Eine Ausstellung schließt, eine neue wird aufgebaut – zunächst

Bleibt die urbane Kultur-Station?

06.10.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Noch am heutigen Sonnabend, 6. Oktober, ist von 15 bis 20 Uhr die großräumige Collage „Neues Deutschland“ von Sven Johne (1976 geboren in Bergen/Rügen) in der station urbaner Kulturen der nGbK (Neue Gesellschaft für bildende Kunst) am Boulevard Kastanienallee, Auerbacher Ring 1, zu sehen. Der Titel ist mehrdeutig: Handelt es sich doch zum einen um Ausschnitte aus dem damaligen SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ vom Ende der 1980er-Jahre, die Kritik an der Wohnungswirtschaft der damaligen BRD äußern, hat zum anderen das Problem im neuen, wiedervereinigten Deutschland inzwischen eine noch größere Relevanz bekommen. Denn Wohnen zu verträglichen Mietpreisen ist ein Problem geworden, das die Menschen zwischen Nord und Süd, Ost und West massenweise beschäftigt.

Ganz eigene Sichten

Johne, der zumeist mit Wort und Bild arbeitet, nennt seine Kunst „fiktiven Realismus“. Zu verschiedenen Themen entwickelt er ganz eigene Sichten – mit meist ruhigen Bildern oder Collagen und einer lakonischen Sprache. So war er lange vor dem Beginn der sogenannten Flüchtlingswelle auf der italienischen Insel Lampedusa und sah einerseits eine Ferieninsel für Leute aus dem reichen italienischen Norden und Frankreich, andererseits das Leid der schon damals mit abenteuerlichen Booten Gestrandeten und die Hilfsbereitschaft der Insulaner. Es sind keine journalistischen Arbeiten, die Johne kreiert, obwohl Tatsachen stets Ausgangspunkte seiner umfangreichen Recherchen sind. Es ist das Hintergründige, das zum Nachdenken anregt wie die Serie Lampedusa Hotels (Buch 2012), die die Luxusherbergen der Insel zeigt – den Rest erledigt unser Gehirn.

Ostdeutschland im Fokus

Sven Johne, der zwei Jahre Journalistik in Leipzig studierte und dann zur Fotografie (Hochschule für Grafik und Buchkunst) wechselte, beschäftigt sich häufig mit seiner ostdeutschen Heimat – auf ganz besondere Weise. So ging er der Geschichte der Greifswalder Oie (Insel Winter) nach, war auf den Spuren des Wolfs in der Lausitz und besuchte Orte seiner Kindheit, ostdeutsche Landschaften. Er kam Reichsbürgern auf die Spur, als diese in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt waren, und einem selbst ernannten Schachgenie, das nur fiktive Matchs ausgetragen hatte und dennoch von der Ostsee-Zeitung zum Sportler des Jahres gewählt wurde. Johne beleuchtete, was aus der Stadt Vinh in Vietnam wurde, die durch die DDR nach dem Vietnamkrieg wieder aufgebaut wurde. Seine Fotos zeigen von üppigem Grün überwucherte Plattenbauten, in denen noch heute Menschen leben und sich ihren eigenen Mikrokosmos in der „Platte“ geschaffen haben. „Sie haben sich eingerichtet. Natürlich würden viele lieber anders wohnen, wenn sie die finanziellen Möglichkeiten dazu hätten“, sagte er in einem Künstlergespräch in der Kultur-Station am Donnerstagabend, 4. Oktober.

„Schöne sonnige Neubauwohnungen“

Dem Thema Wohnen gewidmet war auch Johnes Großplakatserie, die bis zum 4. Oktober zehn Tage lang im U-Bahnhof Alexanderplatz hing: „Schöne sonnige Neubauwohnungen“ . Dafür wurden aus dem Bestand des Bundesarchivs sowie den Archiven der Zeitungen Neues Deutschland und Berliner Zeitung Pressefotos ausgewählt, die aus der Entstehungszeit der Großsiedlung Hellersdorf datieren. Sie wurden ohne Beschnitt und mit Originaltitel sowie der Originalbildunterschrift reproduziert – und führen trotz Wissen um die damalige agitatorische Funktion der Bilder einen Paradigmenwechsel vor Augen: Aus dem damaligen sozialen Wohnungsbau wurde ein lohnendes Geschäft.

