Rummelsburger Bucht: Mehr als 25 Jahre für einen Bebauungsplan

Die letzte Brache

02.11.2018, Volkmar Eltzel und Linna Schererz

Fotos: Volkmar Eltzel und Linna Schererz. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Rummelsburg. Eine Joggerin in moderner Funktionskleidung strebt vom Paul-und-Paula-Ufer nordwestwärts. Dorthin, wo das Wohnen gut und teuer ist. Spaziergänger sind mit Kindern unterwegs, einige auch mit Hunden. Radfahrer verkehren auf dem Uferweg in beide Richtungen und kommen manchmal den Fußgängern gefährlich nahe. Ein Angler schaut auf die ausgeworfene Rute, die sich gerade spannt. Trotz der gesundheitsgefährdenden, schlechten Wasserqualität des Rummelsburger Sees, ein Ergebnis der mehr als hundertjährigen industriellen Nutzung von Land und Gewässer, scheint er auf frischen Fang zu hoffen. Hausboote ankern im Wasser. Obwohl es herbstlich kühl ist, sind sie bewohnt. Der kleine Biergarten am Ufer hat geschlossen. Nur wenige Meter neben dem Weg sind Zelte aufgebaut. Kleidung hängt zum Trocknen auf Leinen, die zwischen zwei Bäumen gespannt sind. Dort und auf weiteren angrenzenden Brachflächen leben Menschen, die sich keine eigene Wohnung leisten können oder wollen – Obdachlose, Arme und Leute, die alternative Wohnformen pflegen. Nicht jedem, der an der Bucht eine schöne Wohnung hat, gefällt das. Nicht überall halten es die Zeltbewohner sauber. Es liegen Flaschen und Müll herum. Gegenüber geht der Umbau des einst maroden Ostkreuzes zu einem modernen Hauptstadt-Bahnhof in die letzte Runde. Auf Friedrichshainer Seite wird die Ruine des ehemaligen Glaswerks Stralau seit 2015 aufwändig zu einem luxuriösen Wohngebäude umgebaut, entstehen Neubauten der Streletzki-Gruppe (sie hat u.a. Estrel-Hotel gebaut).

Wohnungen, Wasserhaus, ein Park

Etwa 30.000 Quadratmeter groß ist die Brache zwischen Paul- und-Paula-Ufer, Kynast- und Hauptstraße. An ihren Grenzen stoßen Gegensätze aufeinander wie sonst kaum noch in guter Berliner Wasserlage. Weiter südöstlich, im Hinterland der Zillepromenade und des Bolleufers stehen schon überall schicke Häuser. Hier lebt vor allem der gut situierte Mittelstand. Ebenso auf Friedrichshainer Seite.

Längst sind dort wie anderswo in Berlin die wilden Ufergelände an der Spree von Investoren aufgekauft und gewinnbringend aufgehübscht worden. Projekte wie die einstige Wagenburg „Schwarzer Kanal“ an der Schillingbrücke, Strandbars und Szenekneipen verschwanden. Dafür wurden teure Wohn- und Geschäftshäuser wie das Hochhaus Living Levels in Friedrichshain direkt am Wasser gebaut. Das Wilde, Chaotische, Unfertige, das für viele Berlin-Besucher den Reiz der einst geteilten Stadt ausmachte, ist größtenteils nur noch Erinnerung. Jetzt soll auch die letzte unbebaute Fläche an der Rummelsburger Bucht gestaltet werden – mit einem Wasserhaus, der Coral World, quasi ein Aquarium mit ökologischen und Bildungsansprüchen, und einem dazugehörenden Wasserpark, mit mehr als 400 Wohnungen und Geschäften, außerdem einem Hotel. Bereits seit 26 Jahren wird an einem entsprechenden Bebauungsplan (B-Plan) gearbeitet.

Widerstand gegen den B-Plan

Eigentlich sollte das Lichtenberger Bezirksparlament schon am 18. Oktober darüber abstimmen. Doch das Votum der BVV stand letztlich doch nicht auf der Tagesordnung. Bislang gibt es keine neue Terminangabe. Denn es regt sich Widerstand. Nicht nur aus Kreisen der meist jungen Leute, die in zwei sanierungsbedürftigen Zwanziger-Jahre-Häusern an der Hauptstraße 1 zur Miete wohnen. Der berlinbekannte Immobilienbesitzer Gijora Padovicz belässt die Gebäude in ihrem schlechten Zustand. Er will lieber heute als morgen abreißen und stattdessen Luxuswohnungen errichten. Die Mieter an der Hauptstraße kämpfen bereits seit Jahren gegen die Pläne. Sie sollen Ersatzwohnraum gestellt bekommen, sagt Lichtenbergs Stadtentwicklungs-Stadträtin Birgit Monteiro (SPD). Wo, ist noch unbekannt. Doch die Mieter wissen: Das Wohnen wird dann auf jeden Fall teurer für sie werden als in den heruntergekommenen Häusern an der Hauptstraße.

Forderung: Planung neu aufrollen!

