Drinnen + draußen

Da geht noch ’was

06.01.2019, Linna Schererz

Foto: Linna Schererz

Vor kurzem habe ich eine Frau kennengelernt, die mir von ihrer Reaktion auf einen schweren Schicksalsschlag vor einigen Jahren erzählte. Sie habe lange getrauert, sich dann aber gesagt: Das kann’s doch noch nicht gewesen sein. So machte sie mit Mitte 50 den Motorradführerschein, kaufte sich eine Vierzylinder-Maschine und fährt damit seitdem durch Deutschland und noch weiter. Sogar in Schottland und Marokko war sie schon mit dem Motorrad. Mal ist sie mit Freunden unterwegs, mal unternimmt sie auch weite Touren ganz allein. Nun ist sie Mitte 60, ihre Enkel bewundern sie. Sie sieht zufrieden und zehn Jahre jünger aus. „Du musst Dich nur aufraffen“, sagte sie mir. „Mach das, was Du immer schon mal tun wolltest! Und hab’ Spaß dabei.“

Einfach machen

Sie hat Recht. Das könnte ein schönes Motto für dieses neue Jahr sein – einfach mal das machen, wovon man schon immer träumte, es aber aus diesen oder jenen guten Gründen nie realisiert hat. Es muss ja nicht gleich das Herumdüsen mit vielen PS auf einer schnittigen Maschine sein (für mich als seinerzeit geplagte Sozia einer MZ ETZ 250 käme das sowieso niemals in Frage). Aber es gibt ja noch viele andere Möglichkeiten. Wie wäre es beispielsweise mit Tangotanzen? Im Sommer haben wir in der Strandbar Berlin am Monbijoupark beobachtet, wie auch bis dahin Ungeübte mit etwas professioneller Hilfe die ersten Schritte in diesem so ausdrucksvollen Paartanz setzten. Anfangs noch ziemlich ungelenk, dann immer selbstsicherer. Um schließlich das neugierige Publikum am Rande der Tanzfläche ganz zu vergessen und zweisam zur Musik dahinzugleiten.

Tanzen, Pilgern oder Sprachen lernen?

Vielleicht ist aber eher Töpfern etwas für Sie? Oder etwas Gewagteres wie Paragliding? Einen Tauchkurs machen, um künftig im Meer nicht nur zu schnorcheln, sondern richtig abzutauchen und mit Haien und Rochen schwimmen? Den Jakobsweg entlang pilgern? Es muss ja nicht gleich die ganze Strecke bis Santiago de Compostela sein, der fränkische Abschnitt von Rothenburg ob der Tauber bis nach Nürnberg dürfte es auch fürs erste tun. Oder sich mal zu einem Schweigeseminar zurückziehen, vielleicht in ein Kloster, um innere Einkehr zu halten? Ohne Radio und Fernsehen, keine Bücher, kein Internet, kein Telefon. Beginnen, eine Sprache zu lernen, die man schon immer beherrschen wollte? Ohne einen dringlichen Grund, nur so. Um natürlich später dann auch die Möglichkeit zu haben, die erworbenen Kenntnisse im Urlaub einzusetzen.

Man muss sich nur trauen

Ich will eigentlich schon seit Jahren zum Schweigeseminar, bin aber immer wieder zurückgeschreckt. Denn Stille kann ganz schön laut sein und zu Gedankenstürmen führen, die man nur schwer aushalten kann. Das hat mir ein Kollege erzählt, der einen diesbezüglichen klösterlichen Selbstversuch gemacht hat. Deshalb habe ich mich zunächst für Sprachen entschieden. Begonnen habe ich mit Italienisch (inzwischen mäßige Kenntnisse), dann Französisch dazu genommen (sehr bescheidene Kenntnisse). In einer Woche fängt mein Französischkurs in der Volkshochschule wieder an – ich freue mich darauf, obwohl mir diese Sprache nicht gerade besonders liegt. Aber ich habe gelesen, zu lernen, was einem schwer fällt, soll Alzheimer vorbeugen. Insofern ist mein VHS-Kurs auch ein wenig Prävention.
Und wer weiß, vielleicht überwinde ich mich dieses Jahr auch endlich einmal zum Klostergang. Eventuell treffen wir uns dort ja zum gemeinsamen Schweigen? Oder aber Sie machen etwas ganz anderes, nur zu ihrem ganz eigenen Vergnügen. Davon haben dann auch die Familie, Freunde und Kollegen etwas – mit Gutgelaunten lebt es sich angenehmer.
Und um mit der eingangs erwähnten Bekannten und ihrer Ansicht vom Leben zu sprechen: Da geht immer noch ‘was. Man muss sich nur trauen!

In diesem Sinne: Haben Sie ein tolles Jahr 2019!

 

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