Büchlein mit Aha-Effekten

19.06.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Wussten Sie, dass eine der allerersten praktischen Anlagen zur Windkrafterzeugung aus Marzahn kam und dort bereits 1920 „grünen Strom“ lieferte? Solche und andere, vielfach unbekannte Fakten über Erfindungen, Tüftler und andere Kreative sind nachzulesen im gerade erschienenen Band „erdacht & gemacht in Marzahn-Hellersdorf“. Herausgegeben wurde die 136 Seiten starke Broschüre, die mit zahlreichen historischen Fotos versehen ist, von der Wirtschaftsförderung des Bezirksamts. Initiator und Autor der meisten Kapitel ist Dr. Oleg Peters, der Leiter des bezirklichen Standortmarketings.

Spannende Spurensuche

Das Heft präsentiert die Historie von Berlins jüngstem Bezirk auf bisher unbekannte Weise. „Kommen Sie mit auf eine span­nende Spurensuche: von den ehe­maligen Gütern Marzahn, Kauls­dorf und Biesdorf über den Gewer­bepark „Georg Knorr“, den Kran­kenhauspark „Wuhlgarten“ mit den backsteiner­nen Klinikbauten bis zum Schloss Biesdorf!“, lädt Nadja Zivkovic (CDU), Stadträtin für Wirtschaft, Straßen und Grünflächen, die Leser ein.

Nach Marzahner Prinzip Nordseeinsel mit Windstrom versorgt

Es gibt zahlreiche Aha-Effekte. Wie bei der eingangs genannten Windkraft. Die meisten Menschen, die die Landsberger Allee befahren, kennen zwar die heutige Bockwindmühle auf dem Mühlenberg. Die wenigsten aber wissen um die lange Tradition Marzahner Mühlengeschichte. Bereits im 19. Jahrhundert entstand im heutigen Angerpark die erste Marzahner Mühle. Im Jahr 1908 baute dann Max Georg Triller auf einer Fläche, die zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Jugendclub Treibhaus liegt, eine neue Mühle. Diese ergänzte er 1912 durch eine Windkraftanlage. Sein Sohn Richard rüstete die Windkraftanlage mit einem Generator und einer Batterie aus und erzeugte so elektrischen Strom. 1938 errichtete er ein zweites Windkraftwerk zur Stromerzeugung direkt an der Mühle. Seine Windkraftanlagen in Marzahn sollten nicht die einzigen bleiben. Noch während des Zweiten Weltkriegs wurden solche Anlagen sogar in der Sahara errichtet. 1943 kam in Berlin eine 18 kW Drehstromanlage mit einem 26 Meter hohen Gittermast und Drehflügelkreuz dazu. Diese speiste Strom in das öffentliche Netz ein und versorgte nach Kriegsende auch die sowjetische Kommendantur. 1946 erhielt die Nordseeinsel Neuwerk eine auf Trillers Erfindung beruhende Stromversorgung mittels Windkraft bis sie durch ein unterseeisches Kabel an das allgemeine Stromnetz angeschlossen wurde. Die Trillersche Mühle in Marzahn wurde 1978 beim Bau der Großsiedlung Marzahn abgerissen. Ihr 2006 wiederentdeckter Fundamentsockel steht heute auf dem Mühlenberg, direkt neben einer Replik des Hauptmahlwerks der zweiten Mühle.

“Wodkakönig” und “Sandmännchen-Vater “

So wie Richard Triller, der Pionier der Windkraft, werden weitere zehn historische Persönlichkeiten im Porträt vorgestellt – vom Erfinder des Rübenzuckers, Franz Carl Achard, über den „Wodkakönig“ Sergej Schilkin und den “Sandmännchen-Vater“ Gerhardt Behrendt bis hin zum genialen Designer Erich John, der u.a. die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz ersann. John, Jahrgang 1932, ist der einzige der Porträtierten, der heute noch lebt. Er wohnt in Biesdorf.

