Viele Völkerschaften lebten schon vor Jahrhunderten im Wuhletal

Beliebtes Siedlungsgebiet

01.06.2014, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann

Marzahn-Hellersdorf. Die Vorbereitungen auf die Internationale Gartenausstellung (IGA) 2017 sind ein Glücksfall für Archäologen. Auf einer riesigen Fläche können sie nach Zeugnissen der Vergangenheit suchen. Denn auf einem Gelände von zwölf Hektar Größe muss für die geplanten IGA-Bauten der Boden abgetragen werden. Die ersten Grabungsfunde der Wissenschaftler dort sind bis zu 3.000 Jahre alt.

Hinterlassenschaften der jüngsten Vergangenheit
Der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf und die Mitarbeiter des Bezirksmuseums ließen sich kürzlich bei einem Rundgang über erste Ergebnisse informieren. Der Archäologe René Bräunig führte die Gäste über die weite Fläche. Knapp einen halben Meter unter der Oberfläche verbergen sich die Zeugnisse vergangener Siedlungsgeschichte. Zunächst sind die Forscher allerdings auf Hinterlassenschaften der jüngsten Vergangenheit gestoßen. Vor 69 Jahren tobte auch hier die Schlacht um Berlin. Schützengräben, Panzersperren, Reste einer Flakstellung, Schützenlöcher und Munition – das alles musste erst abgeräumt werden, um an die wahren Schätze der Siedlungsgeschichte heranzukommen.

Archäologen gruben schon 1976 in Marzahn
Die Wuhle und ihre Nebenflüsse müssen schon immer Menschen aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen angezogen haben. Bräunig ist noch sehr vorsichtig in seiner Einschätzung der Jahreszahlen und der Bezeichnung der Siedler. Alles müsse noch weiter untersucht werden. Es gibt zwei große Grabungsgebiete. Das eine zieht am Blumberger Damm entlang, das zweite verläuft am Biesdorf-Marzahner Grenzgraben. Die Wissenschaftler können an die Arbeiten von Kollegen anknüpfen, denn die ersten archäologischen Untersuchungen in Marzahn haben am 25. Mai 1976 begonnen. Dort, wo heute die Geißenweide und die Kienbergstraße verlaufen, haben die Archäologen schon in den 80er-Jahren eine Siedlung freigelegt.

Moderne Technik im Einsatz
Nun graben die Forscher an den Stellen, an denen zur IGA die Kopfstation der Seilbahn, die Themengärten und die Wasserbecken stehen sollen. Die Archäologen haben sich schon lange von Spachtel und Staubpinsel getrennt. Heute setzen sie auf moderne Technik. Zunächst werden die magnetischen Feldlinien im Erdboden untersucht, erklärt René Bräunig. Diese verlaufen immer gleichmäßig. Wo es Verwerfungen gibt, wird es interessant. Denn dort muss im Boden etwas sein, was dort nicht hingehört und den Verlauf der Magnetlinien stört. „Für weitere Untersuchungen setzen wir dann das Bodenradar ein“, erklärte Bräunig. An dem Bild können die Forscher dann schon abschätzen, ob es sich lohnt, mit den klassischen Werkzeugen ans Werk zu gehen. Brunnen, Fundamente von Häusern oder andere Hinterlassenschaften können die Fachleute auf dem Radarbild erkennen. Es gibt Hinweise, dass im Wuhletal schon vor 10.000 Jahren Jäger und Sammler gesiedelt haben. Bräunig erklärt, dass die Menschen damals Flüsse sowohl als Wanderwege als auch als Siedlungsgebiete genutzt haben. Die Wälder in dieser Gegend waren fast undurchdringlich. So wanderten die Siedler an einem Fluss entlang.

