Gedankenbrösel. Stau nachts um 2 Uhr auf der Landsberger Allee

Berlin, ick liebe Dir!

17.03.2019, Mike Abramovici

Fotos: Volkmar Eltzel

Es gibt sicherlich stylischere Städte oder hippere Orte, aber wenn ich so an manchen Tagen durch meine Geburtsstadt fahre, finde ich diese schon geil!

Berlin ist irgendwie, das bilde ich mir jedenfalls ein, die verrückteste Stadt in Deutschland. Manchmal hat sie den Charme eines Blümchenschlüpfers, möchte aber lieber ein String Tanga sein. Es gibt Augenblicke, da findet man Berlin einfach zu teuer, und das ganze Hipster-Getue-Gemache geht einem manchmal auf den Kegel und ist zum Kotzen. Und wenn man sich so richtig in diesem geistigen Dreck und Geplumpse gesuhlt hat, wenn man gerade das tägliche Sahnehäubchen, den Verkehrsstau auf der Straße, verflucht hat, dann kommt man um die Ecke und die Sonne lächelt einen an. Man sieht eine schöne Werbung, die scheinbar nur zu Berlin passt, und freut sich doch! – Ich schaue auf die Sender-Laufschrift im Display des Autoradios. Berlin ist wohl die einzige Stadt, die ein Radio „Nur für Erwachsene“ hat. Plötzlich und irgendwie ist gleich wieder alles gut!

Hin und wieder versinke ich auch mal in Erinnerungen an Zeiten, als diese ganze Stadt durch eine hochgeklappte Autobahn geteilt war (für die Instagram-Facebook-Selfie-Generation: von einer Mauer). Damals war es auch schon so: Im Westteil (erzählte man sich) rannten diese ganzen Bundeswehrverweigerer rum. Und im Osten gab es – wahrscheinlich im Gegensatz zu anderen Städten – auch alle möglichen Gruppierungen, die ausbrechen wollten: Punks, New Romantic, Popper, Teds… Alles schon mal da gewesen. Berlin galt selbst im Osten als hip. Und alle Dorfkinder aus der untergegangenen Republik wollten nach Berlin kommen. Einige hübsch sächsisch vor sich hin brabbelnde Mitmenschen blieben dann auch für immer hier.

Meine liebe Heimatstadt ist so ein Ort, der nie zur Ruhe kommt. So kann es tatsächlich passieren, dass man nachts um 2 Uhr auf der Landsberger Allee im Stau steht. Und ich bilde mir ein, dass uns die gesamte Republik für unser kulturelles Erlebnis hier beneidet. Das sieht man auch daran, dass selbst meine Lieblings-Combo Depeche Mode bei ihrer letzten Tour sechs Mal in Berlin gastierte. Von der Vorstellung der neuen Platte bis zu den Abschlusskonzerten. Und schnuckligerweise machten sie es so, dass sie den Osten und den Westen der Stadt besuchten. Vom Funkhaus in der Nalepastraße bis zur Waldbühne. Auch andere große Bands lassen es sich nicht nehmen, hier einen Zwischenstopp einzulegen und mindestens einmal in Berlin zu sein.

Hallo, Ihr Leute aus den Provinzen dieser Welt! Lasst Euch eins gesagt sein: Ist schon geil hier, wenn auch manchmal zu teuer. Ich denke, wir sind eine Stadt, die nicht angepasst ist. Auch, wenn viele Leute immer wieder versuchen, uns Korsetts anzulegen – irgendwie brechen wir immer aus.

Berlin hat zwar den kleinen Nachteil, dass es keinen Meerblick und auch keinen Meeresstrand hat. Aber trotzdem haben wir immer einen guten Durch- und Ausblick!

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