„Mosaik“-Ausstellung feiert ab April die Comic-Helden aus Karlshorst

Die Digedags kehren heim

03.04.2014, Andrea Scheuring

Karlshorst. Das rote Backsteinhaus in der Waldowallee liegt still in der Frühlingssonne. Nur von der nahen Baustelle der Treskow-Höfe klingt reges Gewerke herüber. Nichts lässt erahnen, dass jenes unscheinbare Haus mit der Nummer 15 Geschichten erzählen könnte, die ganze Bücher füllen würden. Denn noch vor wenigen Jahren zierte das Klingelschild der Name Hegenbarth. Johannes Hegenbarth, besser bekannt als Hannes Hegen, war nicht nur der populärste Comiczeichner der DDR, sondern auch geistiger Vater des längsten Bilderromans der Geschichte, in welchem die Kobolde Dig, Dag und Digedag – der Mauer zum Trotz – 20 Jahre lang durch Raum und Zeit reisten. Waghalsige Abenteuer führten die drei Comic-Helden in die Südsee, ins alte Rom, in den Weltraum, nach Amerika…, schließlich in den Orient, wo sie im Sommer 1975 für immer in der Wüste verschwanden. Jeder, der in der DDR seine Kindheit verbrachte, erinnert sich noch heute an die wundersamen wie kostbaren „Mosaik“-Hefte, die es meist nur unterm Ladentisch zu kaufen gab – und die seit 1957 Monat für Monat in eben jener Karlshorster Backstein-Villa unter der Ägide von Johannes Hegenbarth entstanden, der hier auch wohnte.

Legendäres Figuren-Ensemble
Mit „Die Jagd nach dem Golde“ – so der Titel des ersten „Mosaik“-Heftes – startete Ende 1955 im Verlag Neues Leben eine Comicserie, die ihren Urheber nicht nur reich, sondern ihre Figuren legendär machen sollte: Neben den Digedags kannte fast jedes Kind in der DDR den Ritter Runkel von Rübenstein, sein Pferd Türkenschreck und seine Braut Adelaide von Möhrenfeld. Man fieberte mit und erfreute sich an den bunten, wissensvermittelnden Geschichten über Andronikos, den schwächlichen Herrscher von Byzanz, und sein vergoldetes Krokodil Mutawakkel; über den alten Germanen Teutobold; den skrupellosen Marchese Don Ferrando; Colonel Springfield und die wohlhabende Witwe Victoria Jefferson ebenso wie über den genialen Erfinder Sinus Tangentus; den fiesen Schurken Coffins; die schöne Prinzessin Suleika und viele andere Gestalten, die der Phantasie der „Mosaik“-Zeichner entsprangen oder für den jeweiligen Handlungsstrang der Historie entliehen wurden.

Widerstand gegen “Schund- und Schmutzliteratur“
Bereits im Frühjahr 1955 war mit „Atze“ die erste Comic-Zeitschrift der DDR erschienen. Trotzdem musste auch Hegenbarth mit seiner Idee für das „Mosaik“ anfangs gegen öffentlichen Widerstand kämpfen. „Damals waren Bilder in Zeitungen selten. Farbe existierte quasi nicht. Es war eine schwarz-weiße Welt, und dann kommt auf einmal ein Zeitschriftentyp, der knallig bunt ist. Das schockiert natürlich“, erklärt „Mosaik“-Experte Mark Lehmstedt. Der Leipziger Verleger habilitierte 2013 mit seiner Arbeit „Die geheime Geschichte der Digedags“ über die Publikations- und Zensurgeschichte des „Mosaik”. Comics, insbesondere die aus amerikanischer Produktion mit Superhelden, die das westliche Wertesystem schlagkräftig verteidigten, galten damals gemeinhin als „Schund- und Schmutzliteratur“. Dieser sollte nun mit einer eigenen Bildergeschichte made in DDR ideologisch etwas entgegengesetzt und zugleich das Bedürfnis der jungen Leserschaft nach moderner Abenteuerliteratur gestillt werden.

Künstlerischer Freiraum durch „Neuen Kurs“
Für die Gründung seines „Mosaik“ hatte Hegenbarth unbewusst das richtige Zeitfenster gewählt: Der „Neue Kurs“, der nach dem Aufstand des 17. Juni und dem Tod Stalins 1953 eine politische und wirtschaftliche Liberalisierung in der DDR versprach, eröffnete für kurze Zeit auch Kunst- und Kulturschaffenden neue Spielräume. In diesen Freiraum hinein wurden die Digedags geboren. Für die ersten Hefte zeichnete Hegenbarth noch allein verantwortlich. Ab 1957 erschien die Bildergeschichte dann monatlich. Texter, Zeichner, Koloristen und Modellbauer gesellten sich zur kreativen Truppe und formten nach und nach das „Mosaik“-Kollektiv, welches fortan in der Karlshorster Villa – im neuen „Mosaik“-Atelier – zusammenarbeitete. Mit dabei war damals auch Textautor Lothar Dräger (87), der sich noch rege an die Herrenabende in der „Spinnstube“ erinnert, in der auf unzähligen Zetteln Ideen für Geschichten zusammengetragen wurden: „Meine Aufgabe bestand darin, aus diesem Konvolut eine zusammenhängende Handlung in Gestalt eines Exposés zu schreiben. Daraus entstand dann das Skript mit den einzelnen Panels, das Herrn Hegenbarth als Vorlage für seine Skizzen diente, die von den Grafikern vollendet wurden.“

