Internationaler Museumstag bietet auch Information über NS-Zwangsarbeit

Die dunkle Seite des Triftwegs

18.05.2014, Andrea Scheuring

Fotos: Andrea Scheuring, Plakat: Dokumentationszentrum NS Zwangsarbeit, Schöneweide

Lichtenberg. Unweit der Tierpark-Direktion, dort wo die Regionalbahn die Treskowallee kreuzt, erzählen zwei schlichte Metallstelen eine Geschichte. Einst führte hier der Triftweg an den Gleisen entlang gen Osten und damit in eines der düstersten Kapitel Lokalhistorie. „Wir trafen uns früh immer an der Brücke, ich kam von der einen Seite und die Arbeitskolonnen von der anderen Seite des Triftwegs, der direkt neben den Bahngleisen verlief und hin zum Lager führte“, erzählte  Rosemarie Erdmann, die damals noch ein Kind war und mit ihrer Familie in der benachbarten „Kriegerheimsiedlung“ – der heutigen Splanemann-Siedlung – lebte, vor einigen Jahren in einem Lichtenberger Jugendprojekt (zum Film>>) . „Die liefen dann nach Karlshorst, ich glaube zum Bahnhof, dort wurde an den Gleisen gebaut. Erst waren es ganz normale Männer, ärmlich gekleidet. Aber irgendwann veränderten sie sich. Sie wurden immer dünner, immer blasser, immer schäbiger. Nach Wochen oder Monaten… Das waren richtige Gespenstergestalten nachher.“ Rosemarie Erdmanns Kindheitserinnerungen, die vor allem auch Kriegserlebnisse sind, lassen die Geschehnisse und Protagonisten jener Zeit lebendig werden; jenes „Arbeitserziehungslager“ Wuhlheide, über das damals jeder in der Gegend tuschelte, welches heute aber fast in Vergessenheit geraten ist.

Menschenunwürdige Bedingungen im Strafarbeitslager
Das Strafarbeitslager der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) – auf dem Areal des Friedrichsfelder Schlossparks, am südlichen Rand des jetzigen Tierparks gelegen – war im April 1940 eingerichtet worden. Primitive Holzbaracken, in denen zunächst überwiegend „reichsdeutsche“, jüngere Männer gefangen gehalten und zur Arbeit im Eisenbahnbau und in Berliner Betrieben gezwungen worden waren. Die Strafarbeitslager sollten der „Disziplinierung“ von sogenannten arbeitsunwilligen Arbeitern dienen. An der Einweisung von Personen in diese „KZ der Gestapo“ (Gabriele Lotfi) waren meist die lokale Polizei, Arbeitsämter, Gestapo und die nutznießenden Firmen selbst – unter Umgehung der Justiz – beteiligt. Ab 1942 wurden auch politische Häftlinge und nachfolgend in den Kriegsjahren vorwiegend verschleppte ausländische Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene im „Arbeitserziehungslager“ Wuhlheide interniert. Sie wurden als Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie eingesetzt. In der Zeit seines Bestehens bis 1945 mussten schätzungsweise 30.000 Häftlinge das Lichtenberger Sonderlager durchleiden, unter unwürdigsten Bedingungen bei schlechter Ernährung, Bekleidung und Unterkunft schuften. Etwa 3.000 von ihnen kamen ums Leben.

Folter und Misshandlungen sind dokumentiert
„Ich bin Halbjude. Durch die Dienstverpflichtung in einem Rüstungsbetrieb sollte ich den Nazis helfen, den Krieg zu gewinnen. Das wollte ich nicht. Beim Fluchtversuch haben sie mich gefasst. Nach einer Haftstrafe war ich dann vier Wochen lang im Lager Wuhlheide wegen Passvergehens und Arbeitsvertragsbruchs eingesperrt“, schilderte der inzwischen verstorbene Willi Frohwein in dem Lichtenberger Jugendprojekt seine Erlebnisse. „Wir haben – von Polizisten bewacht – in Gruppen gearbeitet und zerbombte, kleinere Betriebe aufgeräumt. Wir konnten dabei Zivilsachen tragen, auf der Jacke war mit roter Lackfarbe ein großes W aufgemalt“, erinnerte sich Frohwein, der dann im April 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, die Lager und den Krieg überlebte und später vielen Kindern und Jugendlichen als Zeitzeuge von seinem Leben berichtete. Folter und Misshandlungen, wie sie aus dem „Arbeitserziehungslager“ Wuhlheide überliefert und dokumentiert sind, hat Frohwein selbst nicht erleben müssen. Diese Geschichten erzählt das Buch „Versklavt und fast vergessen: Zwangsarbeit im Berliner Bezirk Lichtenberg 1939-1945“ von Christine Steer, das im Museum Lichtenberg im Stadthaus erhältlich ist oder im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Schöneweide ausgeliehen werden kann.

Dauerausstellung informiert über „Alltag Zwangsarbeit“
Das Dokumentationszentrum lädt am 18. Mai 2014 unter dem diesjährigen Motto „Museum collections make connections“ anlässlich des Internationalen Museumstages in seine Ausstellung über den „Alltag Zwangsarbeit 1938-1945“ ein. In der Dauerausstellung wird die Geschichte der Zwangsarbeit während der NS-Zeit als allgegenwärtiges Massenphänomen betrachtet.

Das Programm des Internationalen Museumstages am 18. Mai 2014 im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit (Britzer Straße 5, 12439 Berlin) sieht ab 11 Uhr eine Kuratorenführung „Blick hinter die Kulissen“, eine Radtour sowie weitere öffentliche Führungen vor.

 

 

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