Frau & Mann

Der Vier-Tage-Stress

31.03.2019, Volkmar Eltzel

Foto: Volkmar Eltzel

„Heute bin ich allein“, sang Reinhard Lakomy (Gruß nach oben) in den Siebzigerjahren. „Ja auch das muss ab und zu mal sein. Du bist fort für einen Tag, wir machen Ferien heut – ich von dir, du von mir…“ Im Folgenden schwärmte der Singer-Songwriter davon, was er alles macht, das Frau sonst nicht gerne hat. Er schläft sich richtig aus, rasiert sich nicht, baut sein altes Fahrrad auf dem Korridor und lädt alle Freunde ein, mit denen er dann in die Böse-Buben-Bar geht, wo man sich ein riesengroßes Fass bestellt…

Heute ist für uns die Welt fast grenzenlos klein. Die Flüge sind billig. So kommt es öfter vor, dass sie kurzentschlossen einen Kurztrip nach Tel Aviv, Paris oder Rom unternimmt. Nicht für einen Tag, sondern für vier. Frau hat es sich verdient. Mann gönnt ihr La dolce vita.

Funktelefone und soziale Medien überbrücken heutzutage große Entfernungen. Frau und Mann können sich jederzeit und überall in Wort und Bild austauschen, so als wären sie nicht tausend Kilometer, sondern nur einen Meter voneinander entfernt. Will Mann das? Klar sind die Geräte auch abschaltbar. Aber natürlich fragt sich Frau dann sofort: Was macht der Olle eigentlich, wenn ich nicht da bin? Tohuwabohu in der Wohnung? Party?? Faulenzen???

Nee, nee! Nix Böse-Buben-Bar!! Nix ausschlafen!!! Mann muss früher als gewöhnlich aufstehen. Denn was sonst arbeitsteilig vonstatten ging, muss er nun allein bewältigen. Der Hund wedelt zur morgendlichen Begrüßung erwartungsvoll mit dem Schwanz, die Katze mauzt fordernd: „Wir haben uns soo lange nicht gesehen und wollen unsere Guten-Morgen-Streicheleinheiten! Wenn du dich gewaschen, rasiert und dir die Zähne geputzt hast, gib uns endlich Futter!“ – „Und ich muss dreimal täglich spazieren gehen“, bellt der Hund. Schließlich sei es nicht schicklich, im eigenen Castle in eine Schale zu machen, wie die ungehobelte Katze. – „Ach apropos…“, mauzt diese angepisst. „Ich habe übrigens heute Nacht eine schöne, fette Wurst ins Katzeklo gelegt. Riechst du das nicht? Bitte säubern!“

Ja, ja, ich mach ja schon! Nach dem holprigen Tagesbeginn schnell ins Büro zum Geldverdienen. Mittags wieder nach Hause, Gassi, dann weiter arbeiten. Später noch eilig einkaufen, damit die Lücken im Kühlschrank nicht zu groß werden. Als das Tageslicht schwindet, wird der nächste Hundespaziergang veranstaltet. Hund ist begeistert, Herrchen hechelt. Es folgt die Abendfütterung in der Reihenfolge Katze, Hund, Mensch. Anschließend die Wohnung noch wenigstens soweit wieder in Schuss bringen, dass Frau bei ihrer Heimkehr nicht in Ohnmacht fällt. Tiere können unglaublichen Dreck machen, aber dafür sind wir ihre Götter. Tiertagesabschluss-Streicheln und dabei die Nachrichtenlage checken. Lokal, regional, global: ganz okay, geht so, gute Nacht!

In Variationen geht das vier Mal so. Am vierten Tag gibt es folgende Änderungen: Schnell durchgesaugt und die Klos halbwegs geputzt. Dann ist es höchste Eisenbahn. 23:20 Uhr Schönefeld. Dank Internet weiß er, der Flieger ist pünktlich. Frau hat nur Handgepäck, es gibt also keine Verzögerung, die einen Aufschub des Willkommen-Empfangs dulden würde.

Nach Mitternacht sind beide endlich Zuhause. Frau will im Bett noch von schönen Reise-Erlebnissen erzählen. Aber Mann ist fix und foxi. “Schön, dass du wieder da bist”, sagt er beim Umdrehen und denkt: Strohwitwer zu sein, ist auch nicht mehr das, was es früher mal war. Das Leben ist einfach kompliziert. Wie romantisch ging das doch bei Reinhard Lakomy in den Siebzigern zu. Bestimmt hatte der keine Haustiere.  – Und im Wegdämmern: Ich muss unbedingt mal allein nach London.




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