Er plante Schloss Biesdorf: Der Architekt Heino Schmieden

Der wiederentdeckte Baumeister

23.07.2016, Birgitt Eltzel

Fotos. Birgitt Eltzel (1-3), Porträt: Dieter Schmieden (4), Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin in der Universitätsbibliothek (5), Hermann von Fischer (6)

Biesdorf. Exakt 3,4 Kilogramm bringt der fast 600 Seiten starke Band „Heino Schmieden“, Untertitel „Leben und Werk des Architekten und Baumeisters “, auf die Waage. Doch nicht nur deshalb ist die Publikation von Dr. Oleg Peters gewichtig. Denn der 55-jährige diplomierte Historiker und zum Dr.-Ing promovierte Peters entriss mit seinen Forschungen innerhalb seiner 2014 mit summa cum laude verteidigten Dissertation einen der großen Berliner Baumeister dem Vergessen. Jetzt stellt der Biesdorfer mit dem reich mit historischen Fotos und Dokumenten versehenen Buch, das im Lukas Verlag erschien, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vor. Der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel würdigt die umfangreiche Arbeit im Vorwort: „Oleg Peters hat mit einer imponierenden Arbeitsleistung eine gründlich bearbeitete Monographie zum Leben und Schaffen eines der bedeutendsten Vertreter der von Schinkel geprägten Berliner Schule vorgelegt.“ Damit habe er eine Forschungslücke geschlossen, die auch der Berliner Denkmalpflege bewusst gewesen sei. Peters Arbeit liefere „wertvolle Entscheidungshilfen für die konservatorische Arbeit an den Berliner Baudenkmälern von Heino Schmieden“. Allein 15 denkmalgeschützte Bauten von Schmieden gibt es in der Hauptstadt. Von seinen insgesamt 165 realisierten Projekten weltweit sind noch 108 erhalten, davon stehen 61 unter Denkmalschutz.

Vater des Autors gab Anstoß zur Schloss-Rettung
Schloss Biesdorf, wo derzeit die letzten Arbeiten für die Wiedereröffnung nach Sanierung am 9. September laufen, war der Ausgangspunkt für Peters Forschungen. Ursprünglich wurde das Gebäude der Bürogemeinschaft Schmiedens mit Martin Gropius zugeschrieben. Peters konnte jedoch nachweisen, dass der 1868 eröffnete Bau allein auf Heino Schmieden zurückgeht. Dass er sich so intensiv mit dem Baumeister befasste, hängt auch mit seinem Vater zusammen. Denn Dr. Günter Peters (1928-2013), Architekt und promovierter Ökonom, war nicht nur (Ost)Berliner Baudirektor und erster Aufbauleiter von Marzahn sondern quasi auch der Retter des Biesdorfer Schlosses. Vor allem ihm und seinen Mitstreitern ist es zu verdanken, dass das historisch wertvolle Kleinod vor dem Verfall bewahrt und denkmalgerecht rekonstruiert wurde. Mit dem eigens dafür gegründeten Verein Ost-West-Begegnungsstätte, der im September sein 15. Jubiläum feiert, gelang es Günter Peters unter dem Motto „Biesdorf braucht sein Schloss“, Spenden dafür zu sammeln, Fördermittel zu akquirieren und die anfangs zögernde Bezirksverwaltung zum Handeln zu bewegen.

Ursprünglich nur ein Heftchen geplant
Oleg Peters, seit 2012 Leiter des Standortmarketings in Marzahn-Hellersdorf, das bei der bezirklichen Wirtschaftsförderung angesiedelt ist, forschte ab Anfang der 1990er-Jahre gemeinsam mit seinem Vater zur Berliner Baugeschichte. Für den Schloss-Verein übernahm er die Abrechnung der Finanzen und verfasste ebenfalls mehrere kleinere Publikationen. „Ursprünglich dachte ich eigentlich nur an ein Heftchen über Heino Schmieden“, erzählt der Autor. Dass es dann doch ein derart schwergewichtiges Werk wurde, ist auch dem Landeskonservator zu verdanken. Jörg Haspel hatte nämlich 2003/2004 im Zuge des Gutachterverfahrens für den vorgesehenen Aufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Obergeschosses von Schloss Biesdorf bedauert, dass sehr wenig über dessen Architekten bekannt ist. Dieser war trotz seines umfangreichen Schaffens als Vertreter der sogenannten Schinkel-Enkelgeneration im 20. Jahrhundert in Vergessenheit geraten.

