„Hurengespräche“ im Kulturgut

Deftiges in aller Öffentlichkeit

13.03.2014, Klaus Tessmann

Foto: Klaus Tessmann

Marzahn. Dreimal in der Woche treffen sich drei Frauen zu Gesprächen bei Kaffee und Kuchen. Dabei geht es vor allem um die Dinge des Alltags. Es ist nicht immer erfreulich, was sie erleben: betrunkene Männer, widerspenstige Kinder, Gewalt im Haushalt. Bei ihren Erzählungen kreist die Flasche Hochprozentiger. Offen und oft ziemlich deftig reden die Frauen.

Theaterstück von Heinrich Zille
Noch tagen sie auf dem Heuboden im KulturGut Marzahn. Sie nennen sich selbst Huren und es geht auch um ihren Berufsalltag. Bisher sind Bollenjuste, Pinselfrieda und Alma unter sich geblieben. Doch am Sonntag, 16. März, gehen sie in die Öffentlichkeit. Die Schauspielerinnen Magy da Silva, Wendeline Blazejewski und Katharina Kellin vom Ensemble der „GalaBühneBerlin“, die regelmäßig im „Theatercafé“ des KulturGutes auftreten, sind in Rollen aus den „Hurengesprächen“ von Heinrich Zille geschlüpft.

Heinrich Zille (1858 – 1929) war nicht nur ein genialer Maler, sondern er betätigte sich auch als Schriftsteller. Sein Leben lang war Zille – mit Zetteln und Stiften bewaffnet – dem „Milljöh“ auf der Spur. Seine Charaktere fand er in Prenzlauer Berg, in Friedrichshain und in Mitte. Kritik an den sozialen Zuständen in Deutschland kam nicht nur in seinen Karikaturen zum Ausdruck, sondern auch in dem Theaterstück. 1913 erschien unter dem Pseudonym W. Pfeiffer das schmale Bändchen „Die Hurengespräche“. Das sozialkritische Buch wurde sofort von der preußisch-kaiserlichen Zensur verboten.

Konsequent wird berlinert
Das Schauspiel handelt von acht Frauen – Olga, Pauline, Rosa, Alma, Pinselfrieda, Bollenjuste, Lutschliese und Minna. In ihren Gesprächen zeichnen sie ein katastrophales Bild von den Lebenssituationen im Berliner Arbeitermilieu. Den Stoff für sein Theaterstück sammelte Heinrich Zille in der berüchtigten Lesben- und Schwulenkneipe „Mulackritze“ in Berlin-Mitte, Mulackstraße 15. Die Einrichtung dieser Kneipe ist erhalten geblieben und steht heute im Gründerzeitmuseum Mahlsdorf, Hultschiner Damm 333.

Die Dialoge werden konsequent im Berliner Dialekt gesprochen. So wie in seinen Bildern  kommt auch im Theaterstück der Sozialkritiker Heinrich Zille zum Vorschein. Alle Frauen  gehen einer ganz normalen Beschäftigung nach. Sie sind Blumenfrauen oder Fabrikarbeiterinnen und schildern ihre Erlebnisse unsentimental. Sie streben nach einem anderen Leben. Aber die sozialen Umstände zwingen sie dazu, als Prostituierte ihr Geld zu verdienen. Sie haben als Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Bildungsmöglichkeiten und sind damit in ihrem „Milljöh“ festgekettet.

Die Theatergruppe GalaBühneBerlin mit dem österreichischen Regisseur Johannes Sterkel gibt es seit drei Jahren. Er hatte nach einer festen Spielstätte gesucht und stieß dabei auf den Saal und die Bühne im KulturGut Marzahn. „Ich habe die Bühne gesehen und war begeistert“, sagte Sterkel. So wurden schon mehrere Termine mit dem Haus vereinbart.

Ganz unterschiedliche Frauen stehen auf der Bühne. Der Berliner Dialekt ist Magy da Silva auf den Leib geschneidert. „Ich bin Urberlinerin und habe als Bollenjuste schon einmal in den 90er-Jahren in der Kleinen Nachtrevue auf der Bühne gestanden.“ Wendeline Blazejewski ist eigentlich auch Berlinerin, aber in Mecklenburg aufgewachsen. Vor knapp drei Jahren hat sie die Schauspielschule Charlottenburg abgeschlossen. Seit dem 17. Lebensjahr spielt sie Theater. Die dritte Frau im Bunde ist Katharina Kellin. Sie kommt eigentlich aus dem niederdeutschen Sprachgebiet und hat an verschiedenen niederdeutschen Bühnen gearbeitet. Seit der 6. Klasse steht sie auf der Bühne. Vor vier Jahren absolvierte sie die Fritz-Kirchhoff-Schule in Kreuzberg. Begleitet werden die Frauen am Klavier von Klaus Schäfer.

„Die Hurengespräche“ am Sonntag, 16.März, um 16 Uhr im KulturGut Alt Marzahn 23, Telefon: 56 29 42 86. Eintritt: 6 Euro, ab 15 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen.

Weitere Informationen:  www.agrar-boerse-ev.de

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