Bei einer Demo gegen Abriss und geplanter Brachen-Bebauung fanden sie Unterstützung. Mehr als 1.500 Menschen beteiligten sich nach Angaben der Organisatoren am 18. Oktober an der Demonstration gegen den Bebauungsplan. Sie führte direkt vor den Tagungsort der Lichtenberger Bezirksverordneten. Die Polizei stoppte den Zug kurz vor der Max-Taut-Aula in der Fischerstraße und sicherte die Versammlung der Verordneten. „Reißt ihr unsre Häuser nieder, seh’n wir uns in euren wieder“, skandierten einige Demonstrierende. Es blieb friedlich.

In Reden vor dem Versammlungsgebäude wurden die Politiker angehalten, im Interesse der Einwohner zu handeln. Der gerade stattfindende Prozess sei exemplarisch für Berlin. Auf die Frage „Wem gehört die Stadt?“, könne die Antwort nur lauten: „Denen, die hier leben!“ Der BVV wurde ein Einwohnerantrag mit über 5.000 Unterschriften übergeben, in dem gefordert wird, „das letzte Grundstück an der Rummelsbucht in öffentlicher Hand für die Allgemeinheit zu sichern“. Es wird eine „behutsame, partizipative Entwicklung des Gebietes“ verlangt.

Es waren nicht nur Vertreter von miteinander vernetzten Initiativen rund um das Ostkreuz dabei, die sich eine andere als die vorgesehene Bebauung wünschen. Auch Bündnis 90/Grüne hatte dazu aufgerufen, ebenso Claudia Engelmann, die Vorsitzende des Bezirkselternausschusses, die für die Linke in der BVV sitzt. Alle eint ein Wunsch: Den B-Plan nochmals aufrollen und die Planungen neu starten. Denn nach mehr als 25 Jahren hätten sich die Ausgangsbedingungen grundlegend geändert. „Das Ostkreuz und die Rummelsburger Bucht sind zentrale Orte von stadtpolitischer Bedeutung und sollten entsprechend den Leitlinien zur Entwicklung von Stadtquartieren – wie im Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün vereinbart – entwickelt werden“, sagt Antje Kapek, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus Berlin und Lichtenberger Abgeordnete. Engelmann moniert vor allem fehlende Schulen und Kitaplätze im Gebiet. Die Planung der entsprechenden Infrastruktur im neuen Quartier fehle.

Wasserhaus als Attraktion

Bevor diese Fragen nicht abschließend geklärt sind, werde es keinen Bebauungsplan Ostkreuz geben, sagt Bürgermeister Michael Grunst (Linke). Nichtsdestotrotz sieht er den Lückenschluss als erforderlich für die Komplettierung des Wohngebietes Rummelsburger Bucht, eines der attraktivsten in Lichtenberg. Grunst ist auch bekennender Fan des geplanten Wasserhauses des israelischen Millionärs und Naturaktivisten Ben Kahn: „Das wird eine Attraktion für den Bezirk“, sagt er.

Kein Beschluss vor Lösung Schul- und Kitafrage

Birgit Monteiro verweist auf die vielfältigen Änderungen, die es in der Diskussion um den Bebauungsplan bereits gegeben hat. „Es handelt sich um unseren ältesten B-Plan, den wir seit 26 Jahren bearbeiten“, sagt sie. 1992 sei das gesamte Gebiet durch altindustrielle Brachen und Anlagen gekennzeichnet gewesen. „Die heutige Diskussionen und Begehrlichkeiten zeigen den Erfolg der bisherigen Planungen und deren Realisierung.“ Seit 2005 habe es allein vom Bezirksamt mehr als zwei Dutzend Veranstaltungen rund um das Thema Rummelsburger Bucht gegeben, an denen sich die Bürger beteiligen konnten. Mehrfach habe der Senat umgesteuert und Entwicklungsziele neu angepasst. So sei anfangs von einer sehr hohen Bebauung mit 20- bis 25geschossigen Häusern die Rede gewesen. Nun werde über Gebäude gesprochen, die maximal fünf bis acht Geschosse bekommen sollen. „In einem Gutachterverfahren von 2009 tauchte dann auf, dass ein Bezug zum Wasserturm und zum Wasser in der Bucht wünschenswert sei. Und wenn dann ein Investor, der vom Land quasi zur Mitwirkung eingeladen wird, die Idee eines Wasserhauses entwickelt, finde ich das legitim.“ Birgit Monteiro verweist darauf, „dass ALLE Beschlüsse zu Grundstücksgeschäften im Berliner Abgeordnetenhaus einstimmig getroffen“ worden seien. Also nicht nur mit den Stimmen der jeweiligen Koalitionspartner. Die Stadträtin unterstreicht, dass sie die Sorge um Schul- und Kitaplätze nachvollziehbar findet: „Dazu gehört die Zusage des Bezirksamtes, dass wir den B-Plan nicht festsetzen werden, bevor diese Fragen verlässlich gelöst sind“, versichert sie.
Dass die Brache am Rummelsburger See verschwindet, scheint indes nur noch eine Frage der Zeit.

