Sa Sartiglia von Oristano – spektakuläre Reiterfestspiele

Das Turnier der Sterne

05.03.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel Zum Verfgrößern bitte auf das Startbild klicken!

Oristano/Sardinien. Das Schmettern der Fanfaren und den rhythmischen Wirbel der Trommeln hat man noch Tage später im Ohr. Sa Sartiglia, nach dem Karneval von Venedig die zweitberühmteste Karnevalveranstaltung Italiens, ist nicht unbedingt eine leise Angelegenheit. Kostümierte Musikanten und Ausrufer, gefolgt von einem dichten Pulk aus Kindern und Erwachsenen, marschieren durch die engen Gassen und Sträßchen des centro storico, der historischen Altstadt von Oristano. Sie bilden gewissermaßen die Vorhut für das bevorstehende Spektakel. Am Karnevalssonntag und am darauffolgenden Dienstag findet dort jedes Jahr Sa Sartiglia statt, mittelalterliche Reiterfestspiele. In historische Gewänder gehüllte, maskierte Reiter müssen dabei einen etwa zehn Zentimeter großen silbernen Stern, der an einem quer über die Straße gespannten Band hängt, im rasendem Galopp mit dem Degen aufspießen. Das ist Millimeterarbeit bei höchstem Tempo. Schon ein kleiner Windstoß kann den filigranen Stern, der nur ein kleines Loch in der Mitte hat, zum Schaukeln bringen und die Mission gefährden.

Veranstaltet von zwei Gilden

Das im Westen Sardiniens gelegene Städtchen Oristano hat um die 30.000 Einwohner. Maria Antoinetta, unsere Wirtin, erzählt, dass zur Sartiglia mindestens dreimal so viele Menschen in der Stadt sind. Die Zimmer sind dann ausgebucht, eine rechtzeitige Reservierung ist deshalb erforderlich. „An diesen Tagen gibt es viel Trubel in der Stadt. Sonst ist sie eigentlich ein wenig verschlafen “, sagt die rüstige Rentnerin, die von Kindheit an begeistert von Sa Sartiglia ist. Die Wettbewerbe werden traditionell von zwei Gilden organisiert und finanziert, am Sonntag von den Landwirten und am Dienstag von den Schreinern. Die Ursprünge liegen im 13. Jahrhundert. Begonnen hatten die Reiterfestspiele als Ritterturnier für die edelsten Familien der Stadt. Seit dem 16. Jahrhundert veranstalten die Gilden Sa Sartiglia als ein buntes, mehrtägiges Volksfest.

Leckere Düfte überall

Bereits Tage vorher wird in der Innenstadt alles hergerichtet: Auf der corsa delle stelle (Abschnitt für die Reiter), sonst zwei kleine Straßen nahe dem Dom, wird eine dichte Schicht aus Sand aufgeschüttet, ebenso auf dem Abschnitt für die Pariglie – waghalsige Reitervorführungen, die nach dem Rennen auf der entgegengesetzten Seite des centro storico folgen. Der Donnerstag wird süß. Beim giovedi grasso (fetter Donnerstag) werden kostenlos Faschingskuchen und andere dolci (Süßigkeiten) an die Kinder verteilt, sagt Emanuele, ein befreundeter Fotograf. Er hat uns eingeladen, seine Heimatstadt zu diesem ganz besonderen Karneval zu besuchen. Leider ist unser Donnerstag noch nicht fett: Wir können keine Zipolle (Kringel ähnlich Pfannkuchen, in heißem Fett gebraten) probieren. Wegen eines Streiks bei Alitalia müssen wir unseren Flug um einen Tag verschieben. Doch dann schlendern wir endlich um Buden und Büdchen an der Piazza Eleonora d’Arborea herum, dem zentralen Platz im Zentrum, und ihren Seitenstraßen. Esswaren der verschiedensten Art werden angeboten – von süß bis sauer, gegrillt, gekocht und gebacken, vegetarisch, Fisch und Fleisch. Überall duftet es verführerisch. Und wie bei jedem Volksfest wird auch überall gut zugelangt. Auffallend ist, dass zwar viele Leute den Vernaccia genießen, den etwas höherprozentigen Weißwein aus Oristano, das sardische ichnusa-Bier ebenfalls, aber keine Betrunkenen zu sehen sind. Man feiert mit Stil. Vom Müll, der bergeweise anfällt, liegt am nächsten Morgen nicht ein Fitzelchen mehr auf dem Boden.

