Atemschutzmasken selber nähen

27.03.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Silke Wenk

Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf. Sie schützen einen selbst nicht vor der Ansteckungsgefahr, können aber mithelfen, dass man keine Tröpfchen verbreitet und somit andere vor Infektionen bewahrt: Selbst genähte Atemschutzmasken.

Spende für Arztpraxis

Auch in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf wird derzeit fleißig genäht. Nicht nur für sich selbst, sondern kostenlos auch für andere. Silke Wenk, die sonst im Wahlkreisbüro der Abgeordneten Marion Platta (Linke) am Anton-Saefkow-Platz 4 arbeitet, ist derzeit wie viele andere im Home Office. Dort sitzt die 50-Jährige nicht nur am Computer, sondern häufig auch an der Nähmaschine. Bereits am Dienstag, 24. März, konnte sie acht Masken aus kochbarem Baumwollstoff (doppelt gehalten) einer Arztpraxis an der Baikalstraße übergeben. Auf Facebook hatte die Lichtenberger Bezirksverordnete der Linken gelesen, dass es der Praxis wie so vielen anderen Einrichtungen an einfachen Schutzmasken mangelt. Am Mittwochabend, 25. März, hatte sie weitere zehn Masken aus Stoffresten fertig. Sie will den Mundschutz weiter verteilen an Polikliniken oder andere Einrichtungen, die ihn benötigen. Den Anstoß zum Herstellen der Masken hatte ihr am Wochenende ein Fernsehbeitrag gegeben. Der Stoff lag noch als Meterware zu Hause. Allerdings hatte sie keinen Gummi, daher bekam jeder Mundschutz Bänder aus Stoff: „Das hält ganz schön auf“, sagt sie. „Aber damit wird auch jede Maske individuell.“ Jetzt haben ihr auch Nachbarn Stoffreste gebracht: „Man muss mit dem auskommen, was man hat, denn die Geschäfte haben ja zu“, sagt Silke Wenk.

Nähcafé koordiniert freiwillige Arbeit per WhatsApp

Auch die Frauen des seit drei Jahren bestehenden Nähcafés im Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte an der Marzahner Promenade, LiMa+ berichtete, stellen derzeit Stoffmasken her. „Etwa 50 sind schon fertig“, berichtet Martina Polizzi, die Leiterin des Stadtteilzentrums. Das ist ein Projekt der Volkssolidarität (VS), Landesverband Berlin. Weil sich die Frauen nicht wie vor den Ausgangsbeschränkungen im Nähcafé treffen können, haben sie extra eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Dort kommunizieren sie miteinander und stellen auch Fotos der bereits von ihnen fertiggestellten Masken ein. Es sind Frauen aus Marzahn-Hellersdorf, aber auch aus Lichtenberg, Charlottenburg und Pankow. Manche haben Migrationshintergrund, kommen aus dem Irak, Bosnien und Syrien. Andere sind in Deutschland geboren. Noch gibt es im Nähcafé Stoffreste, die für etwa 100 Masken reichen, sagt Martina Polizzi. Die Frauen können diese bei ihr abholen – allerdings ohne direkten Kontakt. Bei einem vereinbarten Termin stellt sie den Beutel vor die Tür. Und wenn der Stoff ausgeht? „Wir hoffen auf Spenden“, sagt Polizzi. (Wer Stoff und Gummi spenden will, kann sich per E-Mail bei LiMa+ melden, wir vermitteln den Kontakt!) Polizzi sagt, man könne kreativ werden – auch Bettwäsche oder Geschirrtücher eigneten sich: „Alle Stoffe, die man kochen kann.“

Auch für Personal in Unterkunft für Geflüchte

Die selbst hergestellten Masken würden kostenlos beispielsweise an die Sozialdienste der Volkssolidarität verteilt, für Pflegekräfte und andere Helfer. „Aber auch an die Unterkunft für Geflüchtete am Brebacher Weg in Biesdorf gehen welche“, erzählt Polizzi. Diese hat die Volkssolidarität 2016 übernommen. Aktuell leben in dem ehemaligen Krankenhausgebäude rund 200 Menschen aus 19 Nationen. „Dort fehlen ebenfalls Masken für das Personal – von der Security über die Essensausgabe bis hin zu den Sozialarbeitern.“ Polizzi betont, dass natürlich keine medizinischen Masken hergestellt werden können. „Aber es ist ein psychologisches Moment, wenigstens einfache zu haben.” Denn schon das Tragen einer Maske signalisiert: Abstand halten! “Und sie bieten Schutz für diejenigen, mit denen man in Kontakt kommt.“ Schließlich könne derzeit keiner sicher sein, dass er keine Keime verbreitet.

Durch die Herstellung einfacher, kochbarer Schutzmasken wird auch Druck aus dem Markt genommen. Denn die Versorgung medizinischer Einrichtungen, von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegekräften muss weiter gewährleistet sein. Schon jetzt aber sieht man Menschen, die mit medizinischem Atemschutz umherlaufen. Zu befürchten ist, dass ähnlich wie beim Toilettenpapier ein Hype entsteht – selbst einfache Masken sind in den Apotheken und Drogerien bereits ausverkauft, im Internet werden horrende Summen dafür verlangt. Denn auch in der Krise gibt es Menschen, die vom Unglück anderer profitieren wollen.

Volkssolidarität braucht weitere Spenden

„Wir üben praktische Solidarität“, sagt Martina Polizzi. Täglich würden es mehr Frauen, die sich meldeten und Schutzmasken nähen wollten. Sie appelliert auch an potenzielle Geldspender. Denn die Volkssolidarität kann ihre jährliche Straßensammlung, die im März/April stattfindet, jetzt nicht durchführen. Wer die Arbeit der VS unterstützen will, kann hier spenden:
Kontoinhaber: Volkssolidarität Landesverband Berlin e.V.
Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE70 1002 0500 0003 1412 12
BIC: BFSWDE33BER

Im Internet gibt es viele Anleitungen zum Herstellen einfacher Atemschutzmasken. LiMa+ hat einen guten Artikel dazu auf www.stimme.de gefunden. Dort wird nicht nur die Wirkweise gut darstellt, sondern auch eine einfache “Bauanleitung” für die Behelfs-Mundschutze gegeben.


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