Flucht hat viele Gesichter, Hilfe auch (3): Jens Quade

Der Präsident

12.09.2015, Volkmar Eltzel

Fotos: Andrea Scheuring (1), Volkmar Eltzel (2). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Etwa 18.500 Flüchtlinge wurden in diesem Jahr bislang in der Hauptstadt gezählt (Stand August). Bis zu 40.000 werden 2015 nach Prognosen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge insgesamt erwartet. Nicht nur die Zahl, auch die vielen individuellen Schicksale stellen die geflüchteten Menschen selbst, aber auch die zahllosen Helfer/innen in allen Stadtteilen vor große Herausforderungen. Wir möchten beispielhaft einige dieser Geschichten aus Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf erzählen.

 

Er ist ein vielgefragter und vielbeschäftigter Mann, nicht nur in diesen Tagen. Aber in diesen besonders. Als der Präsident des Kreisverbandes Müggelspree e.V. des Deutschen Roten Kreuzes, Jens Quade, zur Karlshorster Flüchtlingsunterkunft in der Köpenicker Allee kommt, hochgewachsen, leicht sonnengebräunt, mit kurzem schütteren Haar, einem Dreitagebart und einem Ring durchs linke Ohr, mit einem gewinnenden Lächeln und einem festen Händedruck, da wird er auch schon von DRK-Helferinnen und -Helfern in Beschlag genommen. Jens Quade weiß Prioritäten zu setzen. Die Presse kann warten. Es geht erst um die richtige Lagerung und Verteilung der Spenden unter den Flüchtlingen, um ein Problem bei der Verpflegung und um die Erneuerung von 20 Feuerlöschern. Eine Helferin fragt den Präsidenten, ob sie wirklich die ganze Zeit die DRK-Weste tragen muss. Quade nimmt auch diese Frage ernst, leistet kurze Überzeugungsarbeit unter vier Augen.

„So viel Hilfe hatten wir nicht erwartet“
Seit 7. August sind Flüchtlinge in dem ehemaligen Telekom-Komplex untergebracht, mittlerweile 900 bis 1.000 aus 21 Nationen, die Zahlen schwanken täglich. Erst am 5. August hatten Quades Leute gemeinsam mit Behördenvertretern das Areal zum ersten Mal in Augenschein genommen. Der Präsident steht Berlins größtem DRK-Kreisverband mit rund 17.000 Mitgliedern vor. DRK Müggelspree ist für die Berliner Stadtteile Lichtenberg, Friedrichshain, Treptow, Köpenick und Neukölln zuständig und fungiert als Betreiber der Karlshorster Flüchtlingsunterkunft. „Für Außenstehende mag das hier alles ein bisschen chaotisch wirken, aber es gibt eine Ordnung und klare Strukturen.“ Diese stabsmäßigen Strukturen seien ein besonders geeignetes Instrument, so lange sich Ereignisse dynamisch entwickelten. Allerdings habe es einige Tage gebraucht, ehe man entsprechende Schnittstellen zur „Riesenwelle des bürgerschaftlichen Engagements“ eingerichtet hatte. „Wir haben frühzeitig eine hauptamtliche Mitarbeiterin eingestellt, die ausschließlich die Hilfsangebote koordiniert“, so der DRK-Chef. „Mit so viel Hilfe hatten wir einfach nicht gerechnet.“

Nie wirklich Feierabend
Jens Quade vermittelt binnen weniger Minuten das Gefühl, als würde man ihn schon ewig kennen. Jemand, dem man nur schwer eine Bitte abschlagen kann. Eine Eigenschaft, die als DRK-Präsident mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sicher von Vorteil ist. Quades Amt ist selbst ein ehrenamtliches, obwohl er unter anderem auch für 280 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuständig ist und mit zwei hauptamtlichen Geschäftsführern zusammenarbeitet. Der gelernte Rettungsassistent ist heute selbst Ausbilder im Rettungsdienst. In den vergangenen drei Wochen gab es für ihn eigentlich nie einen wirklichen Feierabend. „Wenn ich von zu Hause los bin, schliefen noch fast alle – und wenn ich zurückkam, schliefen sie schon wieder“, sagt er. Oft wartete dann in der Küche ein mit Folie abgedeckter Teller voll mit belegten Stullen auf ihn. „Ich bin unheimlich stolz auf meine Frau, dass sie das mit mir ertragen hat, wo sie ja selbst auch noch einen Vollzeitjob an der Alexander-Puschkin-Oberschule in Friedrichsfelde hat. Ohne ihr großes Verständnis und ihre Hilfe könnte ich das alles hier nicht machen.“ Seit elf Jahren sind sie zusammen. Der lange geplante, diesjährige Sommerurlaub schrumpfte von drei Wochen auf anderthalb Tage.

