Gedankenbrösel: Nach dem Mauerfall zurückgeschickt

Der erste Tag im Westen

10.11.2019, Mike Abramovici

Foto: Birgitt Eltzel

Meine Oma sagte immer: Dass die Mauer fällt, werde ich nicht mehr erleben, auch Deine Eltern nicht. Du vielleicht, mein Junge. Du wirst dabei sein, vielleicht aber auch erst Deine Kinder. Doch ich war noch mit meiner Oma im Westen! So kann man sich irren…

Mein persönlicher Mauerfall sah so aus: Wie für viele Handwerker in der DDR üblich, war auch ich nebenbei arbeiten in einer sogenannten Feierabendbrigade. Ich kam am 9. November also spät nach Hause. Meine damalige Frau hatte mir einen Zettel hingelegt: Irgendwas stimmt nicht mit der Mauer. Sie war bereits im Bett verschwunden. Ich schaltete den Fernseher ein (noch ohne Fernbedienung, aber schon in Farbe) und wollte Fußball im ZDF schauen. Unten im Bild lief in Dauerschleife ein Textband: Günther Schabowski… Pressekonferenz… Mauer … Reisefreiheit… So schaltete ich hin und her zwischen Fußball und der Pressekonferenz. Günther Schabowski gab auf der Pressekonferenz die Sätze so verschachtelt von sich, die Informationen waren so unglaublich, dass ich die Nachricht vom Mauerfall gar nicht gleich verstand. Im Haus klappten viele Türen, doch ich ging ins Bett. In der Frühe, am nächsten Morgen, sah ich in den Nachrichten Bilder von der Bornholmer Brücke: Menschen auf der Mauer, mit Hämmern.

In Arbeitsklamotten über die Grenze

Eigentlich wollte ich Arbeitssachen anziehen, aber ich glaubte, es würde eh keiner auf der Arbeit sein. Also zog ich zivile Sachen an und wollte zur Mauer fahren. Doch beim Verlassen der Wohnung siegte das schlechte Gewissen. Ich drehte mich um und zog Arbeitskleidung an. Ich fuhr Richtung Schönhauser Allee, wo unsere Baustelle war. Die Leute stürmten aus der Bahn und rannten Richtung Bornholmer Straße. Ich lief erst einmal zur Arbeit. Kein Kollege da. Na toll, dachte ich, die sind wohl schon drüben im Westen (wie sich später herausstellte, hatten beide verschlafen).

Also tappte ich los in Malerhose und Wattejacke. Es war ja kalt. Kurz vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße traf ich einen Kollegen. Ich meinte: Los, lass uns rübergehen. Nicht in Arbeitssachen, antwortete er. Also ging ich allein durch den Kontrollpunkt, erhielt einen Stempel in meinen Ausweis und stand kurz danach etwas verloren auf der Bornholmer Brücke. Ich fragte mich: Was mache ich eigentlich hier? Klar, die Mauer war auf, überall waren jubelnde Menschen, viele Sektgläser, Fahnen, unbekannte Menschenmengen um mich herum. Auf einmal kam mir eine junge Frau entgegen und umarmte mich, eine ehemalige Klassenkameradin, jetzt Kindergärtnerin. Sie meinte, sie muss jetzt zurück, die Kleinen würden nun in den Kindergarten kommen.

Eine alte Dame war gar nicht begeistert

Ich lief weiter, in die erste Querstraße links. Eine ältere Dame kam mir entgegen und schimpfte: Eh hau ab, Du Ostler, mach dass Du zurückkommst! Wie vom Blitz getroffen stand ich da. Ostler, hä? Das erlebte ich nun an diesem denkwürdigen Tag. Tief berührt ging ich Richtung Grenze zurück. Auf der Mittelpromenade stand mein Meister und rief mir zu: Es gibt Begrüßungsgeld, lass uns welches holen. Wir tappten also wieder los, wurden von einer Frau angesprochen und zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Wir stellten uns an einer Sparkasse an, erneut gab es Kuchen, Sekt, Gejubel. Und dann 100 D-Mark.

Eine Schachtel Zigaretten von den ersten D-Mark

Von meinem ersten Westgeld kaufte ich mir eine Schachtel Zigaretten (Benson & Hedges) und ein Feuerzeug. Nun hatte ich auch etwas Kleingeld, und ich rief meine Schwiegereltern an. Die lebten in Westberlin. Da ich keine Ahnung hatte, wo genau, verabredeten wir uns für den nächsten Tag.

Nach dem Telefonat lief ich das erste Mal in meinem Leben gemeinsam mit einem Kollegen stundenlang durch Westberlin. Bis die Füße lahmten. Danach ging es zurück Richtung Grenze. Ein Trabi nahm uns mit und brachte uns nach Ostberlin. Der erste Tag im Westen war vorbei.

Das ist nun genau 30 Jahre her.


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