Naturschützer und Verwaltung alarmiert:

Berlins Störchen geht das Futter aus

19.06.2018, Marcel Gäding

Fotos: Naturschutz Malchow (4), Marcel Gäding (2)

Malchow/ Lichtenberg. Den Störchen von Malchow geht das Futter aus. Grund ist ein dramatischer Rückgang an Insekten. Naturschützer und Bezirksamt haben die Ursache bereits erkannt: Monokulturen und Wohnungsbau, dem Wiesen und Felder zum Opfer fallen.

Mit Sorge blickt Beate Kitzmann auf die beiden Storchennester der Naturschutzstation in Malchow. Auch dieses Jahr bleibt das große Klappern in den Horsten aus. „Zum zweiten Mal in Folge gibt es keinen Nachwuchs“, sagt die Diplom-Biologin. Dabei war Malchow einst das Berliner Storchendorf, das Besucher aus der ganzen Stadt anzog. In guten Jahren nisteten je zwei Storchenpaare – mit Erfolg: Jedes Paar brachte drei bis vier Jungstörche zur Welt. Doch das ist nun offenbar Geschichte. „Dieses Jahr sind bei uns zwei vagabundierende Störche gelandet, die vermutlich noch nicht geschlechtsreif sind“, sagt Beate Kitzmann. Das allein wäre eine zu verschmerzende Begründung. Allerdings erhärtet sich der Verdacht, dass der nördliche Stadtteil von Lichtenberg nicht mehr genug Nahrung liefert. Und das hat verheerende Folgen: Werden Störche nicht mehr fündig, suchen sie das Weite. „Es ist zu befürchten, dass die Storchennester künftig ganz leer bleiben.“

Ein eigenes Fest für Störche

Beate Kitzmann ist eine ausgewiesene Storchenexpertin. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Naturschutz Berlin Malchow e.V. Der betreibt am Stadtrand einen Naturhof mit Café und Süßwasseraquarium, bietet Umweltbildung an, organisiert Führungen und Seminare. Die heimlichen Stars waren über all die Jahre die Störche, für die man sogar einmal im Jahr ein eigenes Fest ausrichtet.

Das Problem der Störche: Ihr Aktionsradius wird immer kleiner. Erst verschwanden weite Wiesen und Felder, weil in der Nähe das Autobahndreieck Barnim ausgebaut wurde. Nun stehen in der Nachbarschaft weitere Flächen zur Disposition. Geplant ist der Bau mehrerer Tausend Wohnungen im sogenannten Blankenburger Süden. Dagegen wehren sich nicht nur Nachbarn und Kleingärtner. Auch die Malchower Naturschützer melden Protest an. Immerhin ist das bislang teils unbebaute Areal wichtiger Nahrungslieferant für Insekten. Diese wiederum stehen bei den Störchen ganz oben auf dem Speiseplan. „Es ist ein Irrtum, dass sich Störche nur von Fröschen ernähren“, sagt Beate Kitzmann. In erster Linie vertilgen die langbeinigen Vögel bis zu 360 Gramm Insekten, ein Jungtier sogar bis zu 527 Gramm. Rechnet man das auf ein Brutpaar mit zwei Jungen hoch, kommt man für die Zeit der Aufzucht auf gut 200 Kilogramm Larven, Heuschrecken und Wespen. Die Angst ist groß, dass wegen des starken Rückgangs an Insekten das Futter für die Berliner Störche nicht mehr ausreicht.

Zahl der Insekten sinkt dramatisch

„In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Insekten weltweit um 75 Prozent abgenommen“, mahnt die Leiterin des Lichtenberger Umweltbüros, Doreen Hantuschke. „Wer abends mal aufmerksam durch die Stadt geht, sieht an den Straßenlaternen kaum noch Insektenschwärme“, ergänzt Lichtenbergs Umweltstadtrat Wilfried Nünthel. Längst hat die Verwaltung die erschreckende Entwicklung registriert. „Die wachsende Stadt hat Risiken und Nebenwirkungen für die heimische Tier- und Pflanzenwelt“, sagt Nünthel. Darauf reagiere das biologische System.

Unterm Strich sind nicht nur die Störche in ihrer Existenz bedroht. Beate Kitzmann sorgt sich auch im heimische Vögel wie den Haussperling oder die Amsel. Auch für sie wird die Nahrungssuche zunehmend schwieriger. Dabei könne man allein auf den bezirkseigenen Flächen wie Parks und Grünanlagen schon viel unternehmen, um Insekten und Vögeln das Leben zu erleichtern. „Ein Blick in den Park neben dem Rathaus Lichtenberg genügt, um festzustellen, dass dort viele nicht heimische Pflanzen wachsen“, sagt Beate Kitzmann. Diese seien für die Insekten keine Nahrungsgrundlage.

Mehr heimische Gewächse in Parks

Als zuständiger Bezirksstadtrat will Wilfried Nünthel nun das Gespräch mit den Mitarbeitern aus dem Straßen- und Grünflächenamt suchen. Diese sollen ermuntert werden, stärker auf heimische Gewächse zu setzen und Flächen mit regionalen Wildkräutern anzulegen. Natürlich könne Lichtenberg nicht die Welt verändern. „Wir müssen aber strategisch umdenken und die Möglichkeiten, die wir haben, nutzen“, erklärt der Politiker. Im Rahmen einer Arbeitsgruppe soll demnächst die grundsätzliche Herangehensweise besprochen werden.

Allerdings können auch die Lichtenberger selbst einiges unternehmen: Kleingärtner und Grundstücksbesitzer sind aufgerufen, auf den Einsatz von Unkrautvernichtern zu verzichten und insektenfreundlichen Pflanzen eine Chance zu geben. Eigens dafür werden auf Volksfesten und bei Veranstaltungen kleine Saatguttütchen mit der Aufschrift „Schmetterlingsweide“ verteilt. Darin enthalten sind Samen von Schafgarbe, echtem Johanniskraut, Herbst-Löwenzahn, Gelbklee und Luzerne – häufig bekannt als ungeliebte Pflanzen in Ziergärten, die mit viel Mühe von Grundstücksnutzern bekämpft werden. Damit rauben sie aber Insekten und am Ende den Vögeln die Nahrungsgrundlage.

Das Umweltbüro Lichtenberg gibt gerne die Saatmischungen an interessierte Lichtenbergerinnen und Lichtenberger ab. Weitere Informationen gibt es unter Tel. 030 92901866, per Mail unter info@umweltbuero-lichtenberg.de und im Internet unter www.umweltbuero-lichtenberg.de

Das nächste Storchenfest findet übrigens am 30. Juni (12-19 Uhr) und 1. Juli (11-13 Uhr) statt. Höhepunkte: 30. Juni, 12 Uhr: Eröffnung Bühnenprogramm; 1. Juli, 11 Uhr: Jazz-Frühschoppen mit Hot JAZZ Fellows Berlin. Dazu: Storchen-TV, Marktplatz und Tombola. Infos auf www.naturschutz-malchow.de Ort: Naturhof Malchow, Dorfstraße 35, 13051 Berlin.

 

Zum Nachlesen:

Die Senatsumweltverwaltung hat einen Ratgeber herausgegeben, in dem auch Gartenbesitzer Tipps für heimische Pflanzen finden. Das Heft steht kostenlos zum Download bereit.

 

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