen. Zudem waren die ebenerdig vorhandenen Büros und Geschäfte überschwemmt worden.

Das Gute am Schlechten: Kein Mensch kam zu Schaden

Die Kombination von Starkregen, Hagelkörnern von bis zu vier Zentimetern Durchmesser und Windböen von Geschwindigkeiten bis zu 110 Kilometern pro Stunde war fatal. Bis zu 1,20 Meter hoch stand das Wasser in den Straßen vom Kaskelkiez, die Wassermassen hatten Autos von ihren Parkplätzen bewegt, teilweise war der Strom ausgefallen. An der Ecke Pfarrstraße, Kaskelstraße unterspülten die Wassermassen den Gehweg, der unmittelbar neben einem Wohnhaus so tief einbrach, dass die unterirdischen Rohrstränge freigelegt wurden. Das Fahrradgeschäft, das sich dort befindet, wurde überflutet, das Lager im Keller lief voll.

Wie es in einer am Montag, 17. Juni, vom Bezirk veröffentlichten Pressemeldung heißt, kamen „wie durch ein Wunder … keine Menschen zu Schaden.“ Feuerwehr und Polizei waren in der Nacht und am Folgetag unermüdlich im Einsatz, um die schlimmsten Schäden zu lindern und Gefahren für Leib und Leben abzuwenden.

Gute Nachbarschaft ist hilfreich

So fassungslos die Bewohnerinnen und Bewohner über das Geschehen auch waren, sie reagierten besonnen und unaufgeregt. Schon am Morgen danach begann das große Aufräumen. Der Schlamm aus den Hausfluren und Büros wurde hinaus befördert, die Schäden inspiziert. Noch eine Woche nach dem Ereignis sind Spezialfahrzeuge vor Ort und pumpen Keller leer. Es wurde eine Sammelstelle für Schadensmeldungen eingerichtet. „Wer braucht nachbarschaftliche Hilfe und wobei?“, steht an einem eilig aufgestellten Schild. Darunter: „Wer kann helfen und wobei?“ – Solidarität funktioniert meist ganz einfach.

Bezirkliche Arbeitsgruppe aus Fachleuten

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst hatte sich am Freitagmorgen, 14. Juni, mit dem bezirklichen Katastrophenschutzbeauftragten Robert Zückmantel persönlich ein Bild von der verheerenden Lage gemacht. „Wir haben sofort eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten gegründet und seitens der Verwaltung Verantwortliche benannt, die sich um die Betroffenen kümmern“, sagte er. Hilfesuchende können sich rund um die Uhr an den Katastrophenschutzbeauftragten wenden:
Telefon: 030 90 296 -3512, mobil: 0151 43 90 04 31
E-Mail: katastrophenschutz@lichtenberg.berlin.de
Zusätzlich bietet Robert Zückmantel in dieser Woche am Donnerstag, 20. Juni, von 17 bis 19 Uhr in der Pfarrstraße 92 (SozDia Stiftung Berlin) eine Bürgersprechstunde an.
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) will ebenfalls noch in dieser Woche kostenlos Sperrmüll abtransportieren. Die Termine werden noch bekannt gegeben. Für die betroffenen Unternehmen aus dem Kaskelkiez und die Kita Sonnenbogen, Pfarrstraße 101, die unter Wasser stand, werden Ersatzräumlichkeiten beschafft. Auch die Berliner Wasserbetriebe beteiligen sich daran.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Gründe und Ursachen, die gerade im Kaskelkiez zu so schweren Unwetterfolgen geführt haben, werden wohl die Gutachter und Versicherungen noch lange beschäftigen. Es geht insgesamt um große Summen. Ja, Sturmtief „Jörn“ war der Übeltäter mit 25 Litern Regen je Quadratmeter im Kaskelkiez, binnen zweieinhalb Stunden. Aber ihn allein trifft sicher keine Schuld. Der Deutsche Wetterdienst löst erst eine Unwetterwarnung aus, wenn mehr als 25 Liter pro Stunde oder mehr als 35 Liter in sechs Stunden zu erwarten sind.

Betrachtet man die Victoriastadt aus der Vogel- (google earth) Perspektive, wird deutlich, dass das gesamte Viertel wie in einem Kessel liegt, der von höher gelegenen Bahntrassen umgeben ist. In Nord-Süd-Richtung zur Rummelsburger Bucht gibt es fast kein Gefälle. Genau in dieser Richtung verläuft die Pfarrstraße, deren Häuserzeilen nur von der Kaskelstraße unterbrochen werden.

Historischer, einst schiffbarer Kanal entdeckt

Stephan Natz, Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe, hält sich bedeckt, was die Schuldfrage angeht. „Offenbar sind der Kuhgraben, (ein kleiner Fließ hinter den Häusern östlich der Pfarrstraße, die Redaktion), und der Ruschegraben, der zur Regenentwässerung angelegt wurde, durch die hohen Wassermengen übergelaufen“, sagt er. Der Kuhgraben mündet in den Ruschegraben, der dann in die Rummelsburger Bucht abfließt. Letzterer stammt von 1961, ist 3,60 Meter breit, 2 Meter hoch und wird gerade saniert. „Die Höhe ist aber nie in Gänze verfügbar“, so der Pressesprecher. Da der Graben flach verlaufe, stünde – je nach Pegelstand in der Bucht – mal mehr, mal weniger Wasser darin. „Am Ruschegraben hängen aber zirka 600 Hektar Lichtenberger Regenentwässerung.“ Außerdem habe man bei den Arbeiten in der Pfarrstraße historische Mauern im Untergrund entdeckt, die darauf hindeuteten, dass dort einmal ein schiffbarer Kanal entlang führte.

Jahrhundertereignisse häufen sich

„Alles wird immer mehr bebaut und versiegelt“, resümiert Stephan Natz. „Der Einfülltrichter wird breiter, die Tülle jedoch nicht.“ Er sieht für die Zukunft zwei Möglichkeiten, um in der Victoriastadt derartige Katastrophen zu verhindern: Entweder der Ruschegraben müsse vergrößert werden – oder Lichtenberger Gebiete müssten großflächig vom Regenwasser-Kanalnetz entkoppelt werden. „Versickern und Verdunsten vor Ort“, wäre dann das Gebot.

Die Niederschläge vom 11./12. Juni seien zwar ein „jahrhundertjährliches Ereignis“ gewesen, so der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Angesichts steigender Häufigkeiten solcher Ereignisse, könne es allerdings sein, dass die Statistik umgeschrieben werden müsse.


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