65 Jahre lang verheiratet

Die Eisernen

23.05.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Eiserne Hochzeit ist eigentlich kein sonderlich schöner Begriff. Irgendwie erinnert er an Kampf, an Durchhalten, an Unbeugsamkeit. Eisern eben. Doch es kann auch viel Gefühl dabei sein. „Ich hab’ sie immer geliebt, auch wenn wir manche Probleme hatten. Und sie hat mich auch immer geliebt“, sagt Reinhold Schäfer über seine Frau Lieselotte. Sie bestätigt: „Die Liebe war von Anfang an da und ist geblieben.“ Das Ehepaar beging am Mittwoch, 21. Mai, seinen 65. Hochzeitstag. Am Sonnabend wird in kleiner Runde gefeiert, auch Marzahn-Hellersdorfs Vize-Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) kommt zum Gratulieren.

„Man will ja nicht einrosten“
Vom Balkon der Vierraumwohnung im Murtzaner Ring, wo die Schäfers einen Tisch mit vier Stühlen unter einer gestreiften Markise aufgestellt haben, schaut man ins Grüne. „Ein schöner Blick“, freut sich Lieselotte Schäfer (82) immer wieder. Auch Reinhold Schäfer (86) guckt gern Richtung Springpfuhl: „Es ist idyllisch hier“, sagt er. Die Rentner wohnen seit einigen Jahren in dem sanierten Elfgeschosser. Sie versorgen sich noch selbst, auch wenn sie von dem einen oder anderen Zipperlein geplagt werden. Einkaufen geht es mit dem Rolli zum Helene-Weigel-Platz oder mit dem Bus ins Einkaufszentrum Eastgate: „Man will ja nicht einrosten“, sagt Reinhold Schäfer.

Montags immer zum Volkstanz
Dafür, dass sie fit bleiben, tun die Schäfers etliches. Jeden Montag, wenn die Gesundheit mitspielt, geht es zum Volkstanz nach Prenzlauer Berg, in die Turnhalle des Gymnasiums im Bötzowviertel. Etwa 100 verschiedene Tänze, vor allem deutsche, haben sie in ihrem Repertoire. Beim Volkstanz und beim Laienspiel haben sie sich im Oktober 1948 auch kennengelernt – die 17-jährige Lieselotte und der 21-jährige Reinhold, die beide aus einfachen Verhältnissen in Prenzlauer Berg stammten. „Weihnachten war schon Verlobung“, sagt Reinhold Schäfer. War es Liebe auf den ersten Blick? Beide gucken sich in die Augen, dann nicken sie. Fünf Monate später wurde geheiratet. „Auch, weil etwas Kleines unterwegs war“, erzählt Reinhold Schäfer. Das gehörte sich damals so. Bereut hätten sie ihren Entschluss aber nicht: „Es ist wunderschön, jemanden zu haben, der der beste Kamerad ist, dem man alles sagen kann, der einen bei Traurigkeit tröstet und dem man selber Trost spenden kann, der einen unterstützt und dem man ebenfalls hilft“, sagt Reinhold Schäfer.

Sechs Kinder und eine Enkelin großgezogen
Natürlich, so erzählt Lieselotte Schäfer, sei nicht immer alles eitel Sonnenschein gewesen. Sie habe wegen der Kinder – sechs wurden es insgesamt, später zogen sie auch ein Enkelkind mit groß, quasi als siebtes Kind – beruflich auf Vieles verzichten müssen. Denn ursprünglich wollten beide Schäfers Schauspieler werden, allerdings klappte das nur bei Reinhold. Er trat fast 20 Jahre lang am Theater der Freundschaft in Lichtenberg auf, wurde später Intendant des Theaters „Junge Garde“ in Halle und wirkte 19 Jahre lang als Schauspieler und Regisseur der städtischen Bühne Gera. „Meine Frau hat mir immer den Rücken frei gehalten, war stets für die Familie da“, sagt er.

Nie nur Hausfrau
Dass das nicht ohne manchen Kummer abging, daran erinnert sich Lieselotte Schäfer gut. Sie wollte eigentlich ebenfalls Karriere machen, auch wenn sie ihren Traum vom Theater nach einem Jahr Schauspielschule an den Nagel hängen musste – es war wieder ein Kind unterwegs. „Ich wollte aber nie nur Hausfrau sein.“ Nicht nur, weil die Familie, Schauspieler am Kindertheater verdienten nicht viel, ein zweites Einkommen gut gebrauchen konnte. „Auch um etwas ganz Eigenes zu haben.“ Über verschiedene Stationen – unter anderem Näherin im VEB Fortschritt, Pionierleiterin, Mitglied in einem Betriebskabarett, Mitarbeiterin im Klub der Jugend und Sportler in der Klosterstraße – kam Lieselotte Schäfer dann zum DDR-Fernsehfunk. Im Studio Halle wurde sie Aufnahmeleiterin – bis die Familie wegen der Verpflichtung ihres Mannes nach Gera erneut umziehen musste.

Ohne Kompromisse geht es nicht
Mindestens zwei Mal habe sie in den langen gemeinsamen Jahren auch mit dem Gedanken an eine Scheidung gespielt, erzählt sie. „Das erste Mal auf der Pionierleiterschule mit 20 Jahren.“ Da sei sie sich plötzlich wieder so jung vorgekommen, ohne familiäre Verpflichtungen durch Mann und Kind. Doch dann habe sie daran gedacht, wie sehr ihr doch die beiden fehlen würden und sei geblieben. Und das zweite Mal? Lieselotte schaut ihren Mann an und lacht: „Das habe ich vergessen, und er auch.“ Können sie angesichts steigender Scheidungsraten und Trennungen von Paaren ihr Rezept für eine gute, dauerhafte Beziehung verraten? Kompromisse schließen, sagt Reinhold Schäfer, ohne Kompromisse gehe es nicht: „Man kann nicht immer nur seinen Kopf durchsetzen.“

Feier mit guten Freunden
Zwei Söhne und vier Töchter hat das Ehepaar, 20 Enkel und 24 Urenkel. „Und das 25. Urenkelchen ist auch schon unterwegs”, sagt Lieselotte Schäfer. Die ganze Großfamilie komme dieses Mal aber nicht zur Feier. Alle seien bei der Diamantenen Hochzeit (60 Jahre) da gewesen. Das jetzige Jubiläum sei „gewissermaßen eine Zugabe“, das feierten sie vor allem mit einigen guten Freunden, darunter auch welche aus ihrer früheren FDJ-Gruppe.

„Verstehen, wie wir gelebt haben“
„Dieser Zusammenhalt ist geblieben, auch wenn wir nun alle alt geworden sind“, sagt Lieselotte Schäfer. Sie erzählt, dass sie um die Jahrtausendwende für zwei Jahre in einem kleinen Ort in Bayern gelebt hatten, um dort eine ihrer Töchter zu unterstützen. „Wir wollten dann aber unbedingt wieder in unsere Heimatstadt Berlin.“ Sie sagt, die Leute seien zwar sehr freundlich gewesen, aber man habe wenig Gesprächsstoff gehabt: „Wir haben zu unterschiedliche Biografien. Sie verstehen dort nicht, wie wir gelebt haben.”

 

 

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