Happy Birthday Marzahn!

“Da ist viel Dynamik drin”

05.01.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Archiv Peters, Regina Kittler, Volkmar Eltzel, Emmanuele Contini

Mehr als 250.000 Menschen zogen ab Mitte der 1970er Jahre in die neuen Wohngebiete, um die Jahrtausendwende kehrten ihnen Zehntausende den Rücken. Jetzt kommen erneut junge Familien, es werden mehr Kinder geboren, Industriebetriebe siedeln sich an. Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) sieht Marzahn-Hellersdorf als den Teil Berlins, der sich am dynamischsten verändert. Vor genau 35 Jahren wurde der Bezirk Marzahn gegründet – Happy Birthday!

Heimat seit 1977
Die Baumwipfel reichen fast in den 9. Stock. Wenn Carola Jütte (61) und ihr Mann Gerhard (59) auf den Balkon treten, sehen sie hochgewachsenes Grün und sanierte Häuser. Als das Ehepaar kurz vor Weihnachten 1977 in den Block an der Marchwitzastraße 41 eingezogen war, gab es viel Schlamm um die Wohnhäuser und noch freie Sicht auf den Fernsehturm. Reichlich ein Jahr später erst wurde der Bezirk Marzahn gegründet, am 5. Januar 1979.

Die Jüttes sind Marzahn treu geblieben und auch nie aus ihrer Zweizimmer-Wohnung, die sie lange Zeit mit Tochter Ilka bewohnten, ausgezogen. “Das ist Heimat für mich”, sagt Carola Jütte, früher Sachbearbeiterin im DDR-Außenhandel, inzwischen seit einigen Jahren zu Hause. Gerhard Jütte, gelernter Werkzeugmacher, arbeitet noch in einem metallverarbeitenden Betrieb an der Landsberger Allee. Auch er möchte nicht wegziehen aus der Wohnung, die dem Paar beim Einzug wie ein Traum vorgekommen war – mit fließend warmem Wasser aus der Wand, Fernwärme, Fahrstuhl und Müllschlucker.

Eine Stadt auf der grünen Wiese
Die Steinerne Richtkrone, ein Denkmal aus Beton an der Marchwitzastraße, erinnert an die Erbauer Marzahns. Sie haben quasi auf der grünen Wiese eine Stadt aus dem Boden gestampft. Denn der Unmut in Ost-Berlin über zu knappen und vielfach miserablen Wohnraum war Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre gestiegen, auch mit Blick auf die Neubautätigkeit im Westen Berlins, wo jährlich etwa 20.000 Neubauwohnungen entstanden. Mit dem großangelegten Wohnungsbauprogramm der DDR sollte dem begegnet werden – in der Hauptstadt Berlin wurden allein von 1971 bis 1980 rund 88.000 Neubauwohnungen in Plattenbauweise errichtet. Das war auch die Geburtsstunde für das Neubaugebiet Biesdorf/Marzahn. Die erste Platte wurde am 8. Juli 1977 an der Marchwitzastraße 41–45 gesetzt. Von Biesdorf im Süden nach Norden, bis zur Stadtgrenze mit Brandenburg, wurde Marzahn erschlossen. Auf ehemaligem Rieselfeldgebiet entstanden innerhalb von nicht einmal 15 Jahren rund 100.000 Neubauwohnungen in industrieller Bauweise auf dem Gebiet des heutigen Bezirks Marzahn-Hellersdorf.

Protest der Alliierten
Schon am 25. Februar 1975 war die Entscheidung zur Bildung eines neuen Stadtbezirkes im Politbüro der SED gefallen. Doch fast vier Jahre wurde damit noch gewartet, obwohl bereits Tausende Menschen in den neuen Häusern lebten. Denn nach dem Vier-Mächte-Abkommen war ein neunter Bezirk in Ost-Berlin nicht gestattet. Trotz der Proteste der West-Alliierten wurde Marzahn aus großen Teilen Lichtenbergs und ehemaliger Rieselfeldfläche Weißensees bei Falkenberg dann am 5. Januar 1979 als eigenständiger Bezirk gegründet. Am 1. Juni 1986 verlor Marzahn wieder fast die Hälfte seiner Fläche, nachdem auch Hellersdorf inklusive Mahlsdorf und Kaulsdorf eigenständig wurde. Seit der Bezirksfusion 2001 sind beide im heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf wieder vereint.

