Der Boulevard Kastanienallee verändert sein Gesicht

Im Wandel

20.06.2020, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich (1-4, 6-14), Birgitt Eltzel (5)

Hellersdorf. Der Boulevard Kastanienallee ist nicht nur der Mittelpunkt des Quartiers zwischen Riesaer Straße und U-Bahnhof Cottbusser Platz. Er hat es 2015 auch in das Guinnessbuch der Rekorde geschafft – mit dem damals längsten Picknicktisch der Welt von rund 173 Metern. Zu dieser Zeit lag er schon jahrelang in einem tiefen Dornröschenschlaf. Jetzt tut sich dort viel Neues.

Als Fußgängerzone mit viel Grün errichtet

Zwischen 1986 bis 1990 wurde er als Fußgängerzone mit viel Grün, Geschäften und Spielflächen errichtet. Die umstehenden Häuser wurden längst saniert, der Boulevard hingegen blieb unverändert. Mit einer Ausnahme: 1993 erhielt er am Eingang an der Hellersdorfer Straße einen Landschaftsbrunnen, mit einer Granitskulptur von Berlin in der Mitte. Doch dieser wurde später aus finanziellen Gründen mit Sand aufgefüllt und von Gesträuch überwuchert. Nach dem Bau des nahen Zentrums Helle Mitte wanderten viele Geschäfte und Dienstleistungseinrichtungen ab. Ein verwitterter Wegweiser belegt, dass es dort wirklich mal einen Keramikladen gab, eine Fahrschule und einen Kinderarzt. Leere Schaufenster blieben zurück. Auch die Nachbarschaft veränderte sich. Von der einst gerühmten Mischung in den Plattenbauten – der Professor wohnte neben der Köchin – blieb nicht viel übrig. Wer es sich leisten konnte, zog weg.

Seit 2016 gibt es ein Quartiersmanagement

Das Viertel drohte von der postiven Entwicklung in Berlin abgehängt zu werden. Deshalb wurde es Ende 2015 als Fördergebiet eingestuft. 2016 wurde ein Quartiersmanagement (QM) mit einem Stadtteilbüro eingerichtet. Das soll die Bewohnerschaft aktivieren, eigene Ideen beispielsweise zur Verbesserung des Wohnumfeldes zu entwickeln und fördert diese auch mit finanziellen Mitteln. Seit 2017 gibt es ein vom QM unterstütztes Beteiligungsverfahren für die Gestaltung des Boulevards, getragen von bwgt e.V. In Ideenwerkstätten wurden die Wünsche und Vorschläge der Anwohner gesammelt, ein Konzept entwickelt und Firmen für die Umsetzung gesucht. Diese sind auch gefunden und nun soll es ab Juli losgehen. Es gibt drei Schwerpunkte: Spielflächen, der Mittelpunkt auf dem zentralen Platz als Informations- und Aufenthaltsfläche sowie Garten-und Landschaftselemente.

Nun wird neu gebaut

So richtig aufgeweckt hat den Boulevard aber das Dröhnen von Presslufthämmern. Der jahrelang leerstehende Kaufhallenkomplex am zentralen Platz, eines der Hauptärgernisse der Bewohner, wurde abgerissen. Nun gibt es eine neue Skyline aus Baukränen. Die Gesobau lässt neue Wohnungen errichten, ein Hochhaus mit 14 Etagen und ein weiteres Gebäude mit sieben Etagen. In einem der Häuser soll ein Nachbarschaftstreff eingerichtet werden, einen Träger gibt es schon. An das Neubauprojekt mussten sich die Anwohner erst einmal gewöhnen. Viele fragten besorgt: Passt das hierhin? Was ist mit den Parkplätzen? Inzwischen haben sich die meisten damit arrangiert. Auch wenn der „Mittelpunkt“, der sich durch Eigeninitiative einiger Anwohner zu einem Treffpunkt der Nachbarn mauserte, von der Baustelle geschluckt wurde. Er war sowieso nur temporär geplant. Es wird aber künftig einen neuen, diesmal dauerhaften „Mittelpunkt“ geben. Nun werden die Bauzäune Teil eines Kunstprojektes, das coronabedingt erst im Herbst diesen Jahres startet. Sie wurden auch zur Befestigung von großflächigen Banner zur Information über aktuelle Hygienevorschriften genutzt.

Kunstprojekt mit Bewohnern

Nach den Lockerungen und mit dem wärmeren Wetter belebt sich der Boulevard, das Wort bedeutet übrigens „Prachtmeile“, zusehends. Das ist auch Carola Rümper aufgefallen. Die Künstlerin betreibt seit 2016 am Boulevard einen Projektraum, der 2019 von der Senatskulturverwaltung ausgezeichnet wurde. „Gerade am Wochenende sehe ich hier viele Familien. Es ist ja auch eine tolle Anlage mit viel Grün.“ Manchmal ist sie etwas amüsiert, wenn Besucher, die zu ihren Ausstellungen kommen, darüber staunen, weil sie so etwas in der „Platte“ nicht erwarten. „Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es hier auch Kultureinrichtungen gibt.“ Gerade hat Carola Rümper eine Förderung für ein Projekt bekommen, es geht um das Thema Skat. Bis Ende 2022 wird sie dazu verschiedene Kunstaktionen und Workshops anbieten, um schließlich ein individuelles Skatblatt mit der Bewohnerschaft zu entwickeln. Ganz sicher wird dabei der Boulevard eine große Rolle spielen.

