HALTESTELLE

Die abgehängte Allee

12.03.2014, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Was prägt die Kieze in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf? Wer lebt dort, und wie lebt es sich da? LichtenbergMarzahnPlus wird ab jetzt in loser Folge in den Bezirken auf Entdeckungstour gehen, kommen Sie mit! Ausgangspunkt ist jedes Mal eine Haltestelle des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), schließlich ist jeder Kiez in der Hauptstadt mit Bus oder Straßenbahn, mit S- oder U-Bahn gut zu erreichen.
Diesmal: die alte Frankfurter Allee im Lichtenberger Nibelungenkiez.

Lichtenberg. Geht man nach den parkenden oder einen Stellplatz suchenden Autos, könnte man meinen, die alte Frankfurter Allee, jener Wurmfortsatz, der nach dem Bau der neuen Lichtenberger Brücke in den 1970er-Jahren von der historischen Allee geblieben ist, könne gar nicht anders erreicht werden. In diesem höchstens 500 Meter langen Straßenabschnitt zwischen Gudrun- und Hubertusstraße drängen sich Pkw dicht an dicht – es sind Autos von Besuchern oder Patienten des Sana-Klinikums, Pendler stellen ihre Fahrzeuge ab, auch Menschen, die im Klinikum, Büros und Geschäften im Viertel arbeiten. Dabei gibt es allein zwei Straßenbahnlinien im Gebiet (21, 37 Gudrun-/Siegfriedstraße), die Buslinie 256 (Siegfriedstraße) – und den Zugang zum U-Bahnhof Lichtenberg, worüber auch, nach einigen Metern mehr, der S- und Fernbahnhof zu erreichen ist.

Zentrum des Nibelungenkiezes
Die alte Frankfurter Allee ist das Quartierszentrum des Nibelungenkiezes, in denen die Straßen nordische Namen tragen – nach Gudrun beispielsweise oder nach Hagen, der in der Nibelungensaga Siegfried erschlug. Galt das Viertel etliche Jahre lang als wenig erstrebenswerter Wohnort, hat sich das längst geändert. “Immer mehr junge Leute und Familien mit Kindern sind zugezogen, man findet kaum noch eine freie Wohnung”, sagt Anke Wolf. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Blumenladen Primula an der Frankfurter Allee 247, seit 16 Jahren gehört ihr das Geschäft. Anke Wolfs Laden ist ein Treffpunkt für viele Bewohner des Quartiers. “Hier bekommt man gute Ware”, erzählt ein älterer Mann, der gerade nach Ingwerminze gefragt hat. Die hat die Blumenhändlerin noch nicht da (“der Frühling hat ja auch gerade erst begonnen”), aber in etwa drei Wochen werden auch wieder die verschiedensten Minzsorten vorrätig sein, natürlich auch jene, die ein wenig nach Ingwer schmeckt, versichert sie dem Kunden.

Straßenbild noch wenig einladend
Die Mutter von drei Kindern lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten im Kiez, erst in einer Altbauwohnung über dem Laden, inzwischen in einem der neuen Reihenhäuser, die neben dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde entstanden sind. Sie mag das Gebiet, aber sie will, dass sich dort etwas ändert. Denn das Straßenbild der alten Frankfurter Allee ist wenig einladend. “Vor etwa zehn Jahren hat ein Niedergang begonnen”, sagt sie. Die Bank sei weggezogen, der Drogeriemarkt und viele kleine, alteingesessene Geschäfte. Stattdessen siedelten sich etwas zwielichtige Gaststätten mit Spielautomaten an. Die heißen beispielsweise “Wunderbar”, “Sonder-Bar” oder “Sultan-Bar”, dazu gibt es etliche Billig-Läden. “Da will doch keiner flanieren oder sich länger aufhalten”, sagt Anke Wolf.

