Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg mit unterschiedlicher Praxis

Wie wichtig sind Bezirksmuseen?

25.02.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Wer sich im 40. Gründungsjahr von Marzahn(-Hellersdorf) über die Bezirksgeschichte informieren will, kann das im Bezirksmuseum tun. Denn da gibt es eine durchaus sehenswerte Dauerausstellung zur Historie der Region. Doch ein Besuch dort ist derzeit ziemlich theoretischer Natur. Zumindest darf man keinen spontanen Einfall für die Visite haben. Denn das Haus 2 des Museums im alten Dorf Marzahn, wo die Dauerausstellung sowie derzeit auch die Sonderausstellung „Johanna Jura. Bronze und Keramik“ präsentiert werden, ist aktuell „aus personellen Gründen“ geschlossen, wie das Bezirksamt kürzlich mitteilte. Gruppenführungen würden auf Anfrage gewährleistet.

Schon seit 2018 am Wochenende geschlossen

Bereits im vergangenen Jahr waren im Museum, das aus dem früheren Schulhaus von Marzahn (Haus 1) und der ehemaligen Heinz-Lüdecke-Bibliothek (Haus 2) besteht, die Sonntagsöffnungszeiten entfallen. Begründung: Personalmangel. Weil samstags sowieso regulär dicht war, haben Besucher seitdem an den Wochenenden keine Möglichkeit mehr, die Ausstellung zu besuchen. Unter der Woche öffnet das Museum von 11 bis 17 Uhr, jetzt allerdings nur Haus 1.

Kritik vom Heimatverein

Wolfgang Brauer, der Vorsitzende des rührigen Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf, bezeichnet es als „eine Schande“, wie mit dem Museum umgegangen wird. „Wir berauschen uns an Jubiläen, aber der Ort, wo Auseinandersetzung mit Geschichte stattfindet, ist geschlossen“, kritisiert er das Bezirksamt. Lediglich eineinhalb Stellen gebe es für das Museum, die Aufsichten würden durch Menschen mit 1,50-Euro-Jobs sichergestellt. Ausdrücklich lobte Brauer jedoch Museumsleiterin Dorothee Ifland und ihre Mitarbeiterin Iris Krömling, die „eine extrem engagierte Arbeit unter widrigen Bedingungen“ leisteten.

Brauer: “Nicht mehr hinnehmbar”

Laut Brauer ist das Marzahn-Hellersdorfer Museum das einzige Bezirksmuseum in Berlin, das weder eine Sammlungs-, noch eine Archivleitung hat. „Die Folge: Die Bestände quellen über und können nicht bearbeitet werden.“ Pikant zudem ist, dass für Haus 2 nach einer Übereinkunft mit dem Eigentümer eine höhere Pacht als vorher gezahlt werden muss. Dem Bezirk war es durch Versäumnisse in der Vergangenheit nicht gelungen, das bis 2014 vom Bezirk teuer sanierte Haus vom Verpächter zu erwerben. Nun wird also Geld für eine geschlossene Einrichtung gezahlt. Brauer sagt: „Das alles ist ein Unding und so nicht mehr hinnehmbar.“

Stadträtin will für mehr Personal kämpfen

Bereits im vergangenen Jahr, als der Heimatverein den Wegfall der Sonntagsöffnung kritisiert hatte, beteuerte die zuständige Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke), man arbeite intensiv an einer Lösung. Witt sagt jetzt, sie bedauere die Schließung von Haus 2 sehr. Das habe daran gelegen, dass keine Kräfte für die Aufsicht vom Jobcenter zugewiesen wurden. Nun gebe es wieder eine solche Arbeitsmaßnahme durch den Träger Agrarbörse, die Schließung des Hauses könne somit in Kürze aufgehoben werden. Allerdings heiße das nicht, dass auch sonntags wieder geöffnet werden kann. Denn das durch das Jobcenter zugewiesene Personal darf an Wochenenden nicht arbeiten. Witt erklärt, dass sich ihr Bereich seit langem für eine Aufstockung des Personals in den Kultureinrichtungen des Bezirks bemühe. Gegenwärtig gibt es dort jeweils nur eine bzw. beim Museum eineinhalb Stellen. „Wir sind bei den Haushaltverhandlungen immer gescheitert“, sagt die Stadträtin. Denn als sogenannter Konsolidierungsbezirk muss Marzahn-Hellersdorf immer noch sparen und Schulden abbauen. Von einst 45 Millionen Euro ist immer noch ein Minus von 500.000 Euro übrig. „Fachlich geboten ist aus meiner Sicht: ein Haus gleich zwei Mitarbeiter“, sagt Witt, die weiter für mehr Personal kämpfen will. Zur Erhöhung der Pacht sagt sie, man sei von einem „sehr niedrigen Level“ gestartet. Jetzt würden nach einem bis 2023 geschlossenen Vertrag marktübliche Preise gezahlt.

Lichtenberg stockte Museumspersonal auf

Wie museale Arbeit anders geht, zeigt der Nachbarbezirk Lichtenberg. Dieser ist nicht nur schuldenfrei, sondern hatte in den letzten Jahren Überschüsse erwirtschaftet. Auch dort war das Museum ursprünglich mit zwei Stellen personell mager ausgestattet. Im vergangenen Jahr wurden jedoch laut Bürgermeister Michael Grunst (Linke), der auch für Kultur zuständig ist, drei neue Mitarbeiter eingestellt. Insgesamt gibt es dort nun vier Stellen, darunter für die Archivleitung und die Technik. Laut Museumsleiter Dr. Thomas Thiele werden die Öffnungszeiten durch den Museumsverein in Zusammenarbeit mit einem freien Träger abgesichert. Insgesamt sechs Männer und Frauen erledigen Aufsichten und einige technische Arbeiten im Rahmen eines 1,50-Euro-Jobs.

Bürgermeister Grunst: “Gedächtnis einer ganzen Region”

Bürgermeister Grunst schätzt das Museum im alten Stadthaus an der Türrschmidtstraße 24: „Das Museum ist das Gedächtnis einer ganzen Region von Malchow bis Karlshorst“, sagt er.„Die Ausstellung und die Forschungsarbeiten sind elementarer Bestandteil unserer Erinnerungskultur.“ Und weil dem Bezirk Lichtenberg sein Museum etwas wert ist, wird es jetzt fit für die Zukunft gemacht. Rund 243.000 Euro wurden in den Haushalt 2018/19 eingestellt, um die Einrichtung zu einem „Zentrum für Geschichte, Begegnung und Kultur“ zu entwickeln. Dabei wird auch die museale Darstellung erneuert, u.a. mit elektronischen Medien. Bereits bei der gut besuchten Sonderausstellung zu Sinti und Roma in Lichtenberg wurde mit Tablets und Audio-Guides gearbeitet, was gut ankam.

Gestiegene Besucherzahlen

Im letzten Halbjahr zählte das Museum Lichtenberg rund 5.000 Gäste. Auch der Sonntag ist ein beliebter Besuchertag: „Da kommen im Durchschnitt um die 60 Menschen“, sagt Dr. Thiele. Mehr als an jedem Wochentag. Die neue Dauerausstellung, an deren Inhalten bereits kräftig gearbeitet wird, soll im Jahr 2020 eröffnet werden. Dabei werden auch für Kinder spezielle Angebote entstehen.

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