Projektraumpreises 2019 für „mp43 - projektraum für das periphere“

Berlin Art Week in Hellersdorf

09.09.2019, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Hellersdorf. In diesem Jahr wird im Rahmen der Berlin Art Week erstmals eine Ausstellung in Hellersdorf präsentiert. Der „mp43 – projektraum für das periphere“ zeigt Kurzfilme aus Pakistan und Afghanistan.

Umweltzerstörung, AIDS und religiöse Spannungen

Die Berlin Art Week ist ein Höhepunkt für zeitgenössische Kunst in der Hauptstadt. Große Museen mit Gegenwartskunst, Berliner Ausstellungshäuser, Kunstvereine, Kunstmessen, private Sammler und Projekträume präsentieren ein Ausstellungsprogramm, das Kunstbegeisterte aus aller Welt anzieht. Das wird sicherlich den einen oder anderen auch nach Hellersdorf locken an den Kastanienboulevard, wo Carola Rümper vom 12. bis 15. September 2019, jeweils von 12 bis 17 Uhr, „Film Talents –  Voices from Pakistan and Afghanistan“ vorstellt. 13 Künstlerinnen und Künstler aus Pakistan und Afghanistan setzen sich kritisch mit der Gesellschaft ihrer Heimatländer auseinander. Es geht um Themen wie Umweltzerstörung, AIDS und religiöse Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Die Kurzfilme entstanden 2018 im Rahmen eines mehrwöchigen Workshops des Goethe-Instituts Pakistan in Karachi und Lahore.

Vorträge Kunst und Picknick

Zur Vernissage am Sonnabend, 14. September, ist sogar bis 21 Uhr geöffnet. Juliane Witt (Die Linke), Marzahn-Hellersdorfs Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Soziales und Facility Management, begrüßt die Besucher ab 19 Uhr. Karin Scheel, die künstlerische Leiterin vom Schloss Biesdorf spricht zum Thema „Ateliers in Marzahn-Hellersdorf“, und der Filmemacher Tim Passow berichtet über die Entstehung der Kurzfilme. Bereits um 14 Uhr gibt es eine Führung, bei der Carola Rümper ausgewählte Filme vorstellt. Dafür wird um Anmeldung gebeten: mp43@carola-ruemper.eu. Weitere Termine sind nach Absprache möglich. Am Sonntag, 15. September, wird ab 12 Uhr auf dem Boulevard gepicknickt, Decken und Lebensmittel bitte selbst mitbringen.

Gut vernetzt und offen für andere

Carola Rümper hat nicht nur die Berlin Art Week nach Hellersdorf gebracht, sie gewinnt in diesem Jahr auch einen Projektraumpreis, ausgelobt von der Senatskulturverwaltung. Die öffentliche Preisverleihung im Rahmen der Berlin Art Week findet statt am Freitag, 13. September, ab 19.30 Uhr im Humboldthain-Club, Hochstraße 46, in 13357 Berlin.

Carola Rümper gehört zu den 20 Ausgezeichneten, die aus 145 Bewerbungen ausgewählt wurden. Bedingungen für die Teilnahme waren unter anderem, dass die Projektraumbetreibenden schon einige Jahre tätig sind und in dieser Zeit Ausstellungen durchgeführt haben. Sie sollten nicht kommerziell arbeiten und in ihrem Umfeld gut vernetzt sein. Ganz wichtig war, dass sie ihre Räume öffnen für andere. All das zeichnet „mp43“ aus.

Fotos von Wohnzimmern wurden Kunst

Bezeichnend ist auch das Projekt, mit dem sich die Künstlerin beworben hat: In der Ausstellung „My home is my castle“, die sie im vergangenen Jahr zeigte, forderte sie dazu auf, Fotos des eigenen Wohnzimmers zur Verfügung zu stellen, die dann öffentlich gezeigt und später archiviert wurden. „Ich nehme übrigens gerne weiter Fotos entgegen“, sagt Carola Rümper. „Einfach zu den Öffnungszeiten vorbeibringen oder per E-Mail senden.“

