Schornsteinfegermeister Bernd Müller schreibt über sein Leben

Die Friedensfahrt nach Paris

27.10.2014, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann

Mahlsdorf. Viele Leute haben schon ein Buch geschrieben – Sportler, Wissenschaftler, Sänger und Politiker. Nun reiht sich in die große Anzahl von Autoren der Vertreter einer Berufsgruppe ein, von der man ein Buch nicht unbedingt erwartet. Ein Schornsteinfegermeister erzählt aus seinem Leben. Der Titel seines Buches „Zukunft ist ohne Vergangenheit nicht möglich“ ist wohl auch das Lebensmotto von Bernd Müller. Denn er hat sich gleich in zweifacher Hinsicht mit der Vergangenheit beschäftigt.

Einer der wenigen Urberliner

Einmal möchte er die Erinnerung an die Geschichte seines Berufsstandes bewahren, denn kaum ein Feger der heutigen Zeit ist noch mit einem Ofen konfrontiert worden. Zum anderen beschäftigt sich Bernd Müller mit der Geschichte seiner Stadt Berlin. Damit ist nicht die Stadt in den Grenzen von heute gemeint, sondern das historische Berlin rund um die Nikolaikirche. Müller sieht sich gern als Urberliner, der das alte Berlin noch erlebt hat, bevor es durch die Bomben des zweiten Weltkrieges in Schutt und Asche versank. Es gibt nur noch wenige Berliner seiner Generation. Viele Jahre lang hat der Mahlsdorfer ein Treffen der Menschen organisiert, die vor 1945 im alten Berlin geboren wurden.

Viel Arbeit, wenig Lohn
Bernd Müller erblickte am 8. Februar 1932 im Nikolaiviertel in Mitte das Licht der Welt. Mit 16 Jahren schmiss er die Schule, weil er unbedingt Schornsteinfeger werden wollte. Heute gibt er gern zu, dass die Schule nicht unbedingt sein Ding gewesen ist. Aber die praktische Arbeit lag ihm. Und so erlernte er dann auch bei einem Meister in Köpenick den Beruf des Schornsteinfegers. „Es war ein schwerer Beruf“, erklärt Müller. „Wir haben viel Ruß und Staub geschluckt und trotzdem sind viele Schornsteinfeger über 80 Jahren alt geworden.“
Als Geselle kam er dann zu einem Meister nach Weißensee. Dort legte er 1956 seine Meisterprüfung ab. Trotzdem musste er weiter mit dem Lohn eines Gesellen in Weißensee die Schornsteine fegen. Bis 1963 arbeitete er noch als Geselle, bevor er dann seinen eigenen Kehrbezirk als Meister bekam. „Bei einem Lohn von 194 Mark der DDR“, erzählt Müller. Schon aus diesem Grunde haben viele Schornsteinfeger aufgegeben, weil sie als Pförtner oder Hausmeister besser bezahlt wurden. Für einen Schornstein in Weißensee bekam er 45 Pfennige Kehrgebühren. Für jede Etage des Hauses kamen noch einmal 5 Pfennige dazu. In den Siedlungsgebieten gab es pro Grundstück 85 Pfennige. Bis zum Ruhestand 1997 war er für 2.500 Grundstücke in Mahlsdorf, Kaulsdorf, Biesdorf und Hellersdorf zuständig. Auch das hat Müller in seinem Buch aufgelistet. Zu den Grundstücken gehörten 1.000, die unter einer Mark bezahlt wurden. Für weitere 1.000 Grundstücke betrug die Kehrgebühr unter zwei Mark und nur 500 Grundstücke waren dabei, die mit höheren Gebühren bezahlt wurden. „Der Meister hatte ein jährliches Einkommen von 22.000 Mark“, erklärte Müller. „Davon mußte aber auch alles bezahlt werden – die Gesellen, das Werkzeug und nicht zu vergessen die Steuern und Abgaben an Vater Staat.“

Auch im Winter ohne Socken

Der Hungerlohn reichte nicht aus, so dass sich viele Schornsteinfeger nach einer zweiten und dritten Tätigkeit umsahen.  50 Jahre lang ist Bernd Müller den Leuten aufs Dach gestiegen. Aber nicht nur als schwarzer Mann, der Glück bringen soll, ist er den Leuten bekannt. Die Mahlsdorfer kennen ihn auch als „Barfuß-Müller“, weil er selbst im strengsten Winter ohne Socken in Sandalen durch den Schnee läuft. Auch unter dem Spitznamen „Ofen-Müller“ ist er bekannt. Den Namen bekam er für sein Steckenpferd, alte Öfen zu sammeln. Bernd Müller wollte die Geschichte der beheizten Wohnungen auch den nachfolgenden Generationen  vermitteln. Seine eigene Innung sollte ebenfalls von seiner Sammlung profitieren. „1988 habe ich mein erstes Museumstück erworben“, erinnert sich Bernd Müller. Aus diesen Anfängen wurde eine stattliche Sammlung von mehreren tausend Exponaten, darunter Öfen, Ofentüren und viele Gegenstände, die mit einer warmen Wohnung zu tun haben. Natürlich gibt es Prunkstücke in seiner Sammlung wie die „Heiße Frau“, einen gusseisernen Ofen in Frauengestalt oder der Ofen aus dem Knast, der eben auch „ausbruchsicher“ in der Zelle stand.

