Der Hellersdorfer Alexander Reiser reiste 14 Monate durch Asien

Ein Aussiedler auf Buddhas Spuren

24.07.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: privat (1-10), Birgitt Eltzel (11-14)

Marzahn-Hellersdorf. Im April haben sie ein großes Fest für ihn veranstaltet: Viele Mitglieder des Vereins Vision e.V. begrüßten Alexander Reiser auf dem Abenteuerspielplatz an der Schorfheidestraße. Nach einer 14-monatigen Tour durch Asien war der Mitbegründer und langjährige Geschäftsführer des Aussiedlervereins wieder am Ausgangspunkt seiner Reise angekommen, in Marzahn-Hellersdorf. Von dort war es Anfang 2018 auf den Spuren des Buddhismus nach Thailand und angrenzende Länder gegangen. Auch die Mongolei, China und Burjatien in Russland besuchte der 57-Jährige. Darüber will er nun ein Buch schreiben: „Bisher existiert der Plan aber nur im Kopf“, sagt Alexander Reiser.

Acht Tage lang Schweigen im Kloster

Ausgangspunkt war ein tragischer familiärer Schicksalsschlag. Reiser, schon vorher zum Buddhismus konvertiert, suchte einen Weg, seinen Schmerz zu verarbeiten. Er wollte sein Wissen über die buddhistische Lehre und über die verschiedenen Meditationstechniken vervollständigen und Neues erlernen. Dort, wo diese Weltanschauung ihre Ursprünge hat. Nur mit Rucksack unterwegs, übernachtete er in Hostels, kleinen Pensionen und Hütten. Acht Tage habe er in einem thailändischen Kloster verbracht, erzählt Alexander Reiser. „Dort musste man schweigen und meditieren.“ Das sei ihm schon schwer gefallen, ebenso das tägliche Aufstehen um 4 Uhr und dass nur bis 12 Uhr eine Kleinigkeit gegessen werden durfte. „Doch die Stille ist überaus heilsam. Man kommt bis zum Grund seiner Seele.“ Meditation sei ein Instrument, das eine klare Sicht vermittle –  auf die Gründe eines Ereignisses, auf die Ursprünge von Emotionen. Man erwerbe Gelassenheit. „Auch Trauer bewältigt man so besser. Man lernt, Dinge anzunehmen und mit ihnen umzugehen“, sagt er.

Mit dem Verein über WhatsApp Kontakt gehalten

Die große Reise unternahm er allein. Seine Ehefrau, die eine gute Stelle  in einem Berliner Hotel hat, wollte nicht mitgehen. „Sie hat mich aber vier Mal besucht“, erzählt Alexander Reiser. Zudem habe er über WhatsApp Kontakt gehalten. Zur Familie in Berlin, zu den Freunden und zu den Vereinsmitgliedern. Oft chattete er mit Medina Schaubert, seiner Nachfolgerin bei Vision e.V. Denn der 2001 gegründete Verein liegt ihm sehr am Herzen.

„Wir haben viel erreicht“, sagt Alexander Reiser, Radiotechniker und studierter Journalist, der mehr als die Hälfte seines Lebens in Sibirien und Fernost verbrachte. 1996 kam er nach Berlin-Hellersdorf. Seine Eltern und die fünf Geschwister folgten. „Eigentlich zog unser ganzes Dorf nach Deutschland“, berichtet er. Reiser spricht mit dem leicht schwäbelnden Akzent vieler Russlanddeutscher. Deutsch hat er schon in der Kindheit in Hoffnungstal gelernt, einer kleinen Ortschaft bei Omsk. „In unserer Familie wurde sich immer auf Deutsch verständigt, außerhalb natürlich vor allem das Russische gebraucht“, sagt er.

Der Anfang war schwierig

Für viele Russlanddeutsche, Nachfahren von im 18. Jahrhundert ausgewanderten Siedlern aus Baden-Württemberg, sei es anfangs ein Schock gewesen, dass sie in der Bundesrepublik von vielen nicht als Landsleute betrachtet wurden: „In Russland waren wir die Deutschen, in Deutschland dann die Russen.“ Es habe viele Vorurteile und Vorbehalte gegeben, auf beiden Seiten. Deshalb sei Vision als „Verein der Integration“ gegründet worden, wie es bereits in seiner Satzung heißt.

