Im Salon mit Alina Martirosjan-Pätzold

Das Sehnsuchtsland

30.01.2014, Birgitt Eltzel

Foto: Volkmar Eltzel

Karlshorst. Bis spät in die Nacht hinein hat sie eigenhändig Weinblätter gerollt. Alina Martirosjan-Pätzold ist zwar erst gegen 22:30 Uhr von der Tagung des Lichtenberger Bezirksparlaments, in dem sie seit 2011 für die CDU sitzt, nach Hause gekommen. Doch für ihre Gäste, die die Philologin und Kultur-Managerin seit 1999 regelmäßig zu Salons einlädt, ist ihr nur das Beste gut genug. Und wenn es, wie am nächsten Abend, um ihr Geburtsland Armenien geht, erst recht. Gekaufte Weinblattröllchen will sie ihnen jedenfalls nicht servieren, es soll alles authentisch sein. Also rollt sie in ihrer Küche in Neu-Hohenschönhausen mehr als 120 der dunkelgrünen Blätter, das Rezept der schmackhaften Füllung bleibt ihr Geheimnis.

Die Welt zu Gast
Die Geburtsstunde der Salons von Alina Martirosjan-Pätzold schlug im Mai 1999, als sie erstmals in der vom Kulturring Berlin präsentierten Länderreihe ihre kaukasische Heimat vorstellte – mit dem “Hellen Salon” im Kulturforum Hellersdorf nahm eine Erfolgsgeschichte ihren Anfang. Fünf Jahre später folgte der “Hohe Salon” im Humboldt-Haus in Hohenschönhausen, einige Jahre später der “Carlshorster Salon” im Kulturhaus Karlshorst. Mehr als 70 Länder hat sie in den Veranstaltungen inzwischen vorgestellt – mit ihrer Kunst, ihrer Kultur und der landestypischen Küche. Die Veranstaltungen sind immer schon im Voraus ausgebucht, es gibt ein großes Stammpublikum und lange Wartelisten. Die Gäste kommen nicht nur aus Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, sondern auch aus anderen Teilen Berlins. “Wir haben in Hellersdorf Besucher, die kommen sogar aus Steglitz – seit 15 Jahren”, sagt Alina Martirosjan-Pätzold.

Historische Vorbilder
Vorbilder für die Länderveranstaltungen sind die berühmten “Berliner Salons” des 19. Jahrhunderts. Auch dort waren bekanntlich immer Frauen die Gastgeberinnen, luden im privaten Kreis zu Lesungen, Konzerten und Gesprächen ein. “Schön, dass Sie da sind”, mit diesen Worten leitet Alina Martirosjan-Pätzold jeden Abend ein – und die Gäste fühlen sich bei der temperamentvollen und warmherzigen Frau gleich willkommen.

Exzellenz kochte selbst
Das Programm der Abende organisiert Alina Martirosjan-Pätzold selbst. Sie bittet Botschaften und Kultureinrichtungen der Länder um Mithilfe, besucht in Berlin lebende Künstler verschiedenster Nationalitäten in ihren Ateliers oder bei Auftritten. Mit viel Charme gelingt es ihr immer, Mitwirkende für ihre Salons zu finden – bis in höchste diplomatische Kreise. Exzellenzen erzählen  von ihrem Land, musizieren oder kochen sogar. “Als wir im vergangenen Sommer Algerien vorstellten, hat ein Botschaftsrat selbst Zutaten in einem arabischen Laden in Gesundbrunnen eingekauft und dann einen fantastischen Couscous im Kulturforum Hellersdorf zubereitet”, sagt sie.

Gemeinsam essen, dann Kultur genießen
Beim Armenien-Abend in Karlshorst werden nicht nur die gefüllten Weinblätter aufgetischt, sondern auch ein sehr zarter Schaschlik. Das traditionelle kaukasische Gericht wurde von Vertretern der Armenischen Schule in Lichtenberg zubereitet. “Erst kommt immer das gemeinsame Essen, dann Konzerte oder Lesungen”, erklärt Alina Martirosjan-Pätzold. Sie sagt, dass sie versucht, einander Unbekannte an den Tischen zu platzieren: “Die Leute lernen sich in entspannter Atmosphäre kennen, manchmal entstehen Freundschaften daraus.” Tatsächlich, schnell ist das Eis gebrochen – vor dem Auftritt von Nelly Schmalenberg-Chatschaturjan werden lebhafte Gespräche im Saal geführt. Es wird still, als sich die Pianistin ans Klavier setzt. “Sie spielt so schön”, seufzt eine Frau. Nelly Schmalenberg-Chatchaturjan ist übrigens nicht mit dem berühmten armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan verwandt. Aber sie durfte in ihrer Jugend einmal mit ihm spielen, erzählt sie. Von ihm signierte Notenblätter besitzt sie noch immer. Was es mit dem “Land der Sehnsucht”, wie der Abend untertitelt ist, auf sich hat, weiß man spätestens, als Liedermacher und Sänger Stepan Gantralyan und Gitarrist Mauricio Almanzot auftreten – ziemlich wehmütig klingen die Lieder.

Stolz auf den Sohn
Auch bei Alina Martirosjan-Pätzold liegt kurz etwas Wehmut im Blick, als wir sie nach ihrem Geburtsland fragen. Als Studentin hat sie dort ihren Ehemann kennengelernt, einen Physikstudenten und späteren DDR-Auslandskorrespondenten. “Die große Liebe, bis heute”, sagt sie. 1978 kam sie nach Berlin, ein Jahr später wurde ihre gemeinsame Tochter geboren. Ihr Sohn Martin, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, auf den sie besonders stolz ist, seitdem er im vergangenen September für die CDU in den Bundestag einzog, kam 1984 in Moskau zur Welt. Bis 1996 lebte die Familie in der russischen Hauptstadt, weil Ehemann Dietrich dort für den Verlag Gruner + Jahr tätig war. “Ich fühle mich deutsch, sehr deutsch, aber Armenien ist auch immer noch meine Heimat”, sagt Alina Martirosjan-Pätzold.

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Video: Die Pianistin und Ausnahmekünstlerin Nelly Schmalenberg-Chatschaturjan

Die nächsten Salons:
“Heller Salon”, Kulturforum Hellersdorf, Carola-Neher-Str.1, 14.2., 19.30 Uhr: Jamaika
“Hoher Salon”, Humboldt-Haus, Warnitzer Str. 13 A, 21.2., 19.30 Uhr: Italien
“Carlshorster Salon”, Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112, 28.3., 19.30 Uhr: Finnischer Tango
Preis je Karte (inkl.landestypischer Speisen): 18 Euro.
Anmeldung unter Tel. 5 53 22 76.

Foto 1: Alina Martirosjan-Pätzold bei der Moderation des Salons “Sehnsuchtsland”
Foto 2: Persönliche Begrüßung der Gäste
Foto 3: Im Gespräch mit Vertretern der Armenischen Schule Lichtenberg
Foto 4: Das Essen wird serviert
Foto 5: Alina und Sohn Martin Pätzold (MdB)
Foto 6: Sänger und Maler Stephan Gantralyan und Gitarrist Mauricio Almanzot
Foto 7: Pianistin und Ausnahmekünstlerin Nelly Schmalenberg-Chatchaturjan

 

 

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