60-jährige Tradition

Die Plakate der nGbK auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz haben eine 60-jährige Tradition. 1958 begann diese in der DDR mit dem Aufruf „Plakate für den Frieden“. Bis 2007 (damals verkaufte die BVG die Wände an eine professionelle Werbefirma), war Kunst der nGbK, die seinerzeit NGBK hieß, auf dem Bahnsteig zu sehen. Als „Kunst im Untergrund“. Bei der diesjährigen Ausstellung musste die Gesellschaft genauso viel Geld wie große Firmen für die Werbeflächen zahlen, erzählt Adam Page, der gemeinsam mit Eva Hertzsch die Außenstelle der nGbK in Hellersdorf betreibt. Sven Johne war mit anderen Künstlern (u.a. Mio Okido) als Gewinner des diesjährigen Kunstwettbewerbs „Plakat politisch machen“ hervorgegangen. Die künstlerischen Arbeiten thematisierten unter dem Motto „Recht auf Stadt“ das Verhältnis von Stadtpolitik und Teilhabe der Bewohner.

Nächste Ausstellung am 13. Oktober

Nach dem Abbau der Installation in der station urbaner kulturen wird dort bereits die nächste Ausstellung vorbereitet, die am 13. Oktober, um 15 Uhr mit einer Diskussion unter dem Titel „Neues Hellersdorf“ zu Großsiedlungen im Rahmen des Festivals Urbanize!2018 ein Pre-Opening hat und um 18.30 Uhr offiziell eröffnet wird. Bis zum 17. November werden Bildsammlungen französischer Stadtrand-Großsiedlungen des Soziologen Renaud Espstein und künstlerische Arbeiten des 2006 gegründeten Vereins Stadtteilforums IDEE 01239 der Großsiedlung Dresden-Prohlis gezeigt, die unter künstlerischer Leitung von Eva Hertsch und Adam Page entstanden.

Angekündigt sind in dem früheren Ladengeschäft auf dem Boulevard Kastanienallee zudem spannende Diskurstage: Das Plakat politisch machen 2: mit mark, Stephan Kurr und Felix Pestermer & GloReiche, Bahnsteig der U5 am Bahnhof Alexanderplatz, 16. November, 18 Uhr, um 19.30 Uhr Gesprächsrunde in der station urbaner kulturen. Das Plakat politisch machen 3: mit Lars Preisser und Katharina Sieverding am Bahnsteig U 5, 29. November, 19 Uhr, um 20 Uhr in der station urbaner kulturen.

Zukunft unklar

Wie es danach mit dem Kunstraum am Boulevard weitergeht, ist noch ungewiss. Denn bislang fehlen die Mittel für die Aufrechterhaltung des Angebots. Laut Adam Page hat die Lottostiftung jetzt einen Antrag der nGbK zur Finanzierung der seit fünf Jahren bestehenden Hellersdorfer Außenstelle abgelehnt. Aus eigenen Mitteln kann der Kunstverein diese nicht betreiben. Allein für die Miete der Räume am Boulevard werden monatlich 650 Euro benötigt, hinzu kommen Projekt- und Ausstellungskosten. „Es wäre schade, wenn wir unser Engagement hier beenden müssten“, sagt Page. Denn Kunst und Kunstvermittlung dürfe nicht allein auf die Stadtmitte beschränkt werden, auch der Stadtrand gehöre zum Leben in Berlin.

Hier Informationen über Sven Johne, die nGbK und die Hellersdorfer Initiative urbane kulturen.

 

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