 „Zunächst war die Aufklärungsarbeit das Wichtigste“, erinnert sich Reiser, der auch einige Jahre als Quartiersmanager in Marzahn-Nordwest tätig war und eine Stadtteilzeitung auf Deutsch und Russisch produzierte. „Wer sind wir, wo kommen wir her, warum sind wir hier“, um die Beantwortung solcher Fragen sei es zuallererst gegangen. Denn nur ganz wenige Einheimische wussten über die russlanddeutschen Spätaussiedler Bescheid. Die meisten Menschen hatten keine Kenntnis davon, dass die sogenannten Wolgadeutschen, von denen bis 1939 rund 1,5 Millionen in der Sowjetunion lebten, unter Stalin nach Sibirien, Kasachstan, Kirgisien und Tadshikistan zwangsumgesiedelt wurden. Mehr als 850.000 Menschen wurden bis 1948 in Arbeitslager gepresst, eine halbe Million Russlanddeutscher starb dort. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen ab 1992 vermehrt Spätaussiedler nach Deutschland. Auch, weil sie sich vor nationalistischen Tendenzen in den neu entstandenen Ländern fürchteten.

Gemeinsame Projekte mit Bezirk und QM

„Wer sich nicht angenommen fühlt, igelt sich ein. Dann gibt es Frust“, sagt Reiser. Um mehr Akzeptanz für die Anliegen der Spätaussiedler bei Behörden, Verwaltungen und Politikern kümmerte sich der Verein deshalb ebenso wie um die Orientierung der eigenen Community. Er gab Rat und praktische Hilfe, die viele Menschen benötigten, um wirklich in der neuen Heimat anzukommen. „Da war viel Kleinarbeit zu leisten“, sagt Reiser. Etwa 2008/09 sei der Umbruch geschafft gewesen. Dazu beigetragen hatten auch Projekte, die gemeinsam mit dem Bezirk und dem Quartiersmanagement realisiert wurden, wie „Aussiedler orientieren Aussiedler“, der Interkulturelle Garten an der Golliner Straße und Veranstaltungen wie das 5-Kontinente-Fest auf dem Barnimplatz.

„Propaganda entlarven“

Nun wirkt eine jüngere Generation an der Vereinsspitze, junge Frauen wie Medina Schaubert und Iryna Schmidt, Mitte 30 bzw. Anfang 40. „Sie stehen vor ganz neuen Herausforderungen“, sagt Alexander Reiser. Denn mit dem Beginn des Ukraine-Konflikts zeigten sich auch in der Community der Spätaussiedler Risse: „Es gibt etliche, die schauen nur russisches Fernsehen und erliegen der Propaganda dort.“ So habe es auch zum sogenannten Fall Lisa kommen können: Eine 13-Jährige Russlanddeutsche aus Marzahn-Hellersdorf hatte im Jahr 2016 behauptet, sie sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltig worden. Das wurde später als Lüge entlarvt, sie hatte bei ihrem Freund übernachtet und aus Angst vor den Eltern geschwindelt. Trotzdem gingen im Bezirk und in ganz Deutschland Spätaussiedler und russischsprachige Menschen auf die Straße. Sogar der russische Außenminister Lawrow bezeichnete das Mädchen als „unsere Lisa“ und versuchte, gegen die deutsche Flüchtlingspolitik Stimmung zu machen. Der rechtspopulistischen AfD gelang es, unter den Russlanddeutschen viele Wähler zu gewinnen.

Reiser bleibt weiterhin aktiv

„Wir wollen die Propaganda entlarven“, sagt Alexander Reiser. Deshalb sei von Vision e.V. u.a. das Projekt „Willkommen in Marzahn-Nordwest“ gestartet worden, das über die Geflüchteten aufklärt und auch Begegnungen mit ihnen schafft. „So werden Ressentiments abgebaut und das Nachbarschaftsgefühl gestärkt “, hofft Alexander Reiser. Gerade die Spätaussiedler könnten doch viele Erfahrungen beisteuern, was Integration erfordere. Sich und seine Erfahrungen wird er weiterhin aktiv im Verein und im Bezirk einbringen, versichert er.

Auf das Buch wird man noch etwas warten müssen

Und auch das Buch über seine Reise, auf das viele schon Freunde warten, wird er schreiben. Noch aber müsse er das Erlebte reflektieren und durchdenken, sagt er. Es wird also noch ein wenig dauern. Ob es ein Roman wird wie sein noch in Russland erschienener Band „Das Johannis-Evangelium“ oder „Die Rückkehr des Odysseus“ oder vielleicht ein Heft mit verschiedenen Erzählungen (von Reiser erschien zuletzt „Robbenjagd in Berlin“, vorher „Die Luftpumpe“ und „99 Anekdoten von Aussiedlern“), wird man sehen. Zu erwarten ist, dass es dem Anlass der Reise gemäß vielleicht nicht gar so lustig wird wie seine Erzählungen aus dem Leben von Spätaussiedlern in Deutschland. Vielleicht aber doch. Denn wer den Autor kennt, weiß, dass er versucht, vielen Widrigkeiten im Leben mit Humor zu begegnen. Auch wenn es manchmal schmerzt.

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