Frau & Mann

Bekleidung XY ungelöst

14.10.2018, Volkmar Eltzel

Foto: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Es steht zu befürchten, dass dieser unendliche Sommer Anfang November kühler wird. Frau und Mann gehen Sachen für Wind, Nebel, Regen, Schnee und Frost kaufen. Die Motivation ist dabei gänzlich verschieden: Frau denkt, sie braucht neue Kleidung, weil die vom Vorjahr nicht mehr modisch ist. Mann braucht was Neues, weil Frau das sagt. Denn eigentlich sind die Klamotten von vor zehn Jahren noch völlig in Ordnung, findet er. Sie bedecken die Blöße und halten warm. Keine Löcher, alle Knöpfe dran und die Reißverschlüsse flutschen. Zweck erfüllt. Diese Gedanken kommen nicht von ungefähr, wie sich noch herausstellen wird.

Noch zu Hause schüttelte Frau immer wieder den Kopf. „Nee, nee“, sagte sie nach eingehender Musterung der männlichen Bekleidung von Kopf bis Fuß. Mann sehe furchtbar aus, so könne sie nirgendwo mit ihm hingehen. „Wohin willst du denn?“, fragte er noch abwehrend blöd. Aber es nutzte nichts. Um des lieben Friedens willigte er in das gemeinsame potenzielle Kauferlebnis ein. Und so stehen sie nun doch beide wieder einmal zusammen vor dem Kaufhauseingang. Dann trennen sie sich. Nur für die Dauer des Einkaufs. Es gibt Erfahrungen aus Vorjahren.

Sie strebt den großen Bereichen für Frauenbekleidung zu. Er geht schnurstracks in die Abteilung für Männer. – Und findet seine bösen Vorahnungen bestätigt: Was noch vor Jahren einmal auf einer ganzen Etage angeboten wurde, ist mittlerweile auf ein Bruchteil geschrumpft. Die Oberbekleidung für männliche Menschen (ja, die gibt es) ist eingekesselt von Büstenhaltern, Röcken und Blusen! Beim genaueren Hinsehen stellt Mann fest, dass es Mischbereiche an einigen Stellen gibt. Bei T-Shirts und einigen Freizeitklamotten scheinen die Übergänge fließend. Was ist noch für Mann, was schon für Frau? Die Grenzen sind offen! Keine Barrieren für das weitere Vorrücken der weiblichen Bekleidung!

Ja, ja – Frauen haben zwei X-Chromosomen (XX), Männer nur ein X- und ein Y-Chromosom. Y ist noch dazu zwei Drittel kleiner. Aber warum wurde diese biologische Ungerechtigkeit auf die Bekleidungsabteilungen übertragen? Mann ist geschockt! Wie paralysiert irrt er mit schwerem Gang und mattem Blick zwischen den verbliebenen Regalen und Garderobeständern umher. Pullover, Hemden, Hosen, Jacken – alles in Depri-Farben, rostbraun, grau und fad. So, wie sich die Modeschöpfer***INNEN halt Männer im Winter im Wald bei der Jagd vorstellen. Gut getarnt. „Euch Männern ist das ja sowieso egal, ihr tragt doch immer das gleiche dunkle, unmodische Zeugs! Da habt Ihr’s!“

Frage an eine der ausschließlich weiblichen Verkaufsberatenden: „Haben Sie vielleicht auch was Farbenfrohes für die düstere Jahreszeit??“ Sie verneint. Was angeboten werde, seien schließlich die Farben der Saison. Na ja, vielleicht war das auch nur der falschen Laden.

Nach kurzer Zeit ist Mann wieder am Treffpunkt. Ohne ein Konsumprodukt. Und waaartet auf Frau. Die kommt gut gelaunt nach einer gefühlten Stunde mit vollen Tüten angeschlendert und zeigt stolz ihre bunten Sachen. „Und, wie war’s bei dir???“ – „Ja, war super! Aber ich warte noch.“

Wie endet das? Nicht mehr lange und die Männerbekleidung ist gänzlich aus den Kaufhäusern und Boutiquen verbannt. Dann gibt es nur noch Do it yourself-Läden in versteckten Seitengassen, die Segeltuch und Rohleder für Männer anbieten. Was bleibt uns übrig als zu kaufen, was übrig bleibt?
Entweder die humanen XY-Chromosomen laufen dann irgendwann alle in den gleichen Klamotten herum – also Uni-Form und -Farbe – oder sie steigen einfach um auf Frauensachen.

Moment mal: Gibt’s das nicht beides schon?

 

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