Blühende Wiesen statt Golfrasen

23.07.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding (1), Volkmar Eltzel (2,4), Steffi Bey (3). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Damit sich Insekten wohlfühlen, schränkt der Bezirk die Pflege seiner Grünflächen ein. Dort soll künftig nur noch zweimal im Jahr gemäht werden. Knöchelhoch, an einigen Stellen sogar bis zu den Knien, stehen die Gräser und Wildkräuter rund um den Gehrensee im Norden des Bezirks. Es ist schon eine Weil her, dass die Wiesen rund um das kleine Gewässer im Ortsteil Falkenberg gemäht wurden. Das hat allerdings nichts mit Nachlässigkeit oder Überlastung der Mitarbeiter im Straßen- und Grünflächenamt zu tun. Vielmehr handelt es sich um einen aktiven Beitrag des Bezirksamtes für mehr Artenvielfalt. Denn die blühenden Wiesen sind wichtige Lebensräume für Insekten. Und die benötigen dringend Orte wie den Gehrenseepark, um Nahrung zu finden.

Bienen, Hummeln und Schmetterlinge brauchen Blüten

„Insektenfreundliche Grünanlagenpflege“ nennt der zuständige Umweltstadtrat Wilfried Nünthel (CDU) dieses Konzept, das bislang an 13 grünen Orten von Lichtenberg praktiziert wird. Dazu gehören die Binnendüne nahe der Trabrennbahn Karlshorst, der hohe Wallgraben am Rummelsburger See, der Wall in der Fischerstraße, Flächen entlang des Kraatz-Tränke-Grabens, das Landschaftsschutzgebiet Herzberge, die Friedhöfe in der Gotlindestraße und in der Rudolf-Reusch-Straße, Teile des Landschaftsparks Wartenberg und Falkenberg, der bereits erwähnte Gehrenseepark, die Krugwiesen sowie der Wustrower Park. Weitere Flächen werden derzeit überprüft.

Mäh-Frequenz wird reduziert

Konkret bedeutet dies, dass dort weitaus weniger gemäht wird als in den vergangenen Jahren. Rückten die Mitarbeiter des Straßen- und Grünflächenamtes dorthin bislang an die fünfmal im Jahr aus, sollen sich deren Einsätze nun auf allenfalls zwei Durchgänge beschränken. In der übrigen Zeit sollen die Pflanzen wachsen dürfen. „Wichtig ist, dass sie zum Blühen kommen“, sagt Diplom-Biologin Beate Kitzmann, Geschäftsführerin des Vereins „Naturschutz Berlin-Malchow“. Sie begleitet das Projekt des Bezirksamtes, gibt Empfehlungen.

Geringe Insektenanzahl ist Auslöser weiterer Probleme

Seit mehr als einem Jahr überlegt sie mit dem zuständigen Bezirksstadtrat, wie die Grünflächen im Bezirk insektenfreundlicher werden können. Denn die Expertin beobachtet, dass die Zahl der Käfer, Bienen und Wespen rapide abgenommen hat. Doch genau das ist der Auslöser für weitere Probleme: Insekten sind für viele andere Tiere, darunter unsere heimischen Vögel, eine wichtige Nahrungsgrundlage. Fehlt diese, sind auch Wildtiere in Gefahr. Im vergangenen Jahr schlugen Nünthel und Kitzmann daher Alarm: Wenn das so weiter geht, haben die einzigen Berliner Störche, die in Malchow und Falkenberg leben, bald nichts mehr im Schnabel.

Und so sollen nun Diesteln, Brennnesseln, allerlei Wildkräuter und Blumen in Ruhe wachsen dürfen. Extra Flächen mit Wildblumen anzulegen, lehnt der Bezirk jedoch ab. Dafür fehlt es an Personal und an der geeigneten Technik. Nünthel und Kitzmann hoffen auf Verständnis von den Lichtenbergern, was die „insektenfreundliche Grünanlagenpflege“ betrifft. „Die Umwelt braucht den Menschen nicht, wir aber die Umwelt“, sagt Nünthel.


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