Bürgermeister sieht Herausforderungen
Die Gründungsurkunde von Marzahn, unterschrieben vom damaligen Ost-Berliner Bürgermeister Erhard Krack, hängt ebenso wie jene von Hellersdorf im Sitzungsraum des heutigen Rathauses am Alice-Salomon-Platz. Bürgermeister Stefan Komoß (49), der aus einem kleinen Ort nahe Karlsruhe stammt und seit 1996 in Kaulsdorf  wohnt, sagt, dass die Entwicklung in Marzahn-Hellersdorf schneller verlaufe als in anderen Berliner Bezirken, “ein stetiger Wandel in kurzer Zeit”. Er sagt: “Hier ist viel Dynamik drin, mehr als anderswo.” Seien erst Hunderttausende Menschen zugezogen, gingen wenige Jahre nach der Wende Zehntausende weg. Hatten Marzahn und Hellersdorf 1990 noch mehr als 300.000 Einwohner, sind es jetzt rund 250.000 – Tendenz allerdings wieder steigend. “Wegen des Bevölkerungsverlustes wurden nicht nur Wohnhäuser abgerissen, sondern auch viele Schulen und Kitas. Und jetzt müssen wir neue bauen, weil wir nun wieder viel Zuzug haben”, sagt Komoß. Eine Herausforderung sei nicht nur, dass der Bezirk wieder jünger werde, weil mehr Kinder geboren werden. “Die jungen Paare, die einst in die Neubauwohnungen von Marzahn und Hellersdorf gezogen sind, kommen jetzt ins Rentenalter oder sind es schon”, so der Bürgermeister. Auch darauf müsse die Infrastruktur eingerichtet werden – sprich: Wo früher vielleicht Räume für Kinderwagen gebraucht wurden, sind in absehbarer Zeit auch welche für Rollatoren erforderlich.

Zum Jubiläum wünscht er sich, dass “sich möglichst viele Menschen für den Bezirk engagieren”. Als herausragendes Beispiel nennt er die Initiative “Hellersdorf hilft”, die sich um die Asylbewerber im früheren Max-Reinhardt-Gymnasium kümmert.

Image hat sich gewandelt
Stadtentwicklungs-Stadtrat Christian Gräff (CDU) sagt, dass sich Marzahn-Hellersdorfs Image, das einige Jahre nach der Wende nicht das Beste war, längst wieder gewandelt hat: “Es ist inzwischen vielen bekannt, dass es hier nicht nur große Plattenbaugebiete gibt, sondern auch kleinere Siedlungen und viel Grün.” Und auch die “Platte” selbst, zum übergroßen Teil modernisiert, werde differenzierter betrachtet – schließlich biete diese Wohnform ja auch große Vorteile. Das hat der Bezirk offensiv und selbstbewusst beworben, unter anderem mit jährlichen “Plattenfesten”. Das diesjährige “Plattenfest” soll laut Gräff voraussichtlich am zweiten Septemberwochenende stattfinden – und dem 35. Marzahn-Jubiläum gewidmet werden. “Dazu laden wir alle Berliner herzlich ein”, so Gräff.

Foto 1: erster Wohnblock Marzahns, Allee der Kosmonauten (AdK), Sept. 1977, Foto Archiv Peters
Foto 2: steinerne Richtkrone, erinnert an Baubeginn Marzahns, AdK 68, Foto Volkmar Eltzel
Foto 3: Gedenktafel neben der steinernen Richtkrone, Foto Volkmar Eltzel
Foto 4: Montagebrigade Burkhard Peters beim Wohnungsbaukombinat, Foto Archiv Peters
Foto 5: Stadtbaudirektor Günter Peters (2.v.l.) bei einer Präsentation 1978, Foto Archiv Peters
Foto 6: Namensverleihung der 1. POS Marzahn Hans Marchwitza, Foto Regina Kittler
Foto 7: Rathaus Marzahn und Helene-Weigel-Platz heute, Foto Emmanuele Contini
Foto 8: die Bürgermeister von Marzahn, Aufnahme 2013, Dagmar Pohle, Stefan Komoß, Andreas Röhl, Harald Buttler, Gerd Cyske, v.l.n.r. Uwe Klett fehlt, Foto Oleg Peters

 

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