Streit ums Impressum
„Es war die schönste Zeit“, besinnt sich Grafikerin Lona Rietschel, die ab 1960 zu einer der wichtigsten Zeichnerinnen der Bildergeschichte wurde und neben den Digedags auch Ritter Runkel gestaltete. „Das hat sehr viel Spaß gemacht, im Karlshorster Kollektiv zu arbeiten. Wir haben uns alle gut verstanden. Waren wie eine große Familie.“ Und wie in jeder Familie gab es auch Streit. Denn trotz der kollektiven Arbeit am Heft zierte den Titel lange Jahre nur der Name des künstlerischen Leiters: „Mosaik von Hannes Hegen“. Erst ab 1961 vermerkte das Impressum „Gestaltet im Mosaik-Kollektiv“. „Auch das war wieder eine anonyme Sache, weil unsere Namen nicht genannt wurden. Johannes Hegenbarth wollte das nicht“, erklärt die heute 80jährige. Spätestens an diesem Punkt wird der schwierige Charakter des Digedags-Erfinders offenbar. Weggefährten von einst beschreiben ihn als dickköpfig und stur in allen Fragen, die seine Arbeit und sein Lebenswerk – die Digedags – betreffen; zugleich herzlich, großzügig und humorvoll als Privatmensch.

Ein Kapitel DDR-Pressegeschichte
Tatsächlich schrieben Hegenbarth und sein fleißiges Kollektiv mit dem „Mosaik“ ein Kapitel DDR-Pressegeschichte. Denn obwohl die Bildergeschichte von Anbeginn in einem FDJ-eigenen Verlag erschien, hatte dieser im Grunde genommen kein Mitspracherecht in Fragen der Text- oder Bildgestaltung der Hefte. Schuld daran war der mit Hegenbarth geschlossene Vertrag, der dem Digedags-Erfinder auch die Urheberrechte an seinen Figuren sicherte. Danach konnte das „Mosaik von Hannes Hegen“ in keinem Fall durch Intervention von außen beliebig verändert werden. Und so kam es, dass in den insgesamt 223 Heften der Reihe keine – von staatlichen Stellen durchaus gewünschten – klassenbewussten, sozialistischen Comic-Helden in Aktion traten. Besonderen Schutz und auch Freiheiten genossen die Digedags und ihre Macher zudem durch ihre treue Fangemeinde. Die Auflage der beliebten Kinderzeitschrift stieg – trotz Papierknappheit in der DDR – von anfänglich 250.000 auf 700.000 Exemplare im Jahr 1975. Das „Mosaik“ war für den Verlag Neues Leben, später Junge Welt nicht nur hochprofitabel. Sondern aufgrund dessen, dass aus dem Gewinn des „Mosaik“-Verkaufs die anderen, defizitären Zeitschriften des Verlages kofinanziert wurden, geradezu existenziell.

Zerwürfnis zwischen Urheber und Verlag
Dieser monetäre Aspekt dürfte auch eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über das Ende der Bildergeschichte gespielt haben. Johannes Hegenbarth hatte Ende 1973 „aus persönlichen Gründen“ zum 1. Juli 1975 seinen Vertrag mit dem Verlag Junge Welt gekündigt. Seiner Bitte, nach 18 Jahren Digedags künstlerisch kürzer treten und jährlich nur noch sechs Hefte zeichnen zu wollen, konnte der Verlag insbesondere unter ökonomischem Blickwinkel nicht entsprechen: Das „Mosaik“ erzielte 1974 einen Nettogewinn von rund 1,5 Millionen Mark. Eine Reduzierung der Heftzahl hätte diesen Gewinn halbiert. Hegenbarth war offenbar nicht zum Einlenken bereit. Der Streit eskalierte. Und dies trotz sagenhafter Offerten seitens des Verlags, der angeblich eine Million DDR-Mark für die Rechte an den Digedags zu zahlen bereit war. Zu den Gerüchten hat sich der pressescheue „Mosaik“-Gründer nie geäußert. In der hitzigen Situation Mitte der 70er Jahre machte er vielmehr urheberrechtliche Ansprüche geltend. Ein Gutachten zur presse- und urheberrechtlichen Situation kam schließlich zu dem Ergebnis, dass Hegenbarth zwar die Verwendung der von ihm erfundenen Figuren, aber nicht die Weiterführung des „Mosaik“ in anderer Form verbieten konnte. Nachdem infolge Hegenbarths Kündigung ab Juli 1975 zur Überbrückung einige Runkel-Hefte als Nachdruck erschienen waren, erwarteten die überraschten „Mosaik“-Leser dann ab Januar 1976 mit den Abrafaxen neue Helden und Abenteuer. Das „Mosaik” ist heute das auflagenstärkste, in Deutschland produzierte Comic.

Originalzeichnungen und Modelle
Nun kehren die Digedags in ihre Heimatstadt zurück. Am 11. April 2014 wird im Museum in der Kulturbrauerei (Knaackstraße 97, 10435 Berlin) die Ausstellung „Dig, Dag, Digedag: DDR-Comic ´Mosaik´“ eröffnet. In der alten Schmiede können dann bis zum 3. August zahlreiche Exponate jener Sammlung besichtigt werden, die Johannes Hegenbarth 2009 der Stiftung Haus der Geschichte der BRD geschenkt hat – darunter Originalzeichnungen, Entwürfe, Modelle und Vorlagen. Ob der Künstler selbst die Ausstellung besuchen wird, scheint fraglich. Der mittlerweile 88jährige, gesundheitlich schwer angeschlagen, lebt seit geraumer Zeit in einem Berliner Pflegeheim.

 

Alles Wissenswerte rund um das „Mosaik“ und seine Helden – die Digedags (1955-1975) und die Abrafaxe (1976-heute) – bietet das Online-Lexikon MosaPedia: www.mosapedia.de.

 

 

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