Biesdorf als innovativer Ort vor den Toren Berlins

Der zweite Teil des Buches ist „Biesdorf als innovativen Ort vor den Toren der Stadt Berlin“ gewidmet. Es dreht sich darin vieles um das Schloss und das Gut, die 1887 von Werner von Siemens übernommen wurden. Allerdings bezog dieser die spätklassizistische Turmvilla nie selbst, sondern sein Sohn Wilhelm richtete sich mit Ehefrau und Kindern dort ein. 1928 verkaufte die Familie Siemens Gut und Schloss an die Stadt Berlin.

Das kreative Netzwerk des Schlossherren Wilhelm von Siemens

Im Schloss empfingen die Siemens immer viele, auch sehr berühmte Gäste. Denn der Großindustrielle hatte ein kreatives Netzwerk. Besucher kamen zum Jour fixe und zu Jagdgesellschaften. Dabei gab es auch Gelegenheiten, Forschungen, Entwicklungen und Geschäfte zu besprechen. Mit einer Legende räumt Autor Peters allerdings auf: Dass Wilhelm von Siemens in seinem Schlosspark auf der Lindenallee, der heutigen Albert-Brodersen-Allee, die ersten Versuche mit der elektrischen Straßenbahn durchgeführt hatte. Oder gar in Vorbereitung des Berliner U-Bahnbaus elektrische Fahrzeuge testete. Das gehöre ins Reich der Märchen. Denn erfolgreiche Tests führten bereits 1881 zur Eröffnung der ersten elektrischen Straßenbahnlinie der Welt vom Bahnhof Lichterfelde Ost zur Preußischen Kadettenanstalt in Groß Lichterfelde. Da war die Familie Siemens noch längst nicht Eigentümer von Rittergut, Schloss und Park Biesdorf.

Drahtlose Telegrafie und riesige Luftschiffe

Dass es Versuche mit drahtloser Telegrafie vom Schlossturm gab, stimmt dagegen. Ein konkreter Hinweis darauf befindet sich in den Aufzeichnungen des Biesdorfer Dorfschullehrers Johannes Lehmann aus dem Jahr 1914. Und auch, dass in Biesdorf riesige Luftschiffe gebaut wurden, entspricht der Wahrheit. Siemens-Ingenieure entwickelten Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur einen speziellen Luftschifftyp, es wurde auch eine gigantische drehbare Luftschiffhalle auf dem Gutsgelände errichtet. Nach einem Unglück wurde 1912 der Luftschiffbau eingestellt, die Halle danach abgerissen. Für kurze Zeit aber war Biesdorf neben Friedrichshafen am Bodensee eines der bedeutendsten Zentren der internationalen Luftschifffahrt.

Fotsetzung folgt

Der Titel “erdacht & gemacht in Marzahn-Hellersdorf” geht übrigens auf eine gleichnamige, von der Agrarbörse Deutschland Ost e.V. erarbeitete und von der Wirtschaftsför­derung des Bezirks begleitete Projektausstellung von 2009 zurück. Im zweiten, für 2021 geplanten Heft soll dokumentiert werden, wie das Miteinander von Damals im Heute seine Fortsetzung findet.

„erdacht & gemacht in Marzahn-Hellersdorf“, 136 Seiten, erschienen in der aperçu Verlagsgesellschaft mbH, ISBN: 978-3-9821980-0-2; Auflage: 2.000 Exemplare.
Die Publikation ist gegen eine Schutzgebühr von 8 Euro in folgenden Einrichtungen erhältlich: Thalia, Eastgate Berlin, Marzahner Promenade 1a; Kaulsdorfer Buchhandlung, Heinrich-Grüber-Str. 9; Buchhandlung Petras, Fritz-Reuter-Straße 12;
Biesdorfer Papeterie, Oberfeldstraße 179; Tourismusinformation Marzahn-Hellersdorf, Hellersdorfer Str. 159; Bezirksmuseum Marzahn Hellersdorf, Alt-Marzahn 51; Onlineshop der aperçu Verlagsgesellschaft mbH: www.berlin-broschueren.de

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