Initiativkreis ehrt den Künstler Otto Nagel

Der vergessene Proletenmaler

26.07.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Biesdorf. Ein Initiativkreis will den Künstler Otto Nagel ehren – mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Anlass ist der 125. Geburtstag des „großen Berliner Künstlers“, wie ihn Dr. Heinrich Niemann, Vorsitzender des Vereins „Freunde Schloss Biesdorf“, nennt. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) hat die Schirmherrschaft für das außergewöhnliche Projekt übernommen.

Otto Nagel ist vor allem den Marzahn-Hellersdorfern ein Begriff, zumindest ist dort sein Name noch gegenwärtig: Unter anderem ist die Straße im Ortsteil Biesdorf, in der Nagel zuletzt wohnte, nach ihm benannt. Und auch ein Gymnasium in der Schulstraße 11 ist nach dem Maler, Publizisten und Politiker benannt, der von 1894 bis 1967 lebte. Das war es allerdings auch schon. In Wedding, wo Nagel 49 Jahre seines Lebens verbrachte, erinnert kaum noch etwas. Und an der Stelle der einst berühmten Otto-Nagel-Galerie in Friedrichshain entstand eine Touri-Kneipe. Eine letzte große Ausstellung mit seinen Werken wurde 2012 auf Schloss Biesdorf gezeigt.

In einer Reihe mit Zille und Kollwitz

Dabei hat Nagel es verdient, geehrt zu werden, wie eine inzwischen auf gut 60 Personen und Institutionen angewachsene Initiative meint. Der Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ gehört unter anderem dazu, der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf, das Otto-Nagel-Gymnasium der Kulturring, das Kunstarchiv Beeskow, das Bezirksmuseum Mitte, das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf – und die beiden einzigen noch lebenden Meisterschüler Nagels, Harald Metzkes und Ronald Paris.

Nagels künstlerisches Schaffen widmete sich den einfachen Leuten und seiner Heimatstadt Berlin, den Arbeitern, Hausfrauen und Kindern, deren Leben er ungeschönt auf der Leinwand festhielt und damit ein wichtiges gesellschaftliches Zeugnis schuf, wie man es auch von Heinrich Zille (1858-1929) und Käthe Kollwitz (1867-1945) kennt. Ronald Paris bezeichnet ihn daher auch als „Proletenmaler“. „Ich plädiere dafür, die direkte Betroffenheit des Gegenwärtigen zu würdigen“, sagt Nagels Meisterschüler. Es sei Nagel immer gleichmäßig gelungen, für alle offen und zugänglich zu sein. „Er war ein angenehmer Mensch.“

Berlin tut sich schwer

Während Zille und Kollwitz bis heute allgegenwärtig sind, drohen die Spuren Nagels zu verwischen. Zwar wurde ihm 1970 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin zuteil. Doch das Land tut sich schwer, die Erinnerung an Otto Nagel lebendig zu halten. Nicht anders lässt sich auch erklären, dass alle Bemühungen, an den 125. Geburtstag des Künstlers zu erinnern, aus Biesdorf und Wedding kommen. Seit Anfang des Jahres gibt es den Initiativkreis „Otto Nagel 125“, wie Dr. Klaus Freier, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Freunde Schloss Biesdorf“, sagt. Eines der langfristigen Ziele sei es, das künstlerische Wirken Otto Nagels dauerhaft zu zeigen. „Wir wissen jedoch, dass das noch ein sehr langer Weg sein wird.“

Vier Veranstaltungen zum Geburtstag von Otto Nagel

Immerhin, ein Anfang ist gemacht. Am 27. September, dem 125. Geburtstag Nagels, gibt es gleich vier wichtige Veranstaltungen. Um 10 Uhr empfangen Schüler und Lehrer des Otto-Nagel-Gymnasiums im Rahmen einer Festveranstaltung Gäste. Erstmals wird der Otto-Nagel-Preis verliehen, wie die Kunstlehrerin Dana Wolfram berichtet. Geehrt werden Werke von Schülern, die sich mit dem Leben und Schaffen des Künstlers beschäftigen.

Um 12 Uhr findet ein Gedenken des Senats am Ehrengrab von Otto Nagel auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde statt. Gegen 15 Uhr enthüllt der Bezirk in der Otto-Nagel-Straße Schilder mit den Lebensdaten Nagels. Und um 18 Uhr gibt es eine öffentliche Festveranstaltung auf Schloss Biesdorf, auf der unter anderem Werke von und über Nagel präsentiert werden. Bis zum Sommer kommenden Jahres folgen Lesungen und Ausstellungen, darunter vom 21. Mai bis 14. August 2020 eine Schau zum Leben und Werk Otto Nagels in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste, deren Präsident Otto Nagel von 1956 bis 1962 war. Am 20. Oktober lädt der Heimatverein von 10 bis 13 Uhr zu einer Bustour zu den Stätten des Lebens von Nagel ein.

Dauerausstellung auf Schloss Biesdorf?

Marzahn-Hellersdorfs Kulturstadträtin Juliane Witt (Die Linke) sieht in dem Projekt „Otto Nagel 125“ einen Impuls, der in die Welt hinausgetragen wird. Bereits seit Jahren verfolge der Bezirk die Frage, wie man Nagel ehren könne. Ein Diskussionspunkt ist eine dauerhafte Würdigung von Nagel auf Schloss Biesdorf. „Bestrebungen gibt es aktuell weder im Land noch im Bezirk. Für Ideen sind wir aber offen“, sagt Witt. Im Schloss befindet sich derzeit nur ein Original Nagels mit dem Titel „Wochenmarkt am Gesundbrunnen“ von 1937.

Das Otto-Nagel-Gymnasium hat ein Pastell mit dem Titel „Friedrichsgracht“ erworben und plant zum 130. Geburtstag den Kauf eines Porträts aus dem Nagel-Repertoire. Und das Mitte-Museum möchte ein Nagel-Gemälde dauerhaft in der Dauerausstellung zeigen. „Aus meiner Sicht ist noch viel Arbeit nötig, um auch sein publizistisches und politisches Wirken zu ehren“, sagt Dr. Heinrich Niemann.


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