Bioladen als Anzeichen des Aufschwungs
Doch sie hat Hoffnung, dass sich bald etwas tut. Schließlich hat schon vor einiger Zeit mit dem “Natur Pur” nahe dem Klinikum ein Bio-Laden mit Bistro aufgemacht – ein deutliches Anzeichen dafür, wenn es mit einem Kiez aufwärts geht. Das Geschäft ist gut besucht, wahrscheinlich auch deshalb, weil dort täglich sehr schmackhafte Suppen selbst gekocht werden. Mit dem Domicil, einer neuen Seniorenresidenz mit 174 Plätzen, das am 1. April in der Gotlindestraße eröffnet wird, ist auch ein Schandfleck in der Nähe verschwunden, der viele Bewohner ärgerte: Ein seit langem leer stehender Supermarkt wurde dafür abgerissen. Und der Freiaplatz an der Rüdigerstraße wurde im vergangenen Jahr neu hergerichtet und zum Schmuckstück des Viertels.

Teil des Sanierungsgebietes FAN
Das Nibelungenviertel gehört zum Sanierungsgebiet Frankfurter Allee Nord (FAN), das sich von der Möllendorffstraße im Westen bis zur südöstlichen Bahntrasse zieht. Für Umgestaltungsmaßnahmen dort fließen Fördermittel, auch aus dem Programm Stadtumbau Ost. Die bessere Gestaltung des öffentlichen Raums ist einer der Schwerpunkte. Auch die alte Frankfurter Allee wird davon profitieren, hofft Anke Wolf.

Untersuchung zu Bus und Tram
Ihr Mann Christian, studierter Betriebswirt, ist stellvertretender Sprecher des FAN-Beirates, in dem beim Sanierungsträger Stattbau engagierte Geschäftsleute und Bewohner ehrenamtlich mitwirken. Christian Wolf, der bei der IHK in Frankfurt (Oder) arbeitet, sieht als eines der zentralen Probleme die Verkehrssituation. Am meisten bewegt ihn, dass die BVG die Endhaltestelle der Straßenbahnlinien verlegen will – von der Gudrun-/Siegfriedstraße näher an den U-Bahnhof heran, in den westlichen Teil der alten Frankfurter Allee. Die Bus-Endstelle soll im östlichen Teil der Straße positioniert werden. “Das würde die Straße endgültig zerschneiden”, sagt Wolf. Inzwischen wurde durch Gutachter allerdings nochmals eine andere Variante untersucht, die von der BVG im Jahr 2011 zunächst verworfen wurde. Diese sieht eine kombinierte Tram-/Bushaltestelle im östlichen Straßenbereich vor, nahe der Gudrunstraße. Der FAN-Beirat, so Wolf, spricht sich dafür aus: “Das würde die Qualifizierung des westlichen Teils der alten Frankfurter Allee zu einem attraktiven Stadtplatz für die Anwohner und die Besucher des Nibelungenkiezes ermöglichen”, sagt er.

Rückeroberung des öffentlichen Raums
Wie es dort dann aussehen könnte, haben Studenten der Universität der Künste (UdK) vor einigen Wochen schon mal bei der “Langen Nacht der Politik” im Lichtenberger Rathaus mit ihrem lived/space/lab (Labor des gelebten Stadtraums) in einem kleinen Trickfilm gezeigt: Schlendernde Menschen vor Geschäften; Cafés, die Tische und Stühle auf die Bürgersteige gestellt haben, alle sind besetzt; Gewerbetreibende und Anwohner feiern gemeinsam Straßenfeste – die Rückeroberung des öffentlichen Raumes.

Unter dem Thema „FAN macht mobil“ findet am Donnerstag, 13. März, die 3. FAN-Konferenz statt. Die öffentliche Veranstaltung beginnt um 18 Uhr im SANA-Klinikum, Haus L, Fanningerstraße 32.
Um Anmeldung wird gebeten, per E-Mail unter fan@stattbau.de oder Tel. 69 08 10 (Stattbau).

 

 

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