 

Die Rummelsburger Bucht

Der See: Der Rummelsburger See (Länge 1,6 Kilometer) ist eine Spreebucht mit den angrenzenden Bezirken Lichtenberg (Rummelsburg) und Friedrichshain Kreuzberg (Halbinsel Stralau). Ab dem 19. Jahrhundert wurde das Gebiet zum Erholungsgebiet für die Berliner. Seit Beginn der 1870er-Jahre (Gründerzeit) nahm an der Bucht die Industrialisierung zu. Deren Schwerpunkte lagen in Stralau und am Nordufer des Sees, im Bereich des heutigen Gewerbeparks Klingenberg. Die Erholungsbetriebe wurden immer weiter zurückgedrängt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bucht weiter als Industriestandort ausgebaut. Ein Großteil der Industrieanlagen wurde nach 1990 stillgelegt. Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde die Rummelsburger Bucht zum exklusiven Wohnstandort entwickelt.
Das Entwicklungsgebiet: Am 31. März 1994 schloss das Land Berlin mit der Entwicklungsträgergesellschaft Rummelsburger Bucht einen Vertrag zur Entwicklung des Gebiets. Die Gesellschaft fusionierte später mit der Wasserstadt GmbH, die ursprünglich nur Entwicklungsträger für die Wasserstadt Spandau war. 1993 wurde ein Masterplan für die Rummelsburger Bucht erstellt, der zunächst Wohnungen für rund 12.000 bis 15.000 Menschen vorsah und Arbeitsstätten für etwa 12.000 Beschäftigte (Rummelsburg und Stralau). Die Planungen wurden mehrfach modifiziert. 2008 wurde die Rummelsburger Bucht aus der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme entlassen. Mehr als 4.000 attraktive Wohnungen entstanden auf Lichtenberger und Friedrichshainer Seite, dazu 16 Hektar Grün- und Freiflächen und ein knapp sechs Kilometer langer Fuß- und Radweg. Auch das ehemalige Gefängnis Rummelsburg wurde zu einem Wohnhaus umgebaut.
Das Gewässer: Insgesamt 68 Millionen Euro wurden für die Altlastenbeseitigung in der Rummelsburger Bucht ausgegeben, davon allein für die Sanierung des Sees 12,5 Millionen Euro. Dieser ist allerdings weiterhin stark schadstoffbelastet, Baden ist deshalb verboten. Die Senatsverwaltung für Umwelt hat derzeit ein Gutachten beauftragt, dessen Ergebnisse im 1. Quartal 2019 vorliegen und als Grundlage für eine anschließende gesundheitliche Risikobewertung dienen sollen. Geschätzte Kosten für eine See-Sanierung schwanken zwischen 20 Millionen Euro (Teilsanierung) und 250 Millionen Euro (Totalsanierung).
Das Quartier an der Mole: Seit 1992 läuft ein Bebauungsplanverfahren für das Gebiet gegenüber dem Verkehrsknoten Ostkreuz(B-Plan Ostkreuz XVII http://www.bebauungsplan-ostkreuz.de). Die letzte freie Fläche am Rummelsburger See soll einem modernen Stadtquartier mit Wohnungen und Dienstleistungseinrichtungen weichen. Sie befindet sich hinter dem Paul-und-Paula-Ufer, wo Szenen des Films von 1973„Die Legende von Paul und Paula“ gedreht wurde. Mehr als 400 Wohnungen, davon etwa 190 von der Städtischen Howoge, sollen entstehen, ebenfalls ein Wasserhaus (Arbeitstitel) sowie Geschäfte und Dienstleistungseinrichtungen.
Das Wasserhaus: Ein Vertrag über die Errichtung des Wasserhauses wurde am 9. September 2017 geschlossen. Danach will die Coral World International (CWI) ein Beobachtungszentrum für die Unterwasserwelt errichten. Gleichzeitig schafft das Unternehmen einen etwa 6.000 Quadratmeter großen öffentlichen Park zum Thema Wasser und wird diesen 20 Jahre lang pflegen. Gerechnet wird seitens des israelischen Investors Benjamin Kahn mit Investitionskosten von 40 Millionen Euro. Prognostiziert werden 500.000 Besucher pro Jahr. Das Grundstück hatte die CWI 2016 vom Land Berlin erworben, der Kaufpreis wird aber erst nach beschlossenem B-Plan bezahlt.
Die Kritik: Fehlende Kita- und Schulplätze werden kritisiert. Solange das nicht gelöst ist, soll der B-Plan nicht von der BVV abgestimmt werden. Moniert wird ebenfalls eine hohe Verkehrsbelastung durch die avisierten jährlich 500.000 Besucher des Wasserhauses. Zudem wenden sich etliche miteinander vernetzte Initiativen rund um das Ostkreuz gegen die Bebauung, darunter auch die Mieter der zum Abriss vorgesehenen Padovicz-Häuser an der Hauptstraße, siehe z.B. hier.

 

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