Momentaufnahmen vom ersten Tag des Kontaktverbots

Die meisten sind diszipliniert

24.03.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf. Ausgerechnet am Montag, 23. März, dem ersten Tag des bundesweit geltenden Kontaktverbots wegen des Coronavirus (hier die Regeln für Berlin… ) haben wir einen bereits seit längerem vereinbarten Termin in unserer Autowerkstatt. Die Winterreifen müssen runter. Neue Sommerreifen, die die Werkstatt bereits für uns besorgt hat, sollen drauf. Wir überlegen kurz abzusagen, entscheiden uns dann aber dagegen. Denn die Firma braucht schließlich ihr Geld in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten und gefährlicher als der Lebensmitteleinkauf im Supermarkt ist der Besuch auch nicht. Erlaubt sowieso. Also hin zur Fiat-Niederlassung an der Rhinstraße in Lichtenberg. Dort ist der Verkauf geschlossen, der Service arbeitet weiter. Positiv: Überall wird auf den nötigen Abstand geachtet, sogar Hand-Desinfektionsmittel für die Mitarbeiter und die Kunden ist vorhanden. Obwohl Platz auf genügend weit auseinanderstehenden Stühlen ist, entscheiden wir uns dafür, die Wartezeit lieber im Freien zu verbringen. Wir sehen uns im Umkreis von etwa einem Kilometer um. Wie funktioniert das Leben mit den jetzt strengen Regeln, die Abstand zwischen den Menschen vorschreiben, keine Ansammlungen von mehr als zwei Personen (außer der Familie) zulassen und vieles andere mehr untersagen?

Uninformierte Kundin vor Ikea

Bei Ikea, wo sonst die Parkplätze voll sind, herrscht gähnende Leere auf den Stellflächen. Ebenso wie der nur wenige hundert Meter entfernte Höffner-Möbelmarkt ist die Filiale an der Landsberger Allee bereits seit dem 17. März geschlossen. Dennoch spricht uns eine Frau vor dem Eingang zum Schweden-Möbelhaus auf Englisch an. Ob wir ihr die Uhrzeit sagen könnten? Es ist  genau 10.10 Uhr. Da müsste das Geschäft doch längst aufhaben, sagt sie. Es seien wohl Ferien? Die Mittzwanzigerin, zu der wir geflissentlich Abstand halten, scheint noch nichts von der Pandemie mitgekriegt zu haben. Wir erklären ihr, dass alles heruntergefahren wurde, die meisten Geschäfte außer Lebensmittelläden und ein paar andere geschlossen haben. Aber warum, fragt sie. Das Coronavirus, erklären wir. Sie schaut zweifelnd, so als ob sie noch nie etwas davon gehört hätte. Wir gucken uns auch um, misstrauisch. Versteckte Kamera? Aber nein, ihre Fragen zeugen von ehrlichem Nichtwissen. Wie das sein kann, darüber rätseln wir noch lange. Die junge Frau geht zurück zur Straßenbahnhaltestelle. Die Bahn kommt, es sitzen nicht viele Menschen darin. Mit viel Abstand zu anderen Fahrgästen.

Blumen und Erde aus dem Bau- und Gartenmarkt

Vor dem Globus-Baumarkt zwischen Ikea und dem Höffner-Einrichtungshaus stehen etliche Autos. Allerdings ist auch dort bereits ein Gutteil der Parkplätze abgesperrt. Dennoch kommen immer wieder Menschen aus dem Geschäft, meist Paare. Viele haben Balkonpflanzen oder Erde gekauft. Manche gehen mit ihrem Einkauf zu Fuß in das gegenüberliegende Wohngebiet Weiße Taube an der Schalkauer Straße in Hohenschönhausen. Dort sind nicht viele Leute auf der Straße. Ein paar führen ihre Hunde spazieren. Man achtet darauf, sich nicht zu nahe zu kommen. Die Tiere aber dürfen auf einer kleinen Grünfläche miteinander spielen. An einer Wand hängt ein Zettel für den Quarantänefall. Hundebesitzer wollen sich dann gegenseitig helfen. Im Bäckergeschäft ist es ziemlich leer, nur nach und nach kommen Kunden. Dafür hält der DHL-Wagen immer wieder vor den Häusern. Denn viele bestellen jetzt lieber online. Die Belastung für die Paketboten dürfte die in der Weihnachtszeit inzwischen bald übersteigen.

Der Verkehr rollt – mit viel weniger Autos

Auf der Landsberger Allee und auf der Rhinstraße rollt der Verkehr. Allerdings sind sehr viel weniger Autos als sonst auf den Straßen, schätzungsweise höchstens ein Fünftel. Wir gehören jetzt auch wieder dazu, die Werkstatt hat schnell gearbeitet. Danke dafür! Nun brauchen wir noch Handcreme. Wer sich so viel wäscht wie derzeit geraten, muss die Hände schließlich immer wieder eincremen, damit sie nicht rau und rissig werden.

Statt Klopapier Bidet to go

Im dm-Markt an der Biesdorfer Oberfeldstraße werden wir fündig. Klopapier, Zellstofftaschentücher und Küchenrollen sind dort allerdings aus, so wie vielerorts. Dafür liegt eine innovative Erfindung im Regal: eine kleine, mobile Po-Dusche, quasi ein Bidet to go. 19,99 Euro kostet das Teil, laut der Werbung “bekannt aus der Gründershow ‘Die Höhle der Löwen’“. Eins ist noch zu haben. Wir verzichten. Denn einige Toilettenpapier-Rollen haben wir noch. Und irgendwann, so unsere Hoffnung, wird auch der letzte Hamsterkäufer genug gehabt haben und es wird wieder Normalität einziehen. Damit das bald geschieht, hat dm die Mengen, die abgegeben werden, jetzt begrenzt, kann man auf einem Aushang lesen. „Sofern vorhanden“ steht in Klammern. Auch nebenan bei Rewe sieht man ebenfalls einige leere Regale und Personal, das sich müht, diese aufzufüllen. Die Kunden halten Abstand, auf dem Boden sind Striche, die anzeigen, wie viel Raum man zwischen sich und dem Nächsten lassen soll. Einige bedanken sich bei den Kassiererinnen für ihre Arbeit – eine schöne Geste.

Keine Gruppenansammlungen gesehen

Wir haben frisches Brot und Getränke erstanden und kehren nach Hause zurück. Nun ist gleich der Hund mit der Gassi-Runde dran. Die drehen wir im Kienbergpark. Wir sind nicht allein – viele Menschen nutzen bei zwar niedrigem Temperaturen, aber strahlendem Sonnenschein die Möglichkeit für einen Spaziergang. Gruppenansammlungen haben wir keine gesehen. Selbst die Kids, die Musik aus einem Ghettoblaster hören und ihr Gesicht in die Sonne halten, sind nur zu zweit.

Kirschblüte hat begonnen

Am Nachmittag geht es in die „Gärten der Welt“ nach Marzahn. Auch dort gehen Menschen spazieren, allerdings weniger als im Kienbergpark. Denn die internationalen Gärten sind kostenpflichtig. Vor allem Dauerkarten-Besitzer kommen. Viele Paare und Familien mit kleineren Kindern sind darunter, junge Mütter schieben Kinderwagen. Manche Menschen wandeln auch allein durch das Gelände, in dem bereits die Zierkirschen blühen. Gut, dass es die Möglichkeit noch gibt, frische Luft zu tanken. Und die Seele an der Schönheit der Blüten zu erfreuen.

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