Hörenschönhausen: ein Audio-Rundgang mit 20 Stationen

Das lokale Gedächtnis

13.12.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Alt-Hohenschönhausen. Geschichten rund um Ober- und Orankesee sind dort jetzt an 20 sogenannten Hörstationen zu erfahren. Von der Prinzessin Oranka über den Bau des Strandbads, die Zeit der sowjetischen Besatzung und der Nutzung durch die DDR-Staatssicherheit bis zum Traum von einem Kunstkomplex nach der Wende und die vor einigen Jahren erfolgte Seensanierung spannt sich der Bogen. Spaziergänger benötigen nur ein Smartphone, das sie an die QR-Codes der Stationen halten müssen – und schon startet die jeweilige Erzählung. Wer kein solches Gerät hat, kann die Internetseite mit dem schönen Titel Hörenschönhausen aufrufen. Dort gibt es nicht nur die 20 Audiomitschnitte, sondern auch noch längere Aufsätze zum jeweiligen Thema sowie historische und aktuelle Fotos aus dem Seenpark. Erzählt werden die Geschichten von acht professionellen Sprechern, die u.a. auch für das Museum Barbarini in Potsdam tätig waren.

Initiiert von drei aktiven Frauen

Die neueste Attraktion im Seenpark von Alt-Hohenschönhausen ist vor allem drei Frauen aus dem rührigen Förderverein Obersee & Orankesee zu verdanken, der sich seit Jahren für die Entwicklung des Gebiets engagiert: Nikola John, Bärbel Ruben und Elke Weihusen. Am Rande einer vom Verein organisierten Veranstaltung waren sie ins Gespräch über die Geschichten der Gegend gekommen – und beschlossen, dass diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Mit 14.500 Euro aus dem Fonds zur Förderung zeitgeschichtlicher und erinnerungskultureller Projekte der Senatskulturverwaltung und mehr als 800 ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden wurde das Vorhaben binnen eines Jahres Realität. Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) bedankte sich bei der Einweihung für die Aktivität des Fördervereins: „Eine wirklich fantastische Initiative! Bürgerschaftliches Engagement par excellence.“ Der wertvolle Rundgang sei eine gute Gelegenheit, den Bezirk noch besser kennenzulernen.

Auch Alteingesessene erfahren Wissenswertes

In der Tat können nicht nur Besucher, die längst schon auch aus anderen Bezirken an die Seen von Alt-Hohenschönhausen kommen, Wissenswertes hören. Selbst Menschen, denen die Gegend durchaus vertraut ist, erfahren Spannendes. Beispielsweise, dass das beliebte Strandbad im Jahr 1928 nach der Ausschreibung für einen neuen Pächter für das Traditionslokal Orankesee-Terassen entstand. Dieser wurde Wilhelm Heinrich, ein früherer Theaterbetreiber, genannt Heiden-Heinrich. Von ihm stammt auch der Orankewalzer, dessen ursprüngliche Komposition verschollen war und 2016 nach einem Wettbewerb des Fördervereins neu komponiert wurde. Die Neuvertonung von Heidens Gedicht ist natürlich auch auf der „Hörenschönhausen“-Website zu genießen.

1945 bis 1951 „Militärstädtchen“

Doch auch über die weniger helle Geschichte des Gebiets wird berichtet. Wer weiß heute schon noch, dass Anfang November 1945 das Gebiet um den Obersee durch die Rote Armee komplett eingezäunt wurde, die letzten Bewohner bis 1947 vertrieben wurden? Erst im Frühjahr 1951 trat die sowjetische Besatzungsmacht das „Militärstädtchen Hohenschönhausen“ an die DDR ab. Das Gros des Sperrgebiets übernahm das Ministerium für Staatssicherheit. In den später geschaffenen zweigeschossigen Plattenhäusern am Obersee entstanden Wohnungen für ranghohe Stasi-Offiziere, so den Chef der Auslandsspionage Markus Wolf. Namen standen natürlich damals keine an den Briefkästen.

Aus sieben geplanten Stationen wurden 20

Bärbel Ruben, die zu den Initiatorinnen des Audio-Rundgangs gehört, erinnert sich: „Anfangs hatten wir sieben Hörstationen geplant, nun sind es 20 geworden. Denn es gibt einfach viel zu erzählen.“ Von den frühen 1990er-Jahren an bis 2001 war sie Leiterin des Museums Hohenschönhausen im nahen Lindenweg gewesen. Dieses wurde im Zuge der Berliner Bezirksfusion geschlossen. Mit dem Zusammenschluss von Hohenschönhausen und Lichtenberg blieb nur noch ein Museum erhalten, das in der Lichtenberger Türrschmidtstraße. Ruben, die seit Jahren im Bezirksamt Neukölln arbeitet, freut sich deshalb besonders, dass „Hörenschönhausen“ Realität geworden ist: „Damit verhelfen wir dieser Gegend wieder zu ihrem lokalen Gedächtnis.“

Rundgang kann weiter ausgebaut werden

Björn Döhring, der Vorsitzende des Fördervereins Obersee & Orankesee, hofft auf einen weiteren Ausbau des Rundgangs. „Das ist noch nicht zu Ende“, sagt er. Auch andere könnten ihre Geschichten erzählen, beispielsweise die Feuerwache, die jetzt ein Hotel und Restaurant ist, Kleingartenvereine oder andere Institutionen. Döhring hofft wie die anderen Mitglieder des Fördervereins, dass die Hörstationen gut angenommen werden. Und natürlich, dass es keinen Vandalismus an den auf Bänken angebrachten Plaketten mit den QR- Codes gibt.

 

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