„Gedenkstätte Zwangslager Berlin Marzahn e.V.“ mit Geschäftsstelle

Bildungsarbeit gegen das Vergessen

10.03.2020, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Marzahn. Der Verein „Gedenkstätte Zwangslager Berlin Marzahn e.V.“, der seit 2017 die Arbeit des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma unterstützt, hat am Montag, 9. März, im Don-Bosco-Zentrum in der Otto-Rosenberg-Straße seine Geschäftsstelle eröffnet. Ein Büro und eine Bibliothek werden aufgebaut, Ausstellungen, Vorträge und Seminare sollen künftig ausführlich über den historischen Ort informieren und Bildungsarbeit leisten.

Zwangslager von 1936 bis 1943

Am nördlichen Rand des Parkfriedhofes von Marzahn war im Juni 1936 das Zwangslager für Sinti und Roma eingerichtet worden. Gemäß dem nationalsozialistischen Rassenwahn sollte die Reichshauptstadt Berlin bis zu den Olympischen Spielen 1936 „zigeunerfrei“ werden. Daher ließen die Nationalsozialisten einen sogenannten „Rastplatz“ einrichten. Hunderte Berliner Sinti und Roma wurden in diesem Lager zusammengetrieben und eingepfercht. Zu Anfang waren es 600. Zwischen 1936 und 1943 sollten es mehr als 1.200 Menschen werden, die dort interniert waren. Sie lebten unter katastrophalen hygienischen und medizinischen Bedingungen und wurden zur Arbeit in umliegenden Betrieben gezwungen. Unter anderem mussten sie in der Rüstungsproduktion und der Landwirtschaft schuften.

Ab Anfang März 1943 wurden fast alle im Zwangslager Marzahn Internierten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Gedenken an die Opfer

Der Verein „Gedenkstätte Zwangslager Berlin Marzahn e.V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die Opfer des Lagers Marzahn zu erinnern, die Verfolgungsgeschichte der Berliner Sinti und Roma zu erforschen, wissenschaftlich aufzuarbeiten und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma Petra Rosenberg erinnerte daran, dass es unter den Sinti und Roma keine Familie gibt, die nicht Opfer während des Nationalsozialismus zu beklagen hat. „An diesem Ort in Marzahn ist viel Leid geschehen“, sagte Rosenberg. Das Zwangslager sei ein erstes Zeichen für das unmenschliche Regime des Nationalsozialismus gewesen. „Heute setzen wir ein Zeichen gegen das Vergessen! Wir gedenken der Männer und Frauen, die von Marzahn aus in die Vernichtungslager gebracht wurden.“

Zeichen setzen gegen Vorurteile und Hass

Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), erinnerte daran, dass auch die Familie von Petra Rosenberg in dieses Zwangslager verbracht wurde. „Für Menschen aus allen Teilen Deutschlands begann in Marzahn ihr Leidensweg in die Vernichtungslager. Nur wenige haben das überlebt.“ (LiMa+ berichtete) Zu den Überlebenden gehörte auch Otto Rosenberg, der als kleines Kind deportiert worden war. Als 21 Jähriger kehrte er an den Ort des Schreckens zurück. „Sein ganzes Leben hat er sich dafür eingesetzt, dass die Orte des Verbrechens auch für folgende Generationen erkennbar bleiben“, sagte Michael Müller.

Auch heute noch, 75 Jahre nach der Befreiung würden Sinti und Roma verfolgt. „Rassismus hat viele Gesichter“, betonte der Regierende. Rassismus zeige sich in der Freizeit, im Internet, am Arbeitsplatz und in der Politik. „Dagegen müssen wir vorgehen und Zeichen setzen gegen Vorurteile und Hass.“

Schicksale müssen erforscht werden

Die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Insa Eschebach erinnerte daran, dass viele Schicksale bis heute nicht geklärt sind. „Es muss dringend erforscht werden, wer die Menschen waren, die nach Marzahn und anschließend in die Vernichtungslager gebracht worden sind“, forderte sie. Die historische Forschung habe sich bis heute zu wenig mit dieser Gruppe der Sinti und Roma befasst.

Marzahn-Hellersdorfs Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Die Linke) sicherte dem Landesverband weitere Unterstützung zu. Die Bedeutung solcher Gedenkstätten könne man nicht hoch genug einschätzen, sagte sie. Besonders dankte die Bürgermeisterin dem Don-Bosco-Zentrum, das seine Türen für die Gedenkstätte weit geöffnet habe.


Seit 1990 laden der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V. und das Ökumenische Forum Berlin-Marzahn e.V. jedes Jahr im Juni zu einer Gedenkveranstaltung am Ort des einstigen NS-Zwangslagers ein.

2007 wurden ein Platz und eine Straße auf dem Gelände nach Otto Rosenberg benannt. Platz und Straße befinden sich in unmittelbarer Nähe zum S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße, nördlich des Parkfriedhofs Marzahn.

Am 16. Dezember 2011 wurden auf dem ehemaligen Lagergelände – das durch Nachnutzungen als solches nicht mehr erkennbar war – zehn Informations- und Erinnerungstafeln eingeweiht. Sie waren als ein erstes Zeichen auf Initiative des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e. V. mit Unterstützung des Berliner Senats sowie des Bezirks Marzahn-Hellersdorf errichtet worden. Die Biografien der Opfer stehen im Mittelpunkt der Ausstellung.

Im Juni 2020 ist eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus geplant.

Weitere Informationen: www.gedenkstaette-zwangslager-marzahn.de


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