Ofenmuseum war für den Bezirk uninteressant
Sein privates „Ofenmuseum“ hatte Bernd Müller zunächst in seinem Wohnhaus. In den 1990er-Jahren zog er damit für kurze Zeit in ein Haus in der Melanchthonstraße. Weil aber der damalige Bezirk Hellersdorf sich nicht dafür interessierte, musste das Museum praktisch von einem Tag auf den anderen weg. Auch das gehört für Müller zu den schmerzlichen Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre. Und so reiht sich das Ofenmuseum oder besser „Feuerstättenmuseum“ ein in die Reihe der nicht gewollten Handwerksmuseen Berlins. Das Friseurmuseum ist weg und ein Schmiedemuseum. Ein Tischlereimuseum wollte erst gar keiner. Die Exponate von Müllers Ofenmuseums können die vielen tausend Besucher im Jahr nun nicht mehr in der Hauptstadt, sondern im sächsischen Knappenrode in einer ehemaligen Brikettfabrik bestaunen. „Ich wollte, dass die Sammlung komplett erhalten bleibt und bin Knappenrode dafür dankbar, dass dort mein Museum aufgenommen wurde“, sagt der Gründer.

Mit dem Leierkasten unterwegs
Als Leierkastenmann zog Bernd Müller gemeinsam mit seiner Frau Monika zu den großen Volksfesten in Berlin und zu vielen kleinen Festen im Bezirk oder zu privaten Feiern. Die Liebe zum Leierkasten hate er von seiner Mutter übernommen, die viele Jahre lang als „Schornsteinfeger-Leierkasten-Müllerin“ durch die Straßen von West-Berlin gezogen ist. Als Vorsitzende des Drehorgelvereins wurde sie zu einem Berliner Original. Im Panoptikum am Kurfürstendamm wurde ihr mit einer Wachsfigur ein Denkmal gesetzt. Nachdem auch das Panoptikum aus dem Berliner Stadtbild verschwunden ist, liegt die Figur der Leierkasten-Müllerin nun in einer Kiste verpackt in einem Lagerhaus in Großbeeren und hofft auf bessere Zeiten. Es ist wohl ein Treppenwitz der Zeitgeschichte, dass sie sich eine Kiste mit „Jack the Ripper“ teilen muss. Nur einmal noch erblickte die Wachsfigur das Licht der Welt. Vor zehn Jahren im Dezember 2004 befreite sie Bernd Müller zeitweilig aus ihrem dunklen Verließ, um gemeinsam mit der Familie im Dezember 2004 den 100. Geburtstag der Leierkasten-Müllerin im Gründerzeitmuseum Mahlsdorf zu feiern.

Stadtspaziergänge als Eckensteher Nante
Berliner und Touristen haben Müller kennengelernt, wenn er als Eckensteher Nante mit einer Pulle Kümmel in der Tasche seine historischen Stadtführungen durch das Nikoalaiviertel oder von der Friedrichstraße bis zum Roten Rathaus machte. 30 Jahre lang hat Bernd Müller Stadtführungen angeboten: „Ich wollte damit auch meine Kasse etwas aufbessern“, sagt er. Über seine Führungen schrieb er zwei Broschüren, damit seine Besucher alles zu Hause in Ruhe nachlesen konnten, was er ihnen erzählt hatte. Auch wenn aus den angekündigten zwei Stunden Stadtführung manchmal fünf Stunden wurden, weil Müller so viel zu berichten hatte, haben die Besucher die Spaziergänge mit dem Mahlsdorfer geschätzt.

1990 mit dem Rad nach Frankreich
Mit Berliner Herz und Schnauze beschreibt er in seinem Buch das Leben in der DDR. Er schildert, wie er mit der Mutter und dem Bruder zunächst in einer Gartenlaube wohnte, weil das Geld mehr als knapp war. 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer beschreibt Müller in leuchtenden Farben seinen größten Ausflug. 1990 setzte er sich nämlich auf das Fahrrad und fuhr in Schornsteinfegerkluft von Berlin nach Paris. Damit erfüllte sich Bernd Müller einen Lebenstraum, denn diese Fahrt wollte er schon zwei Jahre früher als seine ganz private „Friedensfahrt“ machen. Dafür habe es zwar die Unterstützung des DDR-Kulturministeriums gegeben, sagt er, aber die Parteiführung habe die Idee gar nicht gut gefunden und so sei ein Brief an Erich Honecker unbeantwortet geblieben.

Das Buch „Zukunft ist ohne Vergangenheit nicht möglich“ gibt es bei Berlin Story, Unter den Linden 40, ISBN 978-3-95723-026-3, 19,95 Euro.

 

 

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