Historische Feuerstellen gefunden
„Jeder Fund schließt eine Forschungslücke“, sagte Bräunig. „Meist sind nur die Feuerstellen nachzuweisen.“ Und so einen solchen Nachweis haben die Wissenschaftler bereits gefunden. Parallel zum Alwineweg haben sie mehrere Feuerstellen ausgegraben. Bräunig spricht von einem altslawischen Siedlungsplatz, „es gibt noch kein Metall und noch keine Keramik“. An einer tiefen Stelle im Haus wurde Feuer gemacht. Diese Feuerstelle kann man als mehrere Zentimeter dicke schwarze Erdschicht noch deutlich erkennen. Es sind Blockhäuser in einer Abmessung von 4 mal 4 Metern. Sie stehen in einer Reihe an einem Bach entlang. Bräunig will sich nicht festlegen, er spricht aber davon, dass „diese Bewohner aus Osteuropa kamen.“ Hier fanden sie erstens genügend Bauholz – dazu diente die Kiefer, die im märkischen Sand besonders gut wuchs. Die Eiche wurde als Brennholz verwendet. Die Buche haben die Siedler nicht angerührt, sie taugte weder als Bauholz noch als Brennholz. Deshalb konnten sich die Buchenwälder so ausdehnen, weil keiner ihr Holz damals nutzte. Bräunig schätzt, dass diese Häuser aus den Anfangsjahren des 6. Jahrhunderts stammen.

Weberhäuser freigelegt
Am Blumberger Damm haben die Archäologen auch Siedlungshäuser vermutet. Nach vorsichtigen Schätzungen sind diese Hütten im 8. Jahrhundert bewohnt gewesen. „Wir haben zwei Häuser freigelegt“, erklärte Bräunig, „dort wurde gewebt.“ Früher standen die Webstühle frei zwischen den Siedlungshäusern, in diesem Fall stehen sie in den Grubenhäusern. „Das hat etwas mit der Feuchtigkeit zu tun“, erklärt Bräunig. Die Wissenschaftler haben Löcher freigelegt, in denen einmal die Pfähle für das Haus standen. Sie fanden auch Holzsplitter, die nun noch weiter untersucht werden müssen.

Es waren immer klimatische Faktoren, die die Entwicklung beeinflussten. Bräunig erklärt, dass es in dieser Zeit viele Veränderungen gab. Es wanderten Völker aus Skandinavien nach Mitteleuropa ein, aber es kamen auch Siedler aus Ost- und Westeuropa. Auf Begriffe wie germanische oder slawische Völker will sich der Archäologe nicht festlegen. Dafür ist es noch zu früh. „Es gibt noch keine festen Strukturen“, erklärt Bräunig, „in jeder Siedlung hat der Archäologe die Chance, etwas Neues zu entdecken.“

Vorratsgrube für Getreide
So hoffen die Archäologen darauf, dass bei weiteren Grabungen in Richtung Kienberg noch andere Erkenntnisse gewonnen werden. Sie suchen nach Keramiken oder Getreide. Auf den weiten Wiesen gibt es noch eine andere Siedlungsstruktur. Bei den beiden Siedlungen, die jetzt gefunden wurden, stehen die Häuser in einer Reihe. Es gibt aber auch schon Funde, wo große Abstände zwischen den Hütten bestehen.

Den wohl wichtigsten Fund haben die Archäologen mitten auf der großen Wiese gemacht. Es ist eine Vorratsgrube für Getreide. Nach ersten Schätzungen wurde dieses Lager im 8. Jahrhundert vor Christus angelegt.  Dazu war der Boden im Wuhletal sehr gut geeignet. In den Lehm wurde ein Loch gegraben, das Getreide wurde eingefüllt und alles wieder mit einer Lehmschicht verschlossen. „Sieben Jahre lang konnte das Getreide in solchen Speichern aufbewahrt werden“, erklärte Bräunig. „Die äußere Schicht verrottete und schloss damit den Speicher luftdicht ab.“ Das hat so lange funktioniert, bis eine klimatische Veränderung zu viel Feuchtigkeit brachte und der Lehm nicht mehr austrocknete.

Vortragsreihe im Bezirksmuseum
Die Archäologen werden ihre Chancen auch weiter nutzen und jede Baustelle der IGA 2017 auf historische Hinterlassenschaften untersuchen. Der Heimatverein regte nach dieser Besichtigungsrunde an, dass René Bräunig in einer Vortragsreihe im Herbst und Winter im Bezirksmuseum über seine Forschungen berichtet. Außerdem wurde die Idee geboren, die Forschungsergebnisse auch während der IGA 2017 für die Besucher sichtbar zu machen.

 

 

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