Ein bisschen Kontakt kann nicht schaden. Oder doch?

Begrenzte Einsicht zu Solidarität

06.04.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg/ Marzahn-Hellersdorf. Eine Nachbarin erzählte, dass sie und ihr Mann Ostern nun doch zu ihren Kindern und den Enkeln fahren würden. Von Biesdorf nach Friedrichshain. Auch die anderen Großeltern aus Lichtenberg würden kommen. Eine Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken oder diesen zu übertragen, würden sie nicht sehen: Die Enkelkinder gingen ja schon drei Wochen nicht in die Kita, die Mutter sei zu Hause, der Vater im Homeoffice. Und die anderen Großeltern wären wie sie ebenfalls Rentner und hätten derzeit so gut wie keine Kontakte. Höchstens mal im Supermarkt oder bei Arztbesuchen. Alle seien sie gesund, was solle da schon noch passieren?

“Wer soll das denn noch aushalten?”

Anders eine Bekannte aus unserer Siedlung, ebenfalls im Rentenalter. Wir trafen uns zufällig bei der Gassi-Runde mit unseren Hunden und hielten dabei den gebotenen Abstand. Die Frau schimpfte über den Leichtsinn der Jüngeren: Coronapartys auch jetzt noch immer wieder mal, Gruppenzusammenkünfte in Parks und unnötige Treffen. Ihre Tochter und die schon studierende Enkelin, die in einer WG lebt, hätten sich für Ostern angemeldet: „Ich hab‘ ‚Nein‘ gesagt. Jetzt will ich sie nicht sehen. Wir können ja telefonieren.“ Das hätten leider weder die Tochter noch die Enkelin verstanden. „Wie lange sollen wir denn das noch so aushalten?“, habe die Enkelin geklagt.

Kontaktbeschränkungen noch bis mindestens 19. April

Die Kontaktbeschränkungen gelten in Berlin seit dem 23. März und wurden in der vergangenen Woche noch einmal bis vorerst zum 19. April verlängert. Kurz gefasst heißt es für Menschen, die nicht arbeiten müssen, um das System am Laufen zu halten: Bleibt zu Hause! Rausgehen nur noch allein, zu zweit oder in Familie (ein Haushalt!) für dringende Besorgungen wie den Einkauf oder den Arztbesuch. Und auch Spaziergänge und Sport sind erlaubt. Ebenfalls allein, zu zweit und in Familie.

Dem Gesundheitssystem steht der Stresstest noch bevor

Das ist belastend, ganz besonders für Leute, die in kleinen Wohnungen leben, vielleicht noch ohne Balkon. Und auch für Alleinstehende. Aber: Gerade um diejenigen zu schützen, die sich jetzt nicht selbst isolieren können wie medizinisches Personal, Pflegekräfte, Verkäuferinnen, aber auch Handwerker, Bauarbeiter, Lageristen und viele andere ist der Verzicht auf unnötige Kontakte erforderlich. Denn noch ist der Höhepunkt  der Coronakrise nicht erreicht. Unserem Gesundheitssystem steht der eigentliche Stresstest noch bevor. Anschaulich erklärt wird das in diesem Video  von Dr. Mai Thi Nguyen-Kim aus ihrem maiLab bei YouTube. Einfach mal reinschauen und verstehen, warum es jetzt nicht so toll ist, wenn man Ostern gemeinsam mit der Verwandtschaft feiert!

Die meisten halten sich an die Regeln, manche aber nicht

Die meisten Menschen scheinen aber schon begriffen zu haben. Bei Spaziergängen im Kienbergpark von Marzahn-Hellersdorf, in der Feldmark von Falkenberg und Wartenberg und auch im Marzahner Eichepark ist uns aufgefallen, dass viele die Frühlingssonne genießen. Und die  allermeisten halten sich dabei an die Regeln. Vielleicht fallen deshalb diejenigen, die das nicht tun, umso mehr auf. Wie jene Kleingärtner aus verschiedenen Parzellen in einer Anlage im Wuhletal, die am Sonnabendnachmittag, 4. April, gemeinsam an einer Kaffeetafel saßen. Motto: Uns wird schon nichts passieren. In den nahegelegenen „Gärten der Welt“ dann das Gegenbeispiel: Dort wurden sogar Paare, die sich für gewöhnlich im gemeinsamen Haushalt ein Bett teilen, von Sicherheitskräften aufgefordert, beim Ausruhen auf einer Bank (seit Donnerstag, 2. April, wieder erlaubt!) den Sicherheitsabstand von 1,50 Metern einzuhalten.

In Social-Media-Kanälen wird viel Mist geteilt

Leider gibt es auch noch jene, die auf den Social- Media-Plattformen jeden Mist teilen – von Verschwörungstheorien über so-schlimm-wird-es-schon-nicht-kommen bis hin zu Meinungen sogenannter Experten, die den 99 Prozent der anderen Wissenschaftler widersprechen. Und auch Forderungen nach Durchseuchung der Bevölkerung werden dort laut. Damit endlich wieder alles so laufen kann wie gewohnt. Die Älteren und Kranken könne man ja wegsperren. Dass dabei Hunderttausende Menschen in Deutschland sterben würden, wird damit akzeptiert. Wie so etwas läuft, kann man gerade in den USA sehen, wo ein gewissenloser Präsident und seine Administration viel zu lange mit Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung gezögert haben. Wollen wir das?

In diesem Sinne: Passen Sie auf sich und uns auf! Leichtsinn ist gerade jetzt nicht angebracht.

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