Su Componidori führt die Reiter an

Der Held des Festivals ist Su Componidori, der die Reiter anführt – eine rätselhafte Gestalt, androgyn, halb Mann, halb Frau. In einer mehr als eine Stunde dauernden Zeremonie wird er um die Mittagszeit von jungen Frauen, die die schönsten handgestickten Trachten Oristanos tragen, angekleidet – unter Beifall der Gäste, die einen der begehrten Plätze bei der vestizione ergattern konnten. Die Frauen greifen zu Nadel und Faden, jedes Fältchen des Kostüms muss ganz genau sitzen. Als wunderschönes Fabelwesen mit Maske, weißem Tuch und schwarzem Zylinder wird Su Componidori auf sein prächtig geschmücktes Pferd gehoben. Er darf bis zum Abend den Rücken des Rosses nicht mehr verlassen. Su Componidori wird zu Beginn der Karnevalszeit von den Gremien der Gilden unter den Reitern ausgewählt, die um die Sterne kämpfen dürfen. Dieses Mal waren es ein Barbesitzer (Sonntag) und ein Tierarzt (Dienstag), berichtet uns unsere Wirtin Maria Antoinetta.

Segen mit dem „sa Pippia e Maju“

Gefolgt von seinen beiden Gehilfen, den 120 Wettkampf-Reitern und ihren Pferden, vor ihm Trommler und Trompeter, durchquert Su Componidori die Stadt, in der Hand einen Veilchenstrauß an einem immergrünen Zepter – das Zeichen des Frühlings. Bei strahlendem Sonnenschein und Tagestemperaturen um die 18 bis 20 Grad Celsius mag man dem schon glauben. Mit dem „sa Pippia e Maju“ segnet er die Menschen, bevor er selbst das Pferderennen eröffnet. Begeisterter Beifall oder ein vielstimmiges, enttäuschtes „Oh…“ begleiten die Reiter – je nachdem, ob sie erfolgreich waren oder nicht. Und manche spornen sie auch auf ganz eigene Art an: Ein Grüppchen junger Leute, das schon durch ein an ihrem Tribünenplatz angebrachtes Schild verkündet, dass dort ganz viel Vernaccia getrunken wird, singt zur hierzulande bekannten Melodie „Es gibt nur ein Rudi Völler“ auf Italienisch immer wieder „uno di noi…“ (einer von uns).

Volksglaube: Viele Sterne, gute Ernte

Je mehr Sterne bei der Sartiglia aufgespießt werden, desto besser wird die Ernte, besagt der Volksglaube. In diesem Jahr beträgt die Ausbeute 24 bzw. 20 Sterne – kein schlechtes Ergebnis. Da macht es wohl auch nichts, dass Su Componidori am Dienstag selbst keinen geholt hat…

Einige Tipps

Oristano: Der Ort an der Westküste Sardiniens ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Dort mündet der Tirso, längster Fluss Sardinien ins Meer. Die Provinz in der fruchtbaren Campidano-Ebene ist das wichtigste landwirtschaftliche Zentrum Sardiniens.

Wie kommt man hin: Von Berlin mit Air Berlin/Kooperation mit Alitalia (umsteigen in Rom) bis Cagliari (Elmas). Kosten Hin- und Rückflug ca. 200 Euro. Mit Zug von Elmas 70 Minuten, 6,10 Euro.

Übernachten: Sparsam: mit Airbnb, z.B. bei Maria Antoinetta Rita, Via Giovanni Spano 20 (ca. 5 Min. zum Zentrum zu laufen). Doppelzimmer zur Einzelnutzung 30 Euro, Frühstück inklusive. Holt Gäste auch vom Bahnhof ab.
www.airbnb.de
Preiswert: B&B Eleonora, piazza Eleonora d’Arborea. Sehr zentral und urig in historischem Gebäude. Doppelzimmer 65-75 Euro, Einzelnutzung 40-50 Euro.
www.eleonora-bed-and-breakfast.com
Gehobener: Duomo, via Emanuele II. Zentral in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert gegenüber dem Dom. Doppelzimmer 108-135, zur Einzelnutzung 80-105 Euro.
https://www.trivago.de/oristano-45747/hotel/duomo-1289908

Essen und Trinken: Überall im Zentrum gibt es kleine Bars und Gaststätten, wo man preiswert essen kann. Pizza (Margherita) ab 3,50 Euro. Gehobener, aber nicht gar so teuer: Cocco & Dessi, via Tirso 31.
www.coccoedessi.it

Sehr zu empfehlen sind alle Supermärkte mit einem großen Angebot regionaler Spezialitäten (besonders Käse und Weine, leckeres Brot). Damit kann man sich ab Ende Februar auch auf eine Bank die Frühlingssonne setzen.

Nächstes Jahr: 2018 ist der Karnevalssonntag am 11. Februar, der Dienstag am 13. Februar. Dann findet auch Sa Sartiglia wieder statt, eine offizielle Bestätigung und ein Programm gibt es aber noch nicht.

Weitere Informationen und Videos:
www.sartiglia.info

 

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