Im Oskar geboren
Der Mittvierziger bezeichnet sich selbst als „Ur-Ur-Ur-Berliner“. Nicht nur die Eltern wohnten im Kiez an der alten Lichtenberger Brücke, sondern auch die Großeltern und deren Eltern. Jens Quade wurde im Lichtenberger Oskar-Ziethen-Krankenhaus geboren und wuchs im Kiez um die Siegfriedstraße auf.
Sein Engagement beim DRK sei wohl auch ein Stück weit genetisch veranlagt, meint er. „Meine Eltern sagen, ich wollte schon im Kindergarten immer die Sani-Tasche schleppen“, so der Verbandsleiter. Die Familie segelte gerne und mit Leidenschaft auf dem Müggelsee und der Vater war zudem beim Wasserrettungsdienst tätig. „Das wollte ich auch.“ Mit 14 Jahren absolvierte der Jugendliche die Rettungsschwimmer-Ausbildung. Ein Bestandteil dabei war der Erste-Hilfe-Kurs beim DRK. „Später fragten sie mich und drei Freunde, ob wir nicht beim damaligen Kreisverband Lichtenberg eine Jugendgruppe des Roten Kreuzes aufmachen wollen und wir haben ‚Ja’ gesagt.“ Damit war das Band geknüpft und es erweist sich bis heute als stabil. Nur Jens Quades Aufgaben änderten sich mit der Zeit.

Führungsqualität bewiesen
Gerade sei man in der Flüchtlingsunterkunft bei der Umstellungsphase von größtenteils ehrenamtlicher DRK-Arbeit hin zu geordneten hauptamtlichen Strukturen. Dazu würden 30 bis 40 neue hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. Der DRK-Präsident hat immer noch einen übervollen Terminplan. „Das ‚normale‘ Tagesgeschäft muss ja auch noch weitergehen“, sagt er und schaut beiläufig auf seine Uhr. So unterhält der Kreisverband einen Sozial-, Pflege- und Fahrdienst sowie Betreuungsangebote für ältere Bürger. Es gibt eine Wasserrettung, ein Jugend-Rot-Kreuz und gerade kommt noch ein Familienzentrum in der Weitlingstraße hinzu. Für 1.500 Kinder und Jugendliche, besonders aus sozial schwachen Familien, organisiert der DRK-Kreisverband Müggelspree Ferienreisen und übernimmt dabei einen Teil der Kosten.

Quade wurde vor zwei Jahren zum Präsidenten des Kreisverbandes Müggelspree gewählt. Seine Führungsqualitäten hatte er über viele Jahre bewiesen. So war er unter anderem sieben Jahre lang als Fachgruppenleiter im Rettungsdienst tätig. Bei vielen DRK-Hilfsaktionen wie zum Beispiel beim Elbe-Hochwasser 2013 war er Einsatzleiter. Viel lieber erinnert er sich aber an schöne Einsätze ohne Katastrophen, wie an die komplette Erste-Hilfe-Betreuung der Fan-Meile auf der Straße des 17. Juni bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Berlin oder an die Silvesterfeiern vor dem Brandenburger Tor. „Berliner Herz und Schnauze“ seien bei Ihm sehr ausgeprägt, meint der heute in Mahlsdorf Wohnende. „Immer geradeheraus“, das ermögliche oft die beste und am meisten Erfolg versprechende Kommunikation. Den Beweis liefert der DRK-Chef prompt: Das Zeitfenster für das Gespräch schließe sich gerade, sagt er, denn draußen warteten Vertreter des Flüchtlingsrates Berlin auf ihn.

 

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