Großangelegte Recherche, dürftige Quellenlage
Das weckte die Neugier des Historikers. In Archiven, Bibliotheken und bei Privatpersonen spürte Peters bis dato unbekannte oder vergessene Dokumente und Belege über das Schaffen von Schmieden auf. „Anfangs war das nicht einfach, die Quellenlage war sehr dürftig.“ Begonnen hatte Peters Werk-Recherche mit 40 Objekten, nach fünfjähriger Forschungsarbeit konnte er 194 Bauwerke und Projekte Schmiedens nachweisen. „Mein Anspruch war immer, einen möglichst vollständigen Werkkatalog vorzulegen“, sagt Oleg Peters. Dass dieser nun mit der Dissertation und dem Buch existiert, bezeichnet er als seinen „größten persönlichen Erfolg“. Dieser gelang nur, weil der Autor jahrelang viel Freizeit darangab. Zunächst forschte er nach Feierabend und an den Wochenenden während seiner Tätigkeit als früherer Leiter der Geschäftsstelle des Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreises. 2012 nahm er sich eine Auszeit zum Schreiben der Dissertation. „Selbst im Urlaub habe ich immer das eine oder andere Bauwerk von Schmieden besichtigt.“

Schmieden-Familienmitglied ehrenhalber
Die Forschungsarbeit brachte einen ganz persönlichen Bezug zur Familie des Architekten, die auch den größten Teil der Finanzierung des Buches übernahm. Die Schmieden-Nachfahren halten dessen Erbe in Ehren und treffen sich im über ganz Deutschland verstreuten Familienverband jedes Jahr einmal vor einem Bauwerk des Architekten. Seit einiger Zeit ist auch Oleg Peters immer mit dabei – inzwischen ein Familienmitglied ehrenhalber.

 

Heino Schmieden: Partnerschaft und Werk
Heino Schmieden (1835-1913) zählte im 19./Anfang des 20. Jahrhunderts zu den meistbeschäftigten Architekten in Berlin. Er war Partner und Freund von Martin Gropius (1824-1880), mit dem er 14 Jahre lang in einer Bürogemeinschaft wirkte. Dabei entstanden u.a. zahlreiche Krankenhausbauten wie das erste städtische Berliner Krankenhaus Friedrichshain, aber auch das Königliche Kunstgewerbemuseum (der heutige Martin-Gropius-Bau an der Niederkirchnerstraße), dessen Bau Schmieden nach dem Tod seines Kompagnons im Jahr 1880 vollendete. Die Sozietät plante 1871 gemeinsam mit Friedrich Hitzig auch den Provisorischen Reichstag an der Leipziger Straße 4 und übernahm dafür die Bauausführung (das Gebäude wurde bereits 1899 abgerissen, um Platz zu machen für den Neubau des preußischen Herrenhauses, heute Tagungsort des Bundesrates). Beim Wettbewerb um den Reichstag nahe des Brandenburger Tores landeten sie nach Paul Wallot auf dem zweiten Platz. Nach dem Tod von Gropius arbeitete Schmieden mit anderen Büropartnern, darunter Viktor von Weltzien und Rudolph Speer.

So eng Gropius und Schmieden auch zusammenwirkten – beide Baumeister schufen auch selbstständig herausragende Bauten. So errichtete nicht nur jeder ein repräsentatives Wohnhaus für sich und seine Familie. Schmieden, der 1860-63 mit Schloss Hünegg in der Schweiz als gerade einmal 25-Jähriger sein Erstlingswerk vorlegte, schuf 1867/68 auch Schloss Biesdorf. Die an italienischen Vorbildern orientierte spätklassizistische Turmvilla an der heutigen Bundesstraße 1/5 entstand im Auftrag von Hans Herrmann Freiherr von Rüxleben. 19 Jahre später wurde das repräsentative Anwesen von der Fabrikantenfamilie Siemens gekauft und teilweise baulich verändert.

Der auch für Laien leicht verständliche, übersichtlich gestaltete und hochwertig ausgeführte Band „Heino Schmieden – Leben und Werk des Architekten 1835–1913“ ist im Lukas Verlag erschienen, Preis: 70 Euro (E-Book 50 Euro), ISBN 978-3-86732-169-3. Mindestens drei große Auftritte des Autors sind geplant, darunter einer zum „Tag des offenen Denkmals“ am 10./11. September im Schloss Biesdorf.

 

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