Vor dem Fest

Wie war Weihnachten in der DDR?

01.12.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Pünktlich zum ersten Advent möchten auch wir Sie mit einer passenden Kolumne erfreuen. Wir stellen uns die Frage, wie das mit Weihnachten in der DDR wirklich war. Zahlreiche Zeitungen und Fernsehsendungen werden sich jetzt wieder mit diesem Thema beschäftigen. Warum nicht auch wir, die wir das erlebt haben? Wie beging man das Fest des Friedens und der Nächstenliebe in einem Gebiet, das den Einen als Unrechtsstaat galt und gilt, von anderen schlicht als Land wahrgenommen wurde, in dem sie lebten, liebten, zur Arbeit gingen, Kinder bekamen und großzogen?

Gepflegte Legenden

Als eine der ersten hat die Berliner Zeitung die gepflegte Ost-Weihnachtslegende in einer dem Blatt beiliegenden Verlagssonderbeilage bereits am vergangenen Mittwoch gebracht. Ein Journalist und Buchautor, Sohn eines Pfarrers, und eine zur Wende 1989 zwölf Jahre alte Rundfunk- und Fernsehsprecherin sind die Zeitzeugen. Übrigens die einzigen. Beide erinnerten sich an Familienfeiern unterm Tannenbaum, an Mangelwirtschaft, Westpakete und an den von der Staatsmacht gewünschten antireligiösen Charakter des Festes. Es kamen selbstverständlich die mittlerweile reichlich abgegriffenen Worte von den „Jahresendfiguren mit Flügeln“, die für die pausbäckigen  Engelchen aus Seiffen und anderen Werkstätten der Holzkunst seinerzeit im deutschen Osten benutzt worden sein sollen. Und die Rundfunk-/ Fernsehfrau erzählte sogar, dass es sich für sie als Kind nie erschlossen hat, dass das Datum mit Christi Geburt zusammenhängt. Weil Weihnachten im Osten ja nie etwas mit Religion und Kirche zu tun hatte. Uff.

“Oh Jesulein zart”

Dass die Ankunft des frischgeborenen Jesuskindes am 24. Dezember gefeiert wird, hätte man allerdings auch in der DDR wissen können. Und man wusste es auch, nicht nur wenn man kirchlich gebunden war. Schließlich gab es zahlreiche Schallplatten von Amiga und Eterna, auf denen nicht nur Frank Schöbel und Aurora Lacasa „Weihnachten in Familie“ begingen, sondern auch beispielsweise der Dresdner Tenor Peter Schreier sang. Weisen wie „Es ist ein Ros’ entsprungen“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ oder sogar „O Jesulein zart“. Der Dresdner Kreuzchor brachte u.a. „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes“, der Thomanerchor „Stille Nacht, heilige Nacht“. Diese und andere Vinylplatten, die es frei verkäuflich in Plattenläden gab, stehen noch heute bei mir im Schrank.  In der Adventszeit werden sie jedes Jahr hervorgeholt.

Die eigenen Erinnerungen entgegensetzen

Wahrscheinlich aber wird man die schon viel zu oft erzählten Geschichten über die antireligiöse und karge DDR-Weihnacht immer wieder hören, bis sie sich so verfestigt haben, als hätte es nicht auch anderes gegeben. Wenn wir nicht beginnen, unsere eigenen, vielfältigeren Erinnerungen dagegenzusetzen.

Ich mache mal den Anfang: In unserer Familie gab es Atheisten, zu den wir zählen. Aber auch etliche schlechte Kirchgänger (evangelisch), neuapostolisch Gläubige  und einige Zeugen Jehovas, Bibelforscher genannt. Traf man sich zu Festen, wurden zwei Themen geflissentlich ausgespart: Religion und Politik. Das blieb Privatsache, sonst hätte es bloß Streit gegeben. Doch bei den Weihnachtsliedern hatte man den gleichen Geschmack. Und auch beim Dekorieren der Stuben. Wir kommen ursprünglich aus dem Erzgebirge, da gab es immer den „Weihnachtsberg“. Diese Tradition haben wir auch nach Berlin mitgenommen. Hölzerne Rehlein, Nussknacker und Engel verschiedenster Art werden ab dem ersten Advent aufgestellt und dürfen bis zum 6. Januar, dem Dreikönigstag, in der warmen Stube bleiben. Wie ebenfalls die gedrechselten  Kurrendesänger und ein kleines Dorf aus Holz mit Kirche in der Mitte. Eines der mir noch heute liebsten Räuchermännlein stellt Petrus dar, mit langer Pfeife und den Himmelsschlüsseln in der Hand. Es sind allerdings nicht mehr ganz so viele. Einen habe ich als Kind geklaut, um meine Sparbüchse zu öffnen. Ein anderer wurde eine Generation später von unserem Sohn aus dem gleichen Grund entwendet.

Immer Gänsebraten mit grünen Klößen

Mangelwirtschaft hin und her – so lange ich denken kann, kam immer Gänsebraten mit grünen Klößen und Rotkohl auf den Tisch. Schon am Heiligabend, obwohl das in Berlin eigentlich nicht Sitte ist. Die Gans kaufte meine Mutter übrigens immer vom Geld, das sie für die eingeklebten Rabattmarken vom Konsum bekam. (Bei mir kommt es heute von den Ersparnissen mit der Payback-Karte.) Damit begonnen, Zutaten für Stollen heranzuschaffen, wurde gleich wieder nach dem Neujahrstag. Wir hatten keine Verwandtschaft außerhalb Ostdeutschlands, also gab es auch kein Zitronat oder süße Mandeln in Westpaketen. Die Berliner, die etwas besser versorgt wurden als der Rest der kleinen Republik, waren deshalb in der Pflicht, die Verwandten in der alten Heimat mit den notwendigen Backzutaten zu versorgen. Die Revanche folgte im Dezember in einem großen Ostpaket. Das enthielt immer drei Stollen, die bis Ostern reichten und die man dann pappsatt hatte. Und wenn auch keine Westschokolade auf die bunten Teller kam – Schokolade der Marke Rotstern, Pralinen von Argenta, gebrannte Mandeln, Nüsse; Dominosteine und Marzipankartoffeln lagen immer darauf. Auch eine Apfelsine und ein paar Mandarinen. Hin und wieder gab es ja Südfrüchte im Handel, vor allem zu Weihnachten.

Nun gehen Atheisten auch mal in die Kirche

Fragt sich, ob der heutige Überfluss besser ist. Aber das ist ein anderes Thema. Gefeiert wird bei uns auch heute noch so wie damals – mit Weihnachtskitsch überall, einem unbedingt bis zum 6. Januar stehenden Baum und natürlich Gänsebraten und Bunten Tellern. Obwohl beides verdammt kalorienhaltig ist. Und manchmal gehen wir Atheisten sogar zum Fest in eine Kirche – wegen der Tradition und der stimmungsvollen Atmosphäre. Das haben wir zugegebenermaßen damals in der DDR nicht gemacht. Es hat uns zwar niemand verboten. Aber auf den Gedanken sind wir seinerzeit gar nicht gekommen.


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