Kunstsammlung Haubrok in der Herzbergstraße

Der Klügere gibt nach

02.05.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Die beiden Kunstsammler Barbara und Axel Haubrok haben ihre Pläne, im Industriegebiet an der Herzbergstraße Kunst zu zeigen, zu den Akten gelegt. Damit endet ein Streit, der vor gut einem Jahr mit einer E-Mail aus dem bezirklichen Stadtplanungsamt begann und vor allem in der Kunst- und Kulturszene sowie auf Landesebene für heftiges Kopfschütteln sorgte. Lichtenberg, das darf man nun sagen, hat sich jedenfalls nicht mit Ruhm bekleckert.

Kunst regt zum Nachdenken an, fördert Diskussionen, schürt Proteste. Es verwundert kaum, dass der Kunstsammler Axel Haubrok seinem Ärger mit den Behörden mit Hilfe einer riesengroßen Werbetafel am Eingang seiner „Fahrbereitschaft“ Ausdruck verleiht. Dort hat er überdimensioniert die E-Mail abgebildet, die am 26. April 2018 in der Berliner Kunstszene, aber auch im Bezirk und auf Landesebene die Runde machte. Kurz und knapp wird darin geschildert, dass Ausstellungen auf dem Gelände der „Fahrbereitschaft“ bauplanungsrechtlich nicht zulässig seien. Von einer Nutzungsänderung ist die Rede, denn normalerweise ist in der Herzbergstraße nur produzierendes Gewerbe gestattet. Zum Entsetzen der Kunstschaffenden folgte noch der Hinweis auf eine Geldbuße von bis zu 500.000 Euro, wenn weiterhin Kunst ausgestellt wird.

Keine guten Schlagzeilen für Lichtenberg

Was dann folgte, beschäftigte Medien und Politik monatelang. Einerseits waren da die beiden Kunstsammler Barbara und Axel Haubrok, mit denen sich der Bezirk gerne öffentlichkeitswirksam schmückte, holten sie doch Kunstpublikum in den Osten. Das Feuilleton schrieb sich die Finger wund. Lichtenberg machte Schlagzeilen – am Ende aber keine guten, wie sich erahnen lässt. Und dann war da die Bezirksverwaltung, allen voran Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) und seine für Stadtentwicklung zuständige Stellvertreterin Birgit Monteiro (SPD). Der Rathaus-Chef war bemüht, irgendwie die Wogen zu glätten, während seine Dezernentin lange Argumentationspapiere verfasste, in denen es unter anderem um den Schutz der Gewerbegebiete ging. Auch die Landesebene schaltete sich in den Streit ein, darunter Kultursenator Klaus Lederer und Bausenatorin Katrin Lompscher (beide Die Linke). Dem Vernehmen nach sei auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) in die Angelegenheit involviert worden. Die in der Kritik für das Ausstellungsverbot stehende Bezirksstadträtin Monteiro sicherte sich sogar einen Platz in der Liste der 100 peinlichsten Berliner, die jedes Jahr im Stadtmagazin Tip erscheint.

Runde Tische und ein Rahmenplan

„Es gab zwei Runde Tische, doch passiert ist bis heute nichts“, sagt Axel Haubrok. „Das nervt nur noch!“ Nun ja, so ganz stimmt das jedenfalls nicht – Ergebnis des zweiten Runden Tisches war unter anderem ein Rahmenplan, der durchaus Platz im Gewerbegebiet für Ausstellungen vorsieht. So erklärte es der neue Leiter des Stadtplanungsamtes, Klaus-Güttler Lindemann (LiMa+ berichtete). Damit bewegt sich der Bezirk im Rahmen geltenden Rechts, denn die Baunutzungsverordnung sieht Ausnahmen vor. Das sahen aber auf Bezirksebene nicht alle so. Die Medien, hätten die Bezirksstadträtin mit der Genehmigung von Ausstellungen klar zum Rechtsbruch aufgefordert, sagte ein SPD-Verordneter, der inzwischen nicht mehr der bezirklichen Fraktion angehört.

Axel und Barbara Haubrok sammeln seit 1988 Kunst. Ihr Bestand umfasst inzwischen mehr als 1.000 Werke bekannter, aber auch weniger bekannter Künstler. 2012 hatten sie auf der Suche nach einem neuen Ort für ihre Sammlung die einst von der SED genutzte „Fahrbereitschaft“ in der Herzbergstraße entdeckt. Zu den Gewerbemietern kamen Künstler, leere Räume dienten als Galerien. Im Rahmen der Gallery Weekends wurde die „Fahrbereitschaft“ ein fester Ausstellungsort. Vom Bau einer neuen Ausstellungshalle war sogar die Rede. Doch Haubroks hatten die Rechnung ohne das Bezirksamt gemacht. Und das legte sogar noch nach. Für die Präsentation des gerade erschienenen Buches „Fahrbereitschaft“ versagte die Stadtplanungsbehörde die Genehmigung – bis sich die politische Spitze des Bezirksamtes einschaltete und kurzfristig doch noch grünes Licht gab. Ein weiterer Grund, zumindest für weitere Ausstellungsprojekte Lichtenberg den Rücken zu kehren. Der Klügere gibt nach.

Die Sammlung Haubrok zieht es ins Umland

Bei besagter Präsentation ließ sich keiner der Bezirkspolitiker sehen. Dafür fanden gut 50 Menschen den Weg in die Herzbergstraße. Haubrok sprach von einer endgültigen Finissage hier in der „Fahrbereitschaft“. Launig, aber keineswegs verbissen, wagt Haubrok ein Resümee der sechs Jahre anhaltenden Ausstellungstätigkeit mit 20 Expositionen. „Das hier ist die letzte öffentliche Geschichte, die wir machen dürfen“, erklärt er mit Blick auf die Buchpräsentation. „Dass wir hier nicht mehr weitermachen, bedeutet jedoch nicht, dass wir keine Ausstellungen mehr zeigen“, sagt der Kunstsammler. Konkret planen seine Frau und er eine Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg, die ab Oktober zu sehen sein soll. Eine „Stellprobe“ einiger Kunstwerke konnten die Gäste der Buchpräsentation kürzlich bewundern. Nürnberg soll nur eine Zwischenstation sein. Die Kunstsammler suchen gerade nach geeigneten Flächen, um Kunst zu zeigen. Ihre Vision ist ein Ort im Umkreis von Berlin. „Gerade dort gibt es viele unterbelichtete Ecken“, sagt Haubrok scherzhaft. Es soll sogar eine Anfrage der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen geben, sich dauerhaft im östlichen Ruhrgebiet anzusiedeln.

Eine gute Botschaft hat er auch für die Mieterinnen und Mieter der „Fahrbereitschaft“. Haubroks werden das Gelände behalten und weiterentwickeln. Gerade entsteht ein kleiner Garten neben der alten Tankstelle. Und auch ein Neubau für Atelierräume ist im Gespräch. Bezirksbürgermeister Michael Grunst bedauert, dass Haubroks eine Alternative für ihre Ausstellungstätigkeiten suchen. Rechtlich soll nun für das Areal in der Herzbergstraße verbindlich Planungssicherheit geschaffen werden. Dafür sollen Bebauungspläne sorgen, aus denen klipp und klar hervorgeht, was machbar ist und was nicht. „Dass Haubroks uns nicht ganz verlassen, dafür bin ich ihnen dankbar“, sagt Grunst.

Das Buch „Fahrbereitschaft“ ist im Kerber-Verlag erschienen und kostet 45 Euro (ISBN 978-3-7356-0592-4).


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