Mit den Rümperien fing alles an

Auch bei anderen Ausstellungen gab es Interaktionen mit Besuchern, wurden die Menschen aus dem Kiez mit einbezogen. Für „Perspektivwechsel“, Anfang dieses Jahres zu sehen, erkundete die Kreative mit Kindern aus Flüchtlingsunterkünften ein Jahr lang Hellersdorf mit Kameras. Mit „Kill 2 birds with one stone“ führte sie Interessierte auf dem Rad durch das Wuhletal, um der Sichtung eines „Rümperien“ zu gedenken. Diese maximal zwanzig Zentimeter großen, seltsamen Wesen, die nur aus Tentakeln zu bestehen scheinen, erforscht Rümper seit Jahren, hier in Deutschland, ebenso in Russland, Ägypten, Alaska und der Schweiz. 2013 wurden einige Exemplare auch in Marzahn-Hellersdorf gesichtet. Deshalb eröffnete die Künstlerin zuerst einen Projektraum an der Marzahner Promenade, 2016 kam sie an den Boulevard Kastanienallee. Dort kann man manchmal auch eines der scheuen Wesen sehen …

Zeitgenössische Kunst in die Kieze bringen

Wenn Carola Rümper in ihrem Projektraum ist, steht meist die Tür ganz offen, nicht nur bildlich gesprochen. Mal ist das Frauenkunstcafé aus dem Bezirk bei ihr zu Gast, mal überwintert dort das „Café auf Rädern“ oder stellen behinderte Kinder aus einer Förderschule in Indien ihre farbenfrohen Bilder aus. Gerade beendet hat sie eine Präsentation von politischen Plakaten aus Namibia. Neben Künstlerkollegen aus ganz Berlin schauen auch immer wieder die Nachbarn vorbei. Zeitgenössische Kunst in Kieze zu bringen, deren Bewohner sonst wenig Zugang dazu haben, und das auf Augenhöhe zu vermitteln, ist für Carola Rümper Grundlage ihrer Arbeit.

Austausch und Kooperation

Dabei arbeitet sie auch mit anderen Einrichtungen zusammen, zum Beispiel mit der „station urbaner kulturen“ gleich gegenüber auf der anderen Seite des Boulevards. Seit 2014 ist sie Mitglied im Netzwerk Berliner Projekträume und Initiativen. Der lose Zusammenschluss will neue Formen von Kooperation und Austausch ermöglichen und sich politisch artikulieren. Darüber hinaus tritt er für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen freier Kunstschaffender ein. Carola Rümper freut sich über den Preis, ist er doch eine Würdigung ihres künstlerischen Schaffens. Und natürlich auch eine tolle Werbung, denn zur Berlin Art Week kommt viel internationales Publikum.

Die Hellersdorfer Mischung macht’s

Dass ihr künstlerischer Mittelpunkt jetzt in Hellersdorf ist, hat sie bisher nicht bereut. Im Gegenteil. Die Mischung hat es ihr angetan. „Hellersdorf bietet so viel, nicht nur Naturraum, sondern auch Stadtraum, Urbanität. Ich erlebe hier manchmal eine gewisse Schroffheit. Dann wiederum ist es sehr angenehm, mit dem Rad durch die Natur zu fahren. Das ist einfach toll“, schwärmt sie. „Ich hatte hier vor einer Woche eine Veranstaltung mit einem Picknick. Die Leute haben sich auf den Rasen gesetzt und ihre Hängematten aufgespannt. Der Boulevard ist eine autofreie Zone und superklasse, wenn man relaxen will.“

Und es amüsiert die Künstlerin, wenn neuerdings solche Reaktionen kommen wie: Hellersdorf? Das soll ja der neu In-Bezirk werden. Nicht Marzahn, nein Hellersdorf …

Berlin Art Week – Project Spaces
Film Talents – Voices from Pakistan and Afghanistan
12. bis 15. September
mp43-projektraum für das periphere
Stollberger Straße 73, 12627 Berlin (Eingang über den Boulevard)
Geöffnet: Do, Fr, So:  12-17 Uhr, Sa: 12-21 Uhr
Vernissage: Sonnabend, 14. September, 19 Uhr
www.mp43.culturebase.org
mp43@carola-ruemper.eu


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