Zukunftsvisionen für das Quartier

Gleich gegenüber befindet sich die station urbaner kulturen. Seit 2014 engagiert sich eine Künstlergruppe der nGbK in dem Gebiet, immer mal wieder wegen fehlender Mittel bedroht von Schließung. Im vergangenen Jahr bekam sie vom QM eine Förderung für das Projekt „Die Pampa lebt! – Großwohnsiedlung, gestern, heute, morgen“. Zusammen mit Bewohnern beschäftigen sich die Künstler mit dem Wandel in der Großsiedlung und arbeiten an Zukunftsvisionen für das Quartier. Adam Page, der Leiter der station, ein Brite, der schon lange in Deutschland lebt, ist gerade dabei, einige der Ideen zu Papier zu bringen. „Es gibt hier den sehr schönen Brunnen. Da die Wiederinbetriebnahme dem Wohnungsunternehmen zu teuer ist, könnte man ihn doch auf den zentralen Platz vor die Neubauten stellen,“ so eine Überlegung. Für den geplanten Nachbarschaftstreff im Neubau hat er auch schon eine Idee. „Die alte Kaufhalle, die einst auf dem Gelände stand, hatte schöne Arkaden. Warum übernimmt man das nicht bei der Gestaltung der Erdgeschosse?“ Er wünschte sich, dass Künstler mehr in die städtebauliche Planung einbezogen würden.

Bienenfreundliche Blumen im Rondell

Siegfried Nord, Sprecher des Quartiersrates, kann sich noch erinnern, wie alles anfing. Deshalb ärgert es ihn, dass manche Menschen nicht schätzen, was sie an dem Boulevard haben. Der ist jetzt zwar relativ sauber, das hat der Quartiersrat mit der Wohnungsgesellschaft erreicht. Aber in den angrenzenden Straßen gibt es immer wieder Sperrmüllhaufen. Denen wird jetzt der Kampf angesagt. „Wir haben bei der BSR angefragt und beim Aktionsfonds einen Antrag gestellt. Im Herbst wird es eine erste Aktion geben, bei der alle aufgerufen sind, mit anzupacken.“ Und ist der Müll weg, wird der Boulevard verschönert. Immer wieder gab es Kritik, dass der dichte Bewuchs mit Gehölzen die Sicht nimmt, was viele besonders in den Abendstunden ängstigt. „Das Strauchwerk wird gerodet und die Flächen dann von den Bewohnern mit Blumen bepflanzt. Die müssen auch gegossen werden, vielleicht ergibt sich daraus ein Pflegevertrag“, hofft Siegfried Nord. Helfende Hände sind auch gefragt, wenn das „Rondell“, wie der trockengelegte Brunnen genannt wird, im Herbst mit Unterstützung des Naturschutzzentrums Schleipfuhl bepflanzt wird. Siegfried Nord freut sich, dass nun endlich die Umgestaltung des Boulevards beginnen wird und dabei auch der seit Längerem gesperrte Spielplatz wieder instand gesetzt wird.

Gespannt auf die Umgestaltung

Nicht auf dem Boulevard, aber immerhin mit Blick auf ihn, hat Barbara Jungnickel die „Kastaniette“ auf dem Gelände der Evangelischen Kirchengemeinde Hellersdorf aufstellen lassen. Es ist gewissermaßen die große Schwester des „Cafés auf Rädern“, das sie seit Jahren betreibt. Der vom Quartiersmanagement geförderte, umgebaute Bauwagen ist als ein mobiler Treffpunkt im Quartier gedacht. Leider hat auch ihn die Pandemie erwischt, der Ausbau musste erst mal gestoppt werden. Aber davor können Stühle und ein Sonnenschirm aufgebaut werden. „Heute waren schon sechs Leute da, um sich zu unterhalten“, sagt sie. „Natürlich ist auch der Boulevard ein Thema. Sie sind manchmal ungeduldig, weil ihnen die Veränderungen nicht schnell genug gehen.“ Auch Barbara Jungnickel kennt noch den „alten“ Boulevard. „Da gab es eine Buchhandlung, ein Spielwarengeschäft, Haushaltswaren, Bekleidung, einen Bäcker, eine Apotheke. Alles, was man brauchte. Wir sind mit unseren Kindern da oft lang gegangen.“ Deshalb ist sie gespannt auf die Umgestaltung. „Ich hoffe, das wird eine schöne Aufwertung.“

Geführte Spaziergänge starten wieder

Die Coronakrise hat einiges zum Stillstand gebracht. Das startet nun wieder. Die Spaziergänge im Rahmen des Projektes „CASTANEA“ gab es in der Zeit nur virtuell. Nun sollen sie wieder direkt am Boulevard entlang führen, entsprechend den geltenden Hygieneregeln. Bis Oktober geht es um Kräuter, das Laub der Bäume und den Vogelzug. Demnächst werden ein Dendrophon, ein Klangspiel für Kinder, und eine Vogelsilhouette auf dem Boulevard installiert. Die Kugelbahn, deren Aufbau im vergangenen Jahr besonders die Kinder aufmerksam verfolgten, erhält einen Platz zwischen dem „Neuenhagener“ und dem Pavillon „Zur Spinne“. Das Quartiersmanagement will den Pavillon ab August für Treffs und nachbarschaftliche Aktivitäten zur Verfügung stellen. Ein paar Meter weiter hat die Bücherstube wieder ihre Türen geöffnet und lädt zum Stöbern ein. Die Aktion „Sport vorm Balkon“ ist zwar gerade zu Ende gegangen, aber trotzdem lohnt sich ein aktiver Spaziergang auf dem Boulevard. Hunde sind gern gesehen – wenn Herrchen und Frauchen sich aus den Tütenspendern, die überall aufgestellt sind, bedienen. Übrigens auch eine Idee von Bewohnern, die im Verein „Helle Hunde“ mitwirken.

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden