Vor 40 Jahren wurde der Berlins jüngster Bezirk gegründet

Alles Gute, Marzahn!

05.01.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel Zum Vergrößern der Fotos auf das Aufmacherbild klicken!

Marzahn-Hellersdorf. Die Urkunde, unterschrieben vom damaligen Ost-Berliner Oberbürgermeister Erhard Krack, trägt das Datum vom 5. Januar 1979: Heute vor 40 Jahren wurde der Bezirk Marzahn gegründet. Am Nachmittag gibt es im Freizeitforum eine Festveranstaltung mit geladenen Gästen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hält ein Grußwort, Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) die Festrede. Doch das Jubiläum wird das ganze Jahr über gefeiert, Höhepunkt ist ein großes Bürgerfest am 15. Juni in den „Gärten der Welt“.

Ein kleiner Exkurs durch vier Jahrzehnte Bezirksgeschichte und -gegenwart, der keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Alles „Platte“ oder was?

Wohl kaum ein Wort ist in den zurückliegenden Jahren auf so viel Kritik von Marzahnern und Hellersdorfern gestoßen wie der Begriff „Platte“. Denn insbesondere für Menschen, die in den Anfangsjahren in die Großsiedlung gezogen waren, waren die schnell auf der grünen Wiese hochgezogenen, uniformen Häuser mehr als nur eine Bleibe, sondern wurden ihre Heimat. Sie verstanden „Platte“ deshalb häufig als herabsetzend.

In der heute sensationell anmutenden Zeit von nur 15 Jahren waren zwischen 1977 und 1992 in Marzahn und Hellersdorf rund 103.000 Wohnungen in industrieller Bauweise errichtet worden, dazu kam die erforderliche Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten, Verkaufs- und Kultureinrichtungen. S- und U-Bahn wurden bis an die Landesgrenze zu Brandenburg geführt, Straßenbahntrassen und Busverbindung zu den neuen Wohngebieten entstanden. Zum Vergleich: Der Spatenstich für den neuen Flughafen BER erfolgte im Jahr 2006. Wenn die letzte Vorhersage wirklich eintrifft, wird er im Jahr 2020 endlich fertig sein. Die Realisierung des von Pleiten, Pech und Pannen geprägten hauptstädtischen Verkehrsprojektes hätte damit nur ein Jahr weniger gebraucht als seinerzeit der Bau einer ganzen neuen Stadt am nordöstlichen Berliner Rand.

Als Bronx von Berlin verrissen

Waren die Plattenbauten anfangs heiß begehrt, gerieten sie nach der Wende zunächst in Verruf. Als „Bronx von Berlin“ verrissen überregionale Medien wie Spiegel & Co. Anfang der 1990er-Jahre Marzahn – ein Negativimage, mit dem Marzahn und Hellersdorf und die Bewohner der Großsiedlungen über viele Jahre zu kämpfen hatten. Doch das war vor allem die Außensicht. Bewohnerbefragungen ergaben stets eine hohe Wohnzufriedenheit in den Plattenbaugebieten. Auch weil die Häuser dort nach 1990 modernisiert wurden – u.a. neue Haustechnik und farbenfrohere Fassaden bekamen. Nach Berechnungen der Forschungsstelle für Baugeschichte wurden rund vier Milliarden Euro dafür verwendet, die Großsiedlungen zu komplettieren, zu sanieren und zu modernisieren. Dennoch verloren sie Ende der 1990er-Jahre zunehmend an Einwohnern, rund 10.000 Wohnungen standen dort zeitweise leer.

Strieders Idee von Birkenwäldchen

Der Leerstand brachte den damaligen Senator Peter Strieder (SPD), heute als Investorenberater tätig, auf die Idee, Plattenbauten abzureißen und stattdessen Birkenwäldchen zu pflanzen. Dazu kam es bekanntlich nicht, auch durch den energischen Widerstand zahlreicher Marzahner. Mit dem Programm Stadtumbau Ost mussten zwar dennoch ab 2002 etliche Häuser im Bezirk weichen oder wurden etagenweise zurückgebaut. Doch dabei entstand auch Neues wie die mediterran anmutenden Ahrensfelder Terrassen in Marzahn-Nord und die benachbarte Schorfheidelandschaft mit überlebensgroßen Hirschplastiken. Insgesamt wurden mehr als 4.300 Wohnungen in Marzahn-Hellersdorf beseitigt, ebenfalls 142 Einrichtungen der sogenannten sozialen Infrastruktur wie Kitas und Schulen, die heute dringend wieder benötigt werden.

Wieder nahezu Vollvermietung

Längst ist das Wohnen in den Großsiedlungen wieder gefragt, denn die Mietbelastung ist dort bei relativ gutem Komfort geringer als in anderen Teilen Berlins. Bei den Wohnungsunternehmen besteht nahezu Vollvermietung, der Leerstand liegt zwischen ein und knapp zwei Prozent. Deshalb wird wieder neu gebaut. Häuser mit mehr als 2.500 Wohnungen entstanden im Bezirk allein im vergangenen Jahr. Auch dort, wo noch vor 15 Jahren Gebäude abgerissen wurden. Die neuen Wohnungen sind etwas komfortabler als jene in den Plattenbauten, haben allerdings auch ihren Preis. Die landeseigenen Unternehmen schaffen zwar inzwischen zu 50 Prozent geförderten Wohnraum ab 6,50 Euro nettokalt pro Quadratmeter, doch den dafür erforderlichen Wohnberechtigungsschein (WBS) erhält nicht jeder. So beträgt beispielsweise die monatliche Warmmiete für eine geförderte Zwei-Zimmer-Wohnung (55,8 Quadratmeter) in der neuen Joachim-Ringelnatz-Siedlung Süd der städtischen Degewo 501,94 Euro. Eine nicht geförderte, mit 64,3 Quadratmeter nur unwesentlich größere Zweizimmer-Wohnung kostet dort 802,49 Euro (warm). Im sanierten Plattenbau bekommt man mehr Fläche für sein Geld: Für eine 95,2 Quadratmeter große Zweizimmer-Wohnung im 1984 entstandenen Hochhaus Helene-Weigel-Platz 14 verlangt die Degewo 877,22 Euro Warmmiete.

Schuldenberg langsam abgetragen

Marzahn-Hellersdorf kann mit einigen Superlativen aufwarten: Die Plattenbausiedlung ist die größte Europas. Doch mit Kaulsdorf, Mahlsdorf und Biesdorf gibt es dort auch Deutschlands größtes Einfamilienhausgebiet. Einen traurigen Rekord bietet Berlins jüngster Bezirk jedoch ebenfalls: Er ist der einzige in Berlin, der noch Schulden hat. 4,6 Millionen Euro muss der Bezirk (Stand Jahresabschluss März 2018) noch tilgen. Doch der größte Teil der einst rund 45 Millionen Euro betragenden Schulden ist inzwischen abbezahlt. Das Minus war unter Bürgermeister Uwe Klett (PDS) ab 2001 entstanden, der sich nicht dem Spardiktat des Senats beugen wollte. Zwar war der Politiker (seit 1995 Bürgermeister von Hellersdorf, bis 2006 von Marzahn-Hellersdorf) schon 1999 mit einer Verfassungsklage gegen das Berliner Haushaltsgesetz gescheitert. Doch er leistete weiterhin Widerstand – und gab mehr Geld aus, als dem Bezirk von der Landesregierung zugebilligt wurde. Damit wurden vor allem die Kinder- und Jugendarbeit sowie soziale Projekte finanziert. Seit mehr als einem Jahrzehnt muss Marzahn-Hellersdorf deshalb den Gürtel enger schnallen, um das Minus abzubauen. Einen Schuldenerlass, wie anfangs erhofft, gab es nicht.

Herrengedeck ist aus

In den ersten Jahren bis 1990 beschäftigten sich die Stadtbezirksversammlungen mit den Belangen im Bezirk (so weit sie diese selbstständig regeln konnten). Diese Tagungen liefen für Beobachter ziemlich ermüdend ab. Zunächst hielt der Bezirksbürgermeister (immer SED) ein recht umfangreiches Referat, an dessen Anfang üblicherweise Einschätzungen der außen- und innenpolitischen Lage standen. Erst danach kam er auf Probleme des Bezirks zu sprechen. Später folgten ebenfalls vorbereitete Redebeiträge der Volksvertreter. Eine wirkliche Diskussion flammte dabei nur sehr selten auf. Das änderte sich nach 1990 mit der Bildung der Bezirksverordnetenversammlungen (BVV). Dort waren anfangs die Debatten der Parteienvertreter so rege, dass manche BVV erst spät nach Mitternacht beendet wurde. Auch unorthodox ging es damals mitunter zu: In der BVV Hellersdorf fielen Vertreter einer kleineren Fraktion mitunter durch besonders beschwingte Redebeiträge auf. Erst später wurde klar, worauf das zurückzuführen war. Sie hatten sich heimlich unter ihrem Tisch anregendes Herrengedeck aus Sekt und Bier gemischt. Heutzutage verlaufen die Sitzungen des Bezirksparlaments weitaus geordneter und disziplinierter, wenngleich es durchaus zu heftigen Diskussionen und Wortgefechten zwischen den verschiedenen Fraktionen kommen kann. Doch Punkt 22 Uhr ist Schluss. Und Eins gibt es dort längst nicht mehr: Herrengedeck. Wer will, kann jedoch vor dem Tagungssaal Wein trinken, den ein Caterer vorrätig hat – ein Angebot, das aber vor allem Gäste der Sitzung nutzen.

Bürgermeister: mal SPD, mal Linke

Stellte von 1990 bis 1995 in Marzahn und Hellersdorf (1986 aus Marzahn ausgegründet, seit 2001 wiedervereint im Großbezirk Marzahn-Hellersdorf) die SPD die Bezirksbürgermeister, folgte darauf die PDS. Diese holte 2001 sogar die absolute Mehrheit. 2011 kam durch eine Zählgemeinschaft erneut ein SPD-Mann ins Bürgermeisteramt. Inzwischen ist der Chefposten wieder bei der Linken. Bei den BVV-Wahlen 2016 halbierte sich das prozentuale Ergebnis der Partei Die Linke jedoch gegenüber 2001 auf 26,0 Prozent. Die AfD verbuchte in Marzahn-Hellersdorf ihr berlinweit bestes Ergebnis (23,2 Prozent BVV-Wahl; Abgeordnetenhaus: 2 Direktmandate und 23,6 Prozent der Zweitstimmen). Linke und Rechtspopulisten haben also annähernd die gleiche Zustimmung gefunden – auch ein besonderer Fall in der Hauptstadt.

Grüner geht’s kaum

Fragt man Marzahn-Hellersdorfer, was sie an ihrem Bezirk besonders schätzen, ist die häufigste Antwort: das viele Grün. Von der Aussichtsplattform „Wolkenhain“ auf dem 102 Meter hohen Kienberg sind nicht nur das grüne Band des Wuhletals zu erkennen und die Gärten der Einfamilienhausgebiete, sondern auch großzügige Innenhöfe in den Quartieren der Großsiedlungen und Grünanlagen wie der altehrwürdige Schlosspark Biesdorf, der 1992 eröffnete Bürgerpark an der Lea-Grundig-Straße und der 2007 mit Mitteln aus dem Stadtumbau-Programm geschaffene Hochzeitspark im Quartier Mehrower Allee.

Einen Schub gab der Entwicklung auch ein beherztes Ja der Bezirksregierung, als 2013 vorgeschlagen wurde, die IGA Berlin 2017 in den „Gärten der Welt“ und angrenzenden Gebieten des Wuhletals statt auf dem anfangs dafür vorgesehenen Tempelhofer Feld zu veranstalten. Nicht allen Anwohnern gefiel das, waren doch deshalb seit Ende 2014 bis Februar 2018 der Kienberg und das angrenzende Gelände mit Zäunen umgeben. Das Resultat kann sich allerdings sehen lassen. In den kostenpflichtigen „Gärten der Welt“ entstanden neue Attraktionen wie die Tropenhalle, internationale Gartenkabinette und eine Wasser-Promenade. Kostenfrei wurde der öffentliche Kienbergpark, den täglich viele Spaziergänger nutzen. Dort gibt es Wanderwege und Spielplätze, Ruhebänke, ein Plateau am See und ein Umweltbildungszentrum. Sogar Berlins erste und einzige Kabinenseilbahn verkehrt zwischen Hellersdorfer Straße und Blumberger Damm mit Stopp auf dem Kienberg. Sie wurde ebenfalls zur IGA errichtet. Ob sie nach Auslaufen des Vertrags mit dem Betreiber, der Leitner AG aus Südtirol, ab 2021 weiterbetrieben wird, steht noch nicht fest. Politiker verschiedener Parteien machen sich dafür gegenüber dem Senat stark.

Sowohl die international stark beachteten „Gärten der Welt“ als auch der Volkspark werden nicht nur von den Marzahn-Hellersdorfern besucht, sondern immer mehr auch von anderen Berlinern und Brandenburgern sowie Touristen. Auch das dürfte dazu beitragen, das Klischee vom tristen Plattenbaubezirk weiter abzubauen.

Wie ist der Marzahn(-Hellersdorf)er?

Und wie ist er nun, der typische Marzahn-Hellersdorfer? So, wie es uns das Stadtmagazin Tip immer mal wieder in seinen lustigen Berliner-Bezirke-Karten glauben lässt – proletarisch, etwas rüpelig, ungebildeter RTL II-Gucker mit ziemlich wenig Geschmack (lange, gestylte Fingernägel, Jogginghosenträger)? Auch wenn wir herzlich darüber lachen können und es zum Thema Geschmack durchaus verschiedene Meinungen gibt (sind Hipster-Bärte wirklich schön?) – in Marzahn-Hellersdorf ist man vor allem Eines: so verschieden wie anderorts ebenfalls. Geht ja auch nicht anders bei über 267.000 Einwohnern – fast 90.000 Menschen mehr als in Saarbrücken, der Hauptstadt des Saarlandes.

Birgitt Eltzel wohnt seit 1986 in Marzahn-Hellersdorf. Seit 1987 berichtet sie aus der Region, bis 2013 als Redakteurin für die Berliner Zeitung, danach für LiMa+. Als Schulkind aus Berlin-Hohenschönhausen hatte sie das erste Mal Mitte der 1960er-Jahre bei einem Wandertag Marzahn besucht – eine Exkursion zur LPG Edwin Hoernle. Im Dorfkrug Marzahn gab es dann Bockwurst und Brause. Die Gaststätte im restaurierten Angerdorf Alt-Marzahn existiert noch heute (Historisches Gasthaus Marzahner Krug), die LPG wurde nach der Wende 1989/90 abgewickelt. Auf dem ehemaligen LPG-Gelände entstand in den 1990er-Jahren das Wohngebiet Landsberger Tor und der Wiesenpark. An der benachbarten Hasenholzer Allee wurden 2017 neue Wohnungen bezogen. 

Drei Zeitzeugen (hier zum Nachlesen), den ersten Marzahner Bezirksbürgermeister Gerd Cyske, die Linken-Abgeordnete Regina Kittler, und den Chef des Standortmarketings, Oleg Peters, stellten wir zum 35. Jahrestag der Marzahn-Gründung vor. Alle drei sind voraussichtlich auch heute Nachmittag beim Festempfang zu 40 Jahre Marzahn dabei.

In unserer Bildergalerie (siehe nebenstehende Fotos) stellen wir Ansichten aus dem Bezirk vor.

 

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