Berührende Ausstellung. Anna Wagner verhungerte

Deutsche Weihnachten

10.12.2013, Wolfgang Brauer

Foto: Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf

Die Tiefen der Seele eines deutschen Beamten sind unergründlich. Geradezu ein Paradebeispiel zur Bebilderung dieser These lieferte der Reichsbahn-Beamte Richard Wagner ab. Im Jahre 1900 begann er in Essen, sich mit seiner Frau Anna unter dem Weihnachtsbaum abzulichten. Mit den dazugehörigen Geschenken und der Katze Mietz. 42 Jahre hielten die beiden das durch. Ab 1909 wohnte man dann in Berlin.

1 Tafel Schokolade für 500 Mark
Diese Bilder – bis zum 10. Januar 2014 sind sie im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf zu sehen – zeigen Alltagsgeschichte wie sie treffender kaum in Worte gefasst werden kann. Wagner erleichtert uns dies, weil er in den Inflationsjahren begann, akribisch die wechselseitigen Geschenke mit den seinerzeitigen Preisen aufzulisten: Kostete die Tafel Schokolade 1921 noch 7,50 Mark waren 1922 bereits 500 Mark auf den Ladentisch zu legen. 1927 allerdings konnte man sich einen elektrischen Staubsauger der Marke „Progress“ für 140 Mark leisten. Der ebenfalls auf dem Bild sichtbare Staub-Mopp kostete nur 3,50 Mark. Und der nunmehrige Reichsbahn-Inspektor Richard Wagner aus dem bürgerlich soliden bayerischen Viertel in Schöneberg präsentiert stolz Bauch und goldene Uhrenkette.

Im Wintermantel am Gabentisch
In den dreißiger Jahren war der Gabentisch übrigens oftmals weniger opulent gedeckt. 1938 allerdings üppig. In jenem Jahr verzehrte Berlin ein Zehntel des deutschen weihnachtlichen Karpfenverbrauchs: 15.000 Zentner zu einer Reichsmark pro Kilogramm. Zweimal fotografierten Wagners sich in Wintermänteln vor dem Weihnachtsbaum: 1916, „bei Kohlenmangel“ schreibt Richard Wagner zur Erklärung unter das Bild, auch 1940 sitzen sie im Wintermantel am Gabentisch. Man darf rätseln, ob es wirklich wegen der Kälte oder in Anspielung auf den möglicherweise notwendigen Gang in den Bombenkeller war… Wenn 1915 der Witzbold Wagner noch ein Pappschild mit der Aufschrift „Hungersnot“ an einen mit prallen Würsten bepackten Teller pinnte, daneben noch ein Korb mit Eiern… – in den Berliner Vororten, dazu gehörten zum Beispiel die Arbeiterstädte Spandau und Lichtenberg, gab es ab Oktober 1915 erste Unruhen aufgrund der miserablen Versorgungslage – ist das letzte Foto der Ausstellung der absolute Tiefpunkt deutschen Beamtenhumors: „80 Pfund brutto“ ist das Porträt Annas durch ihren Mann untertitelt worden. Es ist wohl das letzte Bild der Frau, die 45 Jahre zuvor hoffnungsvoll und glücklich in das neue Jahrhundert schaute. Anna Wagner verhungerte am 23. August 1945. „Brutto“ heißt: Sie wog mit schwerer Bekleidung nur noch 40 Kilo…
Die Fotos wurden durch einen Zufall vor wenigen Jahren auf einem ostberliner Dachboden gefunden und gehören inzwischen dem Bezirksmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf. Dessen langjähriger Leiterin Birgit Jochens ist die berührendste Weihnachtsausstellung zu danken, die ich seit langen Jahren gesehen habe.

Zu einer Begleitveranstaltung der Sonderausstellung lädt das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf ein, Haus 1, Alt-Marzahn 51, 12685 Berlin, am Mittwoch, dem 11. Dezember, um 18.00 Uhr. Birgit Jochens, ehemalige Leiterin des Museum, Charlottenburg-Wilmersdorf, hält einen Vortrag mit Lichtbildern. Sonst: Mo – Fr von 10-17 Uhr
, So 10-17 Uhr
, feiertags geschlossen; Eintritt frei.

Wolfgang Brauer ist Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf

 

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