Impasse – Was Rom-Corviale und Marzahn-Nordwest verbindet

Blick von außen

04.09.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Der Blick aus einer zerborstenen Fensterscheibe der Brücke am S-Bahnhof Ahrensfelde zeigt eine ungewohnte Perspektive auf die Märkische Allee. Aufgenommen hat das Foto der in Neapel geborene und seit 20 Jahren in Rom lebende italienische Fotograf Pasquale Liguori. Elf Mal war er in diesem Jahr auf eigene Kosten nach Marzahn gereist, um den Stadtteil abzulichten. In seiner „Impasse“ genannten Ausstellung, was man etwa mit „Sackgasse“ oder „Stillstand“ übersetzen kann, setzt er die Bilder aus Marzahn in Beziehung zu Aufnahmen von Rom-Corviale. „Stadtrand am Scheideweg“ lautet der Untertitel der Exposition im alten Rathaus Marzahn, die von den Abgeordneten Dr. Manuela Schmidt (Linke) und Iris Spranger ( SPD) unterstützt wurde, ebenso vom Quartiersmanagement Marzahn-NordWest und zahlreichen Akteuren im Gebiet wie Matthias Bielor von der Spielplatzinitiative Marzahn und Marina Bikadi vom Kulturhochhaus.

Der Unvollendete

Der Corviale am römischen Stadtrand, hinter dem die Campagna beginnt, die freie und bäuerliche Landschaft, gilt mit rund einem Kilometer Länge als das längste Wohnhaus Europas und als ein Beispiel gescheiterter Utopien beim sozialen Städtebau. Denn es wurde längst nicht alles dort vollendet, was Architekt Mario Fiorentino einst plante – Dienstleistungen und städtische Funktionen wie Kultureinrichtungen, die dort untergebracht werden sollten, um dem Koloss an der Peripherie urbanes Leben einzuhauchen, kamen nicht. So entstand eine Wohnmaschine mit vielfältigen Problemen und einer sozial schwachen Bewohnerschaft. „Immer wieder gab es aus Rom Forderungen, den Corviale abzureißen“, erzählte Pasquale Liguori während der Vernissage am Freitag, 31. August. Denn aus Sicht der Innenstadt ist der Corviale ein Problemviertel, für seine Bewohner jedoch Heimat, wenn auch eine verbesserungswürdige.

Die Sicht der Innenstadt auf die „draußen“

Das ist durchaus ein Berührungspunkt mit Marzahn-NordWest: Die Sicht der Innenstadt auf die Peripherie. Denn auch der Stadtteil hat nicht nur mit vielfältigen sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern auch mit einer herablassenden Betrachtung von außen, machte Dr. Manuela Schmidt deutlich. Dabei sei es in den vergangenen Jahren gelungen, auch mit Hilfe von Förderprogrammen und des 2020 auslaufenden Quartiersmanagements, zahlreiche Initiativen anzustoßen und zu begleiten – eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Corviale. Obwohl dort, so Pasquale Liguori, die Anstöße nicht aus millionenschweren Programmen wie Soziale Stadt und anderen kamen, sondern von Bewohnern selbst, die sich in Eigeninitiative organisierten, nicht immer alle hundertprozentig legal. So gibt es ein Bürgerradio im Corviale, selbst angelegte Gärtchen (auch auf dem Dach), einen selbstverwalteten Sportclub und sogar etwas Hühner- und Ziegenhaltung. All das habe geholfen, die Kriminalität dort zurückzudrängen.

Gentrifizierung befürchtet

Wohin entwickelt sich der Corviale, der auch „Serpentone“, große Schlange, genannt wird? Inzwischen gilt der Brutalismus, mit seinen in Beton gegossenen, schnörkellosen und oft kolossalen Gebäuden schon wieder als Architekturstil mit etlichen Anhängern. Der Corviale ist eines dieser Gebäude, die vornehmlich in den 1960er-Jahren gebaut wurden. Die „Serpentone“ entstand allerdings selbst erst ab 1975. Inzwischen gab es Wettbewerbe zur Weiterentwicklung des Komplexes. Pas Liguori sagt, dass auch dort Gentrifizierung, die Verdrängung von Alteingesessenen durch steigende Mieten befürchtet wird, wenn Missstände beseitigt sind – ein Thema, das auch in Marzahn nicht wenige Befürchtungen weckt.

Energie und Würde

Liguori zeigt in seinen stillen, ästhetisch anspruchsvollen Fotos kaum Menschen, eher Strukturen und das Umfeld. Es sind Aufnahmen, die Hässlichkeit und unerwartete Schönheit zeigen, die von Energie und Würde trotz mannigfaltiger Probleme sprechen. Die menschliche Komponente soll hinzukommen, wenn Betrachter sich über die Aufnahmen unterhalten. „Kommunikation ist ausdrücklich das Ziel“, sagte der Fotograf. Die Ausstellung wird nach dem Rathaus Marzahn (schade, dass dort die brutale Beleuchtung durch grelle Leuchtstoffröhren den Genuss beim Betrachten der Bilder etwas schmälern!) in Einrichtungen in Marzahn-NordWest zu sehen sein. Anfang 2019 soll sie in Rom gezeigt werden.

„Impasse – Stadtrand am Scheideweg“ ist bis zum 30. September im Erdgeschoss des Rathauses Marzahn, Helene-Weigel-Platz 8, zu sehen. Geöffnet entsprechend der Öffnungszeiten des Gebäudes: mo-fr 8 bis 19 Uhr. Eintritt frei.

 

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