Sonderausstellung zum Waisenhaus Rummelsburg

„Aufs Angenehmste enttäuscht“

07.05.2016, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1, 4, 8, 9 , 10), Museum Lichtenberg (2, 3, 5, 6, 7)

Lichtenberg. Mit der Geschichte des Waisenhauses Rummelsburg beschäftigt sich die neueste Sonderausstellung des Museums Lichtenberg. Zu sehen ist diese noch bis zum 25. September im Stadthaus an der Türrschmidtstraße 24.

Die Idee zur Exposition kam kurz nach dem Verkauf einer zu DDR-Zeiten als Parkplatz genutzten versiegelten Fläche an der Hauptstraße durch den Berliner Liegenschaftsfonds im Jahr 2011. Dort sollten wie auf anderen Gebieten der Rummelsburger Bucht neue Häuser entstehen. Doch unter dem Asphalt und Beton des etwa 4.000 Quadratmeter großen Areals befand sich ein längst vergessener Friedhof. Dieser gehörte zu dem 1859 eröffneten Waisenhaus Rummelsburg. Bevor die Bagger anrückten, wurden dort Archäologen tätig. 456 geborgene Begräbnisse wurden 2012 auf den Zentralfriedhof Friedrichsfelde umgebettet. Die Untersuchungen auf dem Gelände gaben den Anstoß für weitere Forschungen zum Rummelsburger Waisenhaus, welches „aus dem stadtgeschichtlichen Gedächtnis verschwunden war“, wie Lichtenbergs Museumsleiter Dr. Thomas Thiele sagt. Mit der Exposition unter dem Titel „Aufs Angenehmste enttäuscht“ werden im Stadthaus an der Türrschmidtstraße 24 die Ergebnisse der Untersuchungen jetzt erstmals öffentlich präsentiert.

Sozial fortschrittliche Einrichtung
Der Ausstellungstitel macht zunächst stutzig. Denn die Geschichte der Rummelsburger Bucht, heute ein ziemlich exklusives Wohngebiet, war geprägt durch das größte preußische Armenhaus und das zwischen 1952 und 1990 betriebene größte Gefängnis im Ostteil Berlins. Eine Einrichtung wie ein Waisenhaus scheint zu dieser düsteren Seite des Areals zu passen. Und doch war das Gegenteil der Fall, sagt der Museumsleiter. Denn das städtische Waisenhaus, das etwa 500 Kinder beiderlei Geschlechts beherbergte, war eine ausgesprochen sozial fortschrittliche Einrichtung.

Umgeben von Gärten
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts galt das Rummelsburger Waisenhaus als eines der vorzüglichsten Heime Deutschlands. Großer Wert wurde dort auf gesunde Ernährung, Hygiene und Entwicklungsförderung sowie Schulunterricht gelegt. Eine Krankenstation für akut und chronisch erkrankte Kinder war eine bedeutende Neugründung innerhalb der Kinderkrankenpflege in Berlin. Bewusst war das Friedrichs-Waisenhaus Rummelsburg (Architekt Gustav Holzmann) außerhalb der Stadt Berlin an der Rummelsburger Bucht errichtet worden, an einem Ort mit sauberer Luft und gutem Trinkwasser. Inmitten einer parkähnlichen großzügigen Anlage befanden sich drei bis viergeschossige Backsteingebäude mit gelber Klinkerfassade. Die Häuser waren umgeben von Gärten, in denen Obstbäume standen, in Beeten wurde Gemüse angebaut. Der Protokollant einer 1871 vom Architekten-Verein zu Berlin durchgeführten Exkursion schrieb: „Wer seine Vorstellungen von einem Waisenhaus nur aus traurigen Elementen zusammengesetzt hat… wird schon beim ersten Anblick der Rummelsburger Anlage aufs Angenehmste enttäuscht sein.“

1953 geschlossen
Heute erinnern in der Rummelsburger Bucht nur noch zwei 2003 denkmalgerecht sanierte Knabenhäuser an das Waisenhaus. Noch bis 1953 hatte es seinem ursprünglichen Zweck gedient, wegen erheblicher Kriegszerstörung wurde es dann geschlossen. Der Medaillon-Platz auf dem Waisenhaus-Grund wurde im Zentrum der neuen Wohnanlage als Reminiszenz an die mehr als 100-jährige Geschichte der Einrichtung wiedererrichtet und nach dem Architekten Gustav Holzmann benannt.

Umfangreiche Untersuchungen
Die ursprüngliche Quellenlage über das Waisenhaus und seine Bewohner sei dürftig gewesen, erzählt Dr. Thiele. Der Kuratorin Jeannette Wnuk, die auch das Begleitheft „Aufs Angenehmste enttäuscht“ publizierte, war es zu verdanken, dass die Exposition zustande kam. Diese hatte die Grabungen der Archäologen auf dem Waisenhaus-Friedhof an der Hauptstraße als Anthropologin begleitet – durch die Untersuchungen der sterblichen Überreste und die Analyse der Begräbniskultur entstand ein plastisches Bild von dem Ort. „Zunächst waren wir irritiert über die vielen Krankheiten, die nachgewiesen wurden wie beispielsweise Knochenerkrankungen oder Infektionen, zudem körperliche Gebrechen“, berichtet sie. Im Verlauf der Forschungen aber sei klar geworden, dass im Waisenhaus Rummelsburg gerade Kinder, die besondere Fürsorge und Pflege brauchten, ein Zuhause fanden, auch auf der Krankenstation. „Ein Stein fügte sich zum anderen“, sagt sie, „nach umfangreichen Recherchen waren wir dann überzeugt davon, dass die Einrichtung für die damalige Zeit ein sehr fortschrittliches Konzept verfolgte.“

Sonderausstellung: Museum Lichtenberg, Türrschmidtstraße 24, bis 25. September, geöffnet Di bis Fr sowie So 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Gezeigt werden auch Grabbefunde, darunter Knochen und Grabbeigaben.
Begleitheft: Jeannette Wnuk, „Aufs Angenehmste enttäuscht – aus der Geschichte des Waisenhauses Rummelsburg“, 92 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-00-052